Wynton Marsalis und das Jazz at Lincoln Center Orchestra in Dortmund

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Die hinreißende Leichtigkeit des Jazz demonstrierte Wynton Marsalis (vorn), mit Bassist Carlos Henriquez, Drummer Ali Jackson und Trompeter Ryan Kisor im Konzerthaus Dortmund.

DORTMUND - Wynton Marsalis lässt sich vom Tag inspirieren. Der Dienstag, der Mardi Gras, ist Höhepunkt des Karnevals in New Orleans. Marsalis wünschte dem Publikum im Konzerthaus Dortmund „Happy Mardi Gras“ und stimmte mit einem Oktett Jelly Roll Mortons „Dead Man Blues“ an. Ein tiefer Griff in die Tradition, mit dem markant rumpeligen Rhythmus, mit brillanten Soli an Klarinette und Trompete. Das Publikum im fast ausverkauften Haus war vom ersten Ton an entzückt.

Es war der einzige Deutschland-Termin bei der Europa-Tournee des Jazz at Lincoln Center Orchestra, und man wird ihn so schnell nicht vergessen. Marsalis, geboren 1961 in New Orleans, gehört zu den größten Virtuosen des Jazz – und hat ebenso als Interpret von Barockmusik brilliert, und er hat neun Grammys gewonnen. Das Orchester ist seit 1996 fester Bestandteil des Lincoln Center, einer der größten Kultureinrichtungen in New York. Das Ensemble ist das Aushängeschild für viele Aktivitäten der Nachwuchsförderung und der Werbung für den Jazz.

Marsalis selbst steht mehr für Traditionspflege als für Avantgarde. Und das Orchester setzt seine Schwerpunkte in den verschiedenen Ausprägungen des Jazz zwischen Kriegsende und etwa 1965. Den Auftakt des Dortmunder Konzerts kann man als eine Geschichtsstunde auffassen, fünf Titel wiesen zurück in die vormoderne Ära des Genres. Ausgeführt freilich wurde das Programm von ausgefuchsten Virtuosen. Und so schnell wird man Mortons „Tom Cat Blues“ nicht mehr so brillant hören wie mit Marsalis, der die Trompete zum Sprechen brachte, sie quietschen, krächzen, fauchen, schnattern und heulen ließ, der dem Ton mal ein energisches Vibrato unterlegte, um dann wieder einen hohen Flötenton zu erklimmen und darauf guttural growlte.

Marsalis, Gründungsdirektor des Orchesters, war der Chef auf der Bühne. Er sagte die Titel an, schlicht, freundlich und sichtlich erfreut über die Begeisterung der Zuhörer. Er ließ sich auch von den jungen Kollegen den Dämpfer nach vorn holen. Aber er spielte sich nicht in den Vordergrund. Als alle Musiker auf der Bühne waren, saß er bei den übrigen Trompetern in der letzten Reihe. Selbst für seine Soli trat er nicht nach vorn.

Das Ensemble stand im Vordergrund. Die anderen Musiker spielten auf Augenhöhe mit dem Chef. Victor Goines zum Beispiel bot am Sopransaxophon eine hinreißende Hommage an Sidney Bechet in Gershwins „Summertime“, mit einem zwar traditionellen Solo, das aber mit rasenden Läufen, Lagenwechseln, komplexen Intervallen spieltechnisch alles ausreizte.

Dann kamen die übrigen Musiker auf die Bühne, und das Orchester wechselte zu Nachkriegsmusik, Kompositionen der Bandmitglieder, die das Feld zwischen Bebop, Cool, Third Stream erkundeten. Oft waren es einzelne Sätze aus größeren Werken, aus Suiten, die gespielt wurden. Und das Orchester verzichtete (außer bei der Zugabe) auf Show-Effekte. Hier wurde die große Kunstmusik der USA mit dem Ernst zelebriert, mit dem einst Karajan Beethoven feierte.

Das schloss nicht aus, dass hier mitreißend musiziert wurde. Wie die Band in bester Ellington-Tradition die Klangfarben auskostete, wie sie Tempi wechselte, um dann wieder druckvoll nach vorn zu spielen, das ist in dieser Perfektion ganz selten zu hören. In „Twilight Sounds“, einer Komposition von Sherman Irby, spannten sie den Bogen von der Swing-Ära bis zu einem ekstatischen Bassklarinetten-Solo à la Eric Dolphy. Ein musikalisches Porträt widmete Saxophonist Ted Nash dem Surrealisten Salvador Dalì. Er trug ein rasend schnelles Thema im Unisono mit Trompeter Marcus Printup vor, und dann klatschten die Musiker einen Sieben-Achtel-Takt, während Schlagzeuger Ali Jackson ein wuchtiges Solo hatte. Jeder durfte sich hier einmal zeigen, vom Jungspund Dan Nimmer am Piano bis zum lässigen Altmeister Sherman Irby am Saxophon.

Die Avantgarde hatte hier allenfalls als Klangmoment Raum. Wohler fühlte sich die Band, wenn sie wie Cab Calloway swingen konnte, wenn sie die Dschungelklänge Ellingtons beschworen. Oder wenn sie sich zurückbesannen auf den Überschwang von Gospelmessen.

Bei der Zugabe widmeten die Musiker einem Teammitglied ein Geburtsstagsständchen. Und dann gab’s mit „Second Line“ wieder einen New-Orleans-Klassiker, diesmal führte Marsalis seine Männer stilecht als Marching Band über die Bühne. Großer Jubel für einen mitreißenden Abend.

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