Heinrich Hausers Reportage: „Schwarzes Revier“

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Endstation. Die Verkehrsbetriebe im Ruhrgebiet kooperierten nicht. Fahrgäste müssen umsteigen. Fotografiert von Heinrich Hauser „Schwarzes Revier“.

Von Achim Lettmann–Eine Dampflok saust vorbei. Ein schweres schwarzes Ungetüm. Vor dem Bahndamm warten Fahrradfahrer und Autos, um ihren Weg fortzusetzen. Der Fotograf Heinrich Hauser hat diesen Augenblick irgendwo im Ruhrgebiet 1928 festgehalten.

Er will die Wucht und das Tempo vermitteln, das im Arbeitsalltag spürbar wird. Er weiß, dass der „Schwerkraftverkehr“ oberste Priorität zwischen den Industriestandorten genießt. Sportwagen-Fahrer wie er sind an Lippe und Ruhr selten – damals. Arbeiter gehen zu Fuß oder fahren Rad. Vor allem Güter und Produkte werden mit dem Auto transportiert.

Heinrich Hauser war zu einer klassischen Reisereportage ins Ruhrgebiet aufgebrochen. Der S. Fischer Verlag, mit Sitz in Berlin, hatte ihn aufgefordert. Hauser, damals 27 Jahre alt und schon ein bekannter Journalist, war einer der rasenden Reporter seiner Zeit. Seine Fotografien aus dem Ruhrgebiet zeigen allerdings weniger das hastige Leben der jungen Weimarer Republik als vielmehr die verblüffenden Formen der Industrie, der Bergarbeitersiedlungen, der Brücken, Schornsteine, Kühltürme, Kähne, Strommasten, Kohlenbänder, Bergehalden und Konsum-Anstalten. Eine nüchterne, merkwürdige Welt. Als Vertreter der Neuen Sachlichkeit bestaunte er den Automatismus im Leben, die Zwänge der Produktion und den Eigensinn des Fortschritts. Neben Fotografen wie Erich Salomon, Otto Umber (Umbo), Alfred Eisenstaedt oder Felix H. Man steht auch Hauser für das „Neue Sehen“, ein fotografisches Bekenntnis.

Heinrich Hauser verfasste Texte zu seinen Fotos. 1930 erschien das Reportagebuch „Schwarzes Revier“. Es ist ein Zeugnis über die Entwicklung des Ruhrgebiets. Hauser bezeichnete die Prosperität selbst als „amerikanisches Wachstum“. Für die Städte an der Ruhr suchte man seinerzeit einen Begriff. „Städtestadt“ war im Gespräch oder „Gigant an der Ruhr“. Im Kulturhauptstadtjahr wird von der „Ruhr-Metropole“ gesprochen.

Erstaunlich ist, dass Heinrich Hausers Beschreibung Grundzüge des Reviers skizzieren, die heute noch spürbar sind. Seine Reisereportage ist der Klassiker. Kein zweiter hat das Revier, seine Produktionsstätten und seine Menschen so aufgeschlossen beobachtet und durchdrungen wie er. Es ist eine publizistische Leistung im Kulturhauptstadtjahr, dass das „Schwarze Revier“ in bearbeiteter Form wieder aufgelegt wurde. Von den 127 Fotografien, die Hauser damals gemacht hatte, sind noch 67 als Negativ vorhanden. Sie wurden behutsam nachbearbeitet und folgen in der Neuauflage dem Textteil.

Der Sammler Peter Geller hatte in den 70er Jahren den Nachlass des Folkwang-Auria-Verlagsarchivs erworben. Darunter die Fotografien von Hauser. Nur mithilfe seines Fundus war es dem Weidle Verlag möglich das Buch zu produzieren. Außerdem ist derzeit eine Ausstellung im Essener Ruhrmuseum auf der Zeche Zollverein zu sehen, die rund 111 Fotografien Hausers präsentiert: „Schwarzes Revier“, bis 26. Februar.

Hauser geht ganz unvoreingenommen vor. Das Selbstverständnis des modernen Journalisten bestand darin, das zu verschriftlichen, was sein „Auge“ sah. Ohne politische Deutungen beschrieb er das Ruhrgebiet. Dabei staunte er („Denn tatsächlich wachsen die Städte des Reviers zusammen“), er wunderte sich („Das Laub ist grau, nicht grün“), und er feierte den positivistischen Blick: „Es gibt keine Erscheinung auf der Welt, die sich hiermit irgendwie vergleichen ließ.“

Heinrich Hauser (1901-55) zu lesen, – er schrieb auch Romane („Brackwasser“) – ist eine Erfahrung mit der Vergangenheit. So hat er die Menschen im Revier, die neudeutsch „Ruhris“ heißen, als „Menschenklasse“ und „Proletariat“ erfasst. Er traute ihnen allerdings zu, dass sie begriffen haben, wie wichtig Bildung für ihre Kinder und eine trockene Wohnung sind. „Kultivierung“ nennt er das und „inneren Ausbau“. Der Bergmann ist für Hauser kein Städter, sondern ein „Bodenbauer“. Dazu schafft Hauser herrliche Bilder und Metaphern, wenn er schreibt: „Der Bergbau ist eine Art von Landwirtschaft, eine Ausbeutung des Bodens, nur das die ,Felder‘ unter der Oberfläche liegen.“

Bereits 1919 war Hauser als 17-Jähriger bei Krupp. Er machte ein Arbeitspraktikum in einer Eisenhütte, wo Stahl aus dem Hochofen strömte. Wie heiß und schwer die Maloche war, ist hautnah zu lesen und ein präzises Stück Industriegeschichte, als von Industriekultur noch keine Rede war.

Hauser hat sich in diese krude Arbeitswelt gestürzt, er hat Düsseldorf mit zum Ruhrgebiet gezählt und die Emscher südlich der Ruhr verlegt. Alles Ungenauigkeiten, die vielleicht der Hast und Begeisterung seines Erlebens geschuldet sind. 6000 Kilometer will er mit seinem Auto gefahren sein – im Revier.

Das Buch

Heinrich Hauser: Schwarzes Revier. Hrsg. von Barbara Weidle. Weidle Verlag, Bonn. 127 Abbildungen. 224 S. 19,90 Euro.

Die Ausstellung

„Schwarzes Revier“ im Ruhrmuseum Essen. Bis 26. Februar; täglich 10 bis 19 Uhr.

Info-Tel. 0201/88 45 200

http://www.ruhrmuseum.de

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