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Martin Schulte will Angehörige unterstützen und demente Menschen einbeziehen

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Von: Kira Presch

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Martin Schulte und Sebastian Bolz (von rechts) in Besprechung mit Angehörigen
In der Besprechung der Trauerfeier und Beisetzung versuchen Martin Schulte und Sebastian Bolz (von rechts) mit den Hinterbliebenen zu klären, ob ein dementer Angehöriger in die Bestattung eingebunden werden soll. © Robert Szkudlarek

Wenn ein Familienmitglied stirbt, womöglich der Ehepartner, wie geht man dann mit einem Demenzkranken um? Soll der erkrankte Vater besser zu Hause bleiben oder Abschied nehmen können? Der Bestatter Martin Schulte hat sich diese Fragen gestellt und sich in einem Seminar Hilfe zur Hilfe geholt.

Bönen – Wir werden – statistisch gesehen – immer älter, das ist positiv. Aber immer mehr Menschen erkranken an Demenz. Oft können wir nur ahnen, was in dem erkrankten Menschen vorgeht. In vielen Bereichen stellt sich die Frage, wie gehen wir angemessen damit um? Immer öfter stellt sich diese Frage auch, wenn ein Todesfall in der Familie eintritt. Soll der demente Mensch einbezogen werden oder nicht? Diese Frage beschäftigte auch den Bönener Bestatter Martin Schulte zunehmend. Er absolvierte eine Schulung, die ihm Hilfestellungen gab, wie demenzerkrankte Menschen bei Trauer und Bestattung einbezogen werden können.

Papa zu Hause lassen?

„Wir haben bei der Vorbereitung einer Bestattung immer öfter mit Angehörigen zu tun, die ein dementes Familienmitglied betreuen und unsicher sind, ob der Betroffene an der Beerdigung teilnehmen sollte oder ob man ihn da ganz abschirmt“, erzählt Martin Schulte. Bei den Gesprächen mit den Angehörigen hörte er immer wieder Argumente wie: „Papa nimmt besser nicht an der Beerdigung seiner Frau teil, weil er dement ist und in seiner eigenen Welt lebt. Der versteht ja gar nicht, was da passiert.“

„Ist das wirklich so? Ich fand es wichtig, mich genauer mit dem Thema auseinanderzusetzen, habe eine Weile recherchiert und schließlich mit meinem Mitarbeiter Sebastian Bolz an einem Wochenendseminar teilgenommen, das der Bund freier Bestatter anbietet.“

Da habe er zunächst gelernt, was Demenz überhaupt ist, aber auch zu verstehen, wie wirkt sich die Krankheit aus und wie kann man mit Demenzerkrankten umgehen, wie kann man sie einbinden. Wichtig sei aber auch, die Angehörigen zu verstehen, die nervlich aufgerieben sind durch den Todesfall eines geliebten Menschen und durch die Betreuung des Demenzkranken, was oft sehr viel Kraft kostet.

Kompetente Hilfe anbieten

„Es war mir wichtig, den Angehörigen auch da kompetente Unterstützung anbieten zu können“, sagt Schulte. „Ich fand die bildhafte Erklärung der Seminarleiterin sehr hilfreich, dass man sich ein Bücherregal vorstellen muss, gefüllt mit jeder Menge Bücher – das sind unsere Erinnerungen. Durch die Erkrankung sind vielleicht die Bücher von 1970 bis heute nicht mehr vorhanden. Der Erkrankte hat keinen Zugriff mehr“, erzählt Martin Schulte. Das seien dann auch die Situationen, mit denen er als Bestatter umgehen muss. „Der Demenzkranke begreift nicht, warum seine Frau jetzt beerdigt werden soll. Die Kinder versuchen verzweifelt, ihm klarzumachen, dass Mama gestorben ist, aber er kann nicht realisieren, dass seine Lebenspartnerin tot sein soll. In seiner Realität fährt er doch gleich mit ihr zum Gardasee.“

Wie soll man sich da verhalten? Den Vater von der Zeremonie ausschließen und zu Hause lassen, weil er nicht begreift, was da passiert oder ihn einbinden und ihm die Möglichkeit zum Abschied nehmen geben? „Das lässt sich nicht pauschal beantworten und hängt vom Einzelfall ab. Ich bin sicher kein Fachmann, aber ich kann die Situation mittlerweile anders einschätzen.“ Inzwischen weiß Martin Schulte, dass es den typischen Demenzkranken nicht gibt. Es gibt verschiedene Stadien der Krankheit und unterschiedliche Krankheitsbilder. Aber jeder Mensch sei eben anders.

Gleich zwei Tabuthemen

Tod und Demenz – gleich zwei Tabuthemen, über die man nicht gerne spricht. Dennoch sei es wichtig, vorab offen darüber zu sprechen, und wo es möglich ist, den demenzkranken Menschen mit einzubinden. Vor allem da, wo die Krankheit noch Raum für lichte Momente gibt, wo ein Erkennen noch möglich ist.

„Ich habe schon erlebt, dass der Erkrankte plötzlich sehr klar erkennt, dass er jetzt Abschied von seinem verstorbenen Partner nimmt und dafür sehr dankbar ist – auch wenn er das ein paar Stunden später vielleicht vergessen hat“, erzählt Martin Schulte. Es könne aber auch passieren, dass der Witwer am offenen Grab plötzlich ungehalten wird und sich lauthals beschwert, was er hier eigentlich soll, er will jetzt ein Bier trinken gehen.

Die Situation möglichst gut auffangen

„Wenn ich darauf vorbereitet bin, kann ich dem Erkrankten jemand zur Seite stellen, die Zeit der Beerdigung auf eine geeignete Tageszeit legen und auch gelassener reagieren und die Situation abfangen.“ Als Bestatter sei er emotional nicht so beteiligt wie die Angehörigen. Für sie ist die Situation doppelt schmerzhaft: Sie müssen von einem geliebten Menschen Abschied nehmen und erleben eine „fremde“ Person, deren Verhalten oft unverständlich ist, weil sich die vertraute Persönlichkeit des Demenzkranken komplett verändert hat. Zwei Abschiede zugleich, die schwer zu verkraften sind.

„Wichtig ist“, betont Martin Schulte, „dass nichts peinlich ist, und sich niemand schämen muss für das Verhalten eines kranken Menschen.“

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