Prozessauftakt

Baby-Mord in Soest: "Ich habe sie vergessen"

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Die wegen Mordes Angeklagte Bianca N. sitzt am Dienstagmorgen neben ihrem Anwalt Matthias Meier im Saal des Landgerichts Arnsberg.

ARNSBERG/SOEST - Ein Baby verhungert in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus während die Mutter tagelang feiert. Der Fall aus Soest sorgte im November bundesweit für Entsetzen. Seit Dienstag muss sich die 22 Jahre alte Mutter vor dem Schwurgericht in Arnsberg wegen Mordes verantworten.

Von Jörg Taron

Sie soll das Kind absichtlich allein gelassen haben, damit es stirbt - so die Anklage. Die junge Frau gab zum Prozessauftakt zu, ihre Tochter allein gelassen zu haben, eine Tötungsabsicht stritt sie aber ab.

Die 22-Jährige sagte, sie habe eigentlich nur einige Stunden feiern wollen, während ihre Tochter schlief. Sie habe das Kind gebadet und gefüttert und dann in ihr Bett gelegt. Dann sei sie ins etwa 50 Kilometer entfernte Münster gefahren. In einer dortigen Disco besuchte sie eine mehrere Tage dauernde Halloween-Party. "Dann habe ich Drogen konsumiert und meine Tochter vergessen", so die junge Frau. Sie sei von Donnerstagnacht bis Sonntag "im Rausch" gewesen und habe erst dann wieder an ihr Kind gedacht. Ihrem Begleiter erzählte sie, dass der Säugling von den Großeltern betreut werde.

Eindrücke vom ersten Prozesstag:

Prozess Soester Babymord in Arnsberg

Als sie am Montag zurück in ihre Wohnung kam, habe ihre Tochter immer noch auf ihrem Bett gelegen und sei tot gewesen. Daraufhin fuhr die 22-Jährige kurz darauf wieder nach Münster und kam erst rund zwei Wochen später zurück nach Soest. Erst dann wurde das Drama entdeckt, die junge Frau verhaftet.

Die Anklage geht davon aus, dass die Frau ihrer Tochter sterben lassen wollte, weil sie ihrem Leben im Wege stand. "Grausam und aus niederen Beweggründen durch Unterlassen" - so die Begründung der Mordanklage. Diese Einschätzung wurde am ersten Verhandlungstag von einem Rechtsmediziner untermauert, der den Leichnam des knapp vier Monate alten Mädchens obduziert hatte. Das Kind habe deutliche Anzeichen von Mangelernährung gehabt, die nicht allein auf die Tage ohne Nahrung zurückzuführen sind. Vielmehr müsse das Baby auch schon vorher nicht ausreichend versorgt worden sein, so der Experte.

Bislang geht das Gericht davon aus, dass die junge Frau, die ursprünglich aus Wittmund stammt, voll schuldfähig ist. Ein Gutachten wurde aber bisher ausschließlich aufgrund von Akten erstellt, weil die Angeklagte nicht mit einem Psychologen reden wollte. Zum Prozessauftakt kündigte ihr Verteidiger an, dass die Frau sich möglicherweise doch noch untersuchen lässt. Auch zu den Vorwürfen hatte sich die 22-Jährige im Vorfeld des Verfahrens nicht geäußert. Im Schwurgerichtssaal nahm sie erstmals Stellung und berichtete auch über ihre eigene Kindheit und Jugend.

Insgesamt hat das Gericht noch fünf weitere Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil soll Anfang Juli gesprochen werden. Bis dahin will das Gericht noch eine Vielzahl von Zeuge aus dem Umfeld der Angeklagten und mehrerere Gutachter hören.

Ein weiterer Verteidiger, Volker Cramer aus Soest, hatte direkt zu Beginn das Mandat niedergelegt, da er kein Vertrauensverhältnis zur Angeklagten habe aufbauen können. Auch zu den Vorwürfen hatte sich die 22-Jährige im Vorfeld nicht geäußert. Im Gerichtssaal nahm sie erstmals Stellung.

Fotos vom Tatort in Soest:

Baby tot in Soester Wohnung gefunden

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