Leben an der A2: Heinrich-Friedrich Röer ist seit 40 Jahren direkter Nachbar

„Der Verkehr war ja damals noch gar nichts“

813.05.10|BönenFacebook
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NORDBÖGGE ▪ Eigentlich mag Heinrich-Friedrich Röer seine Heimat Nordbögge. Er schätzt die saftigen, grünen Wiesen und die blühenden Rapsfelder in der Umgebung. Doch mitten durch die Landschaft schlängelt sich die A 2. Auf ihr donnern täglich unzählige Autos, Lkw und Busse vorbei – und das ausgerechnet im Vorgarten von Röer.

Niemand

Heinrich-Friedrich Röer steht in seinem Garten – direkt vor der 2009 errichteten neuen Lärmschutzwand: ein riesiges, alufarbenes Monstrum, das den Lärmpegel der Autos auf der Autobahn 2 dämpfen soll. ▪

Er und seine Frau wohnen nur wenige Meter von der Autobahn entfernt. Glaubt man dem Navigationssystem, steht man schon auf dem Seitenstreifen. Doch wie lebt es sich zwischen ländlichem Idyll und pausenlos donnerndem Verkehr? Der 67-Jährige spricht mit ironischen Unterton von Nordbögge als „Insel der Glückseligkeit – eingerahmt von der Autobahn zur einen und der Eisenbahn zur anderen Seite.“

1970 ist er mit seiner Frau in die Bönener Straße gezogen. Da war die Autobahn schon da. „Was zieht er auch dahin“, wettern die, die kein Verständnis für Röer und andere klagenden Anwohner haben. Aber Röer gibt zu bedenken: „Der Verkehr war ja damals noch gar nichts. Da war es noch human. Heute jagt ja ein Auto das andere.“ Die drei Kinder von Heinrich-Friedrich Röer sind mit der und an der Autobahn groß geworden. Davon zeugen die Fotos im Familienalbum. Im Vordergrund spielen die Kleinen, im Hintergrund zieht die Blechlawine vorbei.

Nachdem Anfang der 1980er Jahre entlang des Wohngebiets eine erste Lärmschutzwand aus Beton errichtet wurde, begannen ruhigere Zeiten für die Familie auf ihrem 2 500 Quadratmeter großen Grundstück. Zumindest im Haus.

Wenn Verwandte und Bekannte zu Besuch kommen, ist die Autobahn immer ein Thema. „Das ist schon unser ganzes Leben lang so gewesen“, sagt Röer. Obwohl er es langsam nicht mehr hören könne und gelegentlich entgegnet: „Lasst mich damit zufrieden.“ Im Alltag will er dem Thema nicht immer Raum geben. Die Autobahn sei nun mal da. „Das ist reine Gewöhnungssache“, sagt er.

Aber dann gibt es Zeiten, in denen es dem Mann zu bunt wird. Das vergangene Jahr war so eine Zeit. „2009 hat mir ordentlich zugesetzt. Das Jahr ist ein verlorenes Jahr in meinem Leben“, erzählt er. Grund für den Ärger: der Abriss der alten Lärmschutzwand und der Bau der neuen. „Das war ein Überraschungsangriff“, erinnert sich Röer. Ein großer Abrissbagger habe die Betonwände plötzlich umgeworfen – ohne jede Vorwarnung. „Wie Bomben“ seien sie gefallen. „Die Tassen im Schrank sind fünf Zentimeter hoch gesprungen“, berichtet er.

Das war im Februar. Die neue Wand kam im Herbst. Im Sommer draußen sitzen? Das sei undenkbar gewesen. Jedes vorbeifahrende Auto konnte einen Blick in den Garten der Röers werfen. Am dichtesten Punkt trennen Autobahn und Haus gerade einmal zehn Meter. Von Lärm und Dreck ganz zu schweigen. Heinrich-Friedrich Röer erzählt, dass er im vergangenen Sommer fast täglich bei Straßen.NRW angerufen habe, um sich über irgendetwas zu beschweren. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern um sein Leben halbwegs erträglich zu machen. Meist hätten die Bauarbeiter bei Trockenheit vergessen, die Autobahn-Baustelle einzufeuchten, damit sich Staub und Dreck in Grenzen halten. Im Herbst war sie dann endlich da, die neue Lärmschutzwand. Ein riesiges, alufarbenes Monstrum. Ein Gutes kann Röer der grauen Front wenigstens abgewinnen: „Der gelbe Streifen passt immerhin zu meinem Lieblingsverein Borussia Dortmund.“ Ansonsten aber habe die Neuanschaffung keine Verbesserung gebracht. Das zumindest ist sein Empfinden. Und damit steht er nicht alleine da.

Röers Nachbar Rolf Borgschulze sagt: „Das ist kein Lärmschutz, das ist Sichtschutz.“ Jedes einzelne Auto könne man hören. Er habe bei sich zu Hause den Lärm gemessen: Spitzenwerte von 90 dbA wurden angezeigt. Zur besseren Einordnung: 55 Dezibel bedeutet, ein anderer Mensch redet ständig laut auf einen ein. 70 Dezibel verursacht ein Rasenmäher im Schnitt. Schlafen bei offenem Fenster sei also unmöglich – außer bei Stau, dann herrsche himmlische Ruhe. „Die alte Mauer hielt meiner Meinung nach den Schall besser zurück“, sagt Borgschulze und Röer stimmt ihm zu. Heinrich-Friedrich Röer ärgert sich vor allem, dass ihm diese neue Wand auch noch als „Wertsteigerung“ verkauft worden sei. Abhängig sei der Lärm in Nordbögge auch vom Wetter. Vor allem bei Südwest-Wind – und den habe man in der Ortschaft meistens – sei es laut. „Bei Regen wird es dann ganz schlimm“, berichtet Röer, „dann fangen die Reifen an zu singen.“ Selbst einige Stunden vor einem Schauer sei das so. Die Anlieger der Autobahn könnten wunderbar das Wetter vorhersagen. Auch auf den versprochenen Flüsterasphalt setzt der Mann, der seit 40 Jahren an der Autobahn lebt, nicht allzu große Hoffnungen.

„Von der Politik habe ich keine gute Meinung mehr“, sagt Röer. „Die prahlen nur alle, unternehmen aber nichts“, ist seine Erfahrung. Spezielle Fenster seien bei ihm zum Beispiel abgelehnt worden, bei einem Nachbarn einige 100 Meter weiter aber bewilligt worden. Und dann soll es keine Feinstaub-Messstation geben – für Röer völlig unverständlich. „Der Lärmschutz soll besser werden, aber die Luft wird ganz frech verdrängt“, sagt der 67-Jährige. Der Lärm ist hörbar. Aber was liegt alles in der Luft, was man mit bloßem Auge nicht sieht? Immerhin hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) NRW 2009 zwei Passivsammler aufgestellt, die die Stickstoffoxide (NO2) in der Luft messen. Das Ergebnis: Der seit 2010 einzuhaltende Grenzwert für das NO2-Jahresmittel von 40 Millionstel Gramm pro Kubikmeter wurde überschritten. Aber was ist mit dem Feinstaub? Auch darüber hätte Röer gerne Klarheit. Eine Feinstaubmessstation hatte die Gemeindeverwaltung 2008 wegen zu hoher Kosten abgelehnt. Jetzt aber müssen die Bezirksregierung Arnsberg und die Gemeinde Maßnahmen einleiten. Heinrich-Friedrich Röer ist gespannt, wie der Luftreinhalteplan aussehen wird. ▪ acn

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