BERGKAMEN ▪ USA, Australien, Kanada – das sind die beliebtesten Ziele, wenn es darum geht, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen. Auch auf der Liste von Robin Reh. Doch der Oberadener Schüler fügte ein weiteres hinzu: Japan. Einige Vorstellungsgespräche bei der Austauschorganisation Youth For Unterstanding (YFU) später traf diese Entscheidung: Robin sollte nach Japan fahren. Eine Entscheidung, die er selbst auch getroffen hätte.

Für die Tee-Zeremonie sitzt man auf Tatamimatten, so wie hier Robin Reh mit seinem Gastbruder Otoya (2.v.r.) und weiteren Freunden. J
Warum Japan? „Es ist ein Bauchgefühl gewesen“, erklärt der mittlerweile 18-Jährige. Ein Bauchgefühl, das sich auch im Nachhinein als richtig erwiesen hat. Berührung mit Japan hatte er nur geringe: „Mein Großvater hat dort mal vier Jahre gelebt, an ein paar Erzählungen kann ich mich erinnern.“ Weil Japanisch im Schulalltag gar nicht und auch sonst selten vorkommt, begann Robin Reh direkt mit der Zusage einen Japanisch-Kursus an der Dortmunder Volkshochschule. Bis zur Abreise lernte er intensiv die Sprache, doch: „Es werden einem nur die Grundzüge klar. Als ich in Japan mit dem Alltag konfrontiert wurde, habe ich kaum etwas verstanden.“
Doch Robin war sofort begeistert. „Ich war in einer tollen Gastfamilie“, erzählt er. Die Eltern und seine Gastbrüder – der eine etwas jünger, der andere etwas älter als er selbst – haben ihm die Eingewöhnung leicht gemacht. „Wir hatten und haben immer noch ein gutes Verhältnis.“ Noch in den vergangenen Herbstferien hatte er sie besucht.
Nagoya wurde ein Jahr lang zu einem zweiten Zuhause für den Schüler der Städtischen Gymnasiums. Die drittgrößte Hafenstadt Japans beheimatet rund 80 000 Einwohner auf einer Fläche, die der von Bergkamen gleicht. Dort besuchte er die elfte Klasse. „Übrigens beginnt das neue Schuljahr dort im April“, erzählt Robin, „ich musste also ein bisschen antizyklisch reisen“. Also verließ er Deutschland bereits in der zehnten Klasse und kam zum Ende der elften zurück.
Klar kann er mittlerweile sehr viel besser japanisch sprechen und verstehen. Aber vor allem ist der 18-Jährige begeistert von der japansichen Kultur und von den Menschen. „Die ist schon in Teilen ganz anders“, sagt er. Zum Beispiel? „Diplomatie und Zurückhaltung wird dort gelebt“, antwortet Robin Reh. „Während wir Deutschland meist direkt sind, mit der Tür ins Haus fallen und dabei vielleicht Menschen vor den Kopf stoßen, nimmt der Japaner erstmal nur zur Kenntnis.“
In Japan sei man stets um Harmonie bemüht. „Wenn einen Japaner etwas stört, dann rückt er damit nicht sofort raus“, erklärt der Japan-Fan Robin. „Vielmehr versucht er irgendwann vorsichtig, einen darauf hinzuweisen.“ Deshalb sei es wichtig, neben der Sprache die Gepflogenheiten eines Landes und die Kultur der Menschen kennen zu lernen.
Schon bald nach seiner Rückkehr begann Robin Reh, sich ehrenamtlich bei YFU zu engagieren. Bei der gemeinnützig arbeitenden Organisation begleitete er Auswahlgespräche und nahm an Stammtischen teil. Vor kurzem ist man an den Oberadener herangetreten mit der Frage, ob er in seiner Heimatstadt einen vierwöchigen Sprach- und Orientierungskursus für japanische Austauschschüler auf die Beine stellen wolle. „Da habe ich sofort ja gesagt, denn Organisation und Planung macht mir großen Spaß.“
Die größte Herausforderung an dieser Aufgabe ist, zehn Gastfamilien in Bergkamen und der näheren Umgebung zu finden, die die japanischen Schüler während dieser vier Wochen beherbergen. Robin Reh erklärt: „Die Schüler brauchen vor allem Kost und Logis, mehr kommt auf die Gastleute nicht zu. Denn die Besucher sind ja in der Woche erstmal von morgens bis nachmittags in dem Kursus.“ Wer sich natürlich darüber hinaus engagieren und den Gästen, die zwischen 15 und 18 Jahren alt sind, mehr zeigen und vermitteln möchte, dem seien keine Grenzen gesetzt.
Nach den vier Wochen verabschieden sich die japanischen Austauschschüler dann und fahren zu den Familien, wo sie das restliche Deutschland-Jahr verbringen. „Diese erste Gastfamilie ist natürlich prägend für die Japaner, denn dabei bekommen sie die ersten Eindrücke von den Deutschen und deren Kultur.“
Der 18-Jährige fügt hinzu: „Allerdings bekommt man eben auch etwas von den Japanern vermittelt, und das ist natürlich ebenfalls bereichernd.“
Natürlich muss niemand in der Gastfamilie japanisch können – „sie sollen ja Deutsch sprechen“. Gastfamilien, das können Familien, Paare und Einzelpersonen sein. „Man muss dem Gastschüler auch nicht zwingend ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen, sie können sich durchaus eines mit einem Kind der Familie teilen“, sagt Robin Reh. In dem Fall achte er darauf, dass Mädchen zu Mädchen oder Junge zu Junge komme.
Dass ein solcher Kontakt bereichernd sein kann, hat Robin Reh selbst erfahren. Wenn man eine andere Kultur kennen lerne, so sein Eindruck, reflektiere man auch mal die eigene. Er verspricht: „Der persönliche Kontakt zu dieser Kultur ist das ultimative Japan-Erlebnis – spannender als jedes Buch. ▪ mar
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