Kay Voges inszeniert im Megastore Dortmund Ayad Akhtars „Geächtet“

Unter der Schminke einer angeblich offenen Gesellschaft steckt manchmal ein Verlierer: Szene aus „Geächtet“ in Dortmund mit Carlos Lobo (vor) und Frank Genser, Bettina Lieder, Merle Wasmuth.
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Unter der Schminke einer angeblich offenen Gesellschaft steckt manchmal ein Verlierer: Szene aus „Geächtet“ in Dortmund mit Carlos Lobo (vor) und Frank Genser, Bettina Lieder, Merle Wasmuth.

DORTMUND - Wie ein Gockel stolziert Amir (Carlos Lobo) in die Szene zum Song „Living in America“. Ein selbstbewusster Bürger einer freien Gesellschaft, so tritt er auf. Der Amerikaner mit pakistanischen Vorfahren hat offenbar alles richtig gemacht. Er arbeitet als Anwalt in einer der Top-Kanzleien New Yorks, hat eine schöne Frau, Emily, eine Künstlerin kurz vor dem Sprung zum großen Ruhm. Und doch wird der Held in „Geächtet“ alles verlieren.

Ayad Akhtars Stück gehört zu den Stücken der Saison an den deutschen Bühnen. Die Tragikomödie des US-Autors mit pakistanischen Wurzeln wurde 2013 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Im Januar war die deutschsprachige Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, und Häuser zwischen Berlin und München folgen. Im Megastore des Schauspiels Dortmund inszeniert Kay Voges pointiert und bildstark.

Eigentlich ist „Geächtet“ ein klassisches Well-Made-Play, ein Kammerspiel für zwei Paare mit zugespitzten Dialogen. Zugleich steht es in einer langen Reihe von Dramen, die sozusagen Laborsituationen konstruieren. Die zwei Paare in Akhtars Stück verkörpern Weltgemeinschaften, Amir den Islam, seine Frau als Vertreterin der Wasp-Schicht, der weißen angelsächsischen Protestanten, das Christentum. Isaac, einflussreicher Kurator des Whitney-Museums, ist Jude. Und seine Frau Jory, Kollegin in Amirs Kanzlei, ist Afroamerikanerin. Eigentlich treffen sich die vier, um Emilys erste große Ausstellung zu feiern, mit Schweinelendchen und Alkohol. Aber der Abend wird an den Tag bringen, dass Jory statt Amir zur Namenspartnerin aufsteigt. Dass Emily mit Isaac eine Affäre hatte. Und dass Amir, obwohl er sich von seiner Religion losgesagt hat, stets der Makel des Muslims wie Kontaktgift anhaften wird, des potenziellen Terroristen.

In „Geächtet“ geht es also um einige Fragen der Stunde, um misslingende Integration, um Abgrenzung, vielleicht auch um Wurzeln der Gewalt. Man könnte das als Konversationsstück inszenieren, als Kammerspiel, möglicherweise mit Darstellern mit Migrationshintergrund, damit alles ganz realistisch aussieht. Voges wählt einen anderen Zugriff. Bei ihm sieht das Stück konsequent künstlich aus. Gespielt wird in der großen Halle vor einer weißen Wand, auf der vier Nationalflaggen zu sehen sind, die zuweilen durch farbige Projektionen des Videokünstlers Mario Simon grell in den Vordergrund rücken. Dann kann es passieren, dass Amir sich in den Stars and Stripes der USA findet und hektisch in „sein“ Feld eilt, die grüne pakistanische Fahne mit weißem Halbmond.

Bei den Darstellern sind ethnische Merkmale weggeschminkt unter bleichem Weiß, hellem Haar und roten Kontaktlinsen. Scheinbar ist hier die Utopie der westlichen Demokratie realisiert: Alle sind gleich. Doch die Unterschiede sitzen tiefer, und wer diskriminieren will, findet immer etwas. Manchmal wirken sie wie Untote, Akteure aus einer Fantasy-Fernseh-Serie. Oder wie Figuren eines Computerspiels. Unvermittelt beginnen sie zu tanzen, manchmal scheint ihre Software zu haken und sie wiederholen Phrasen wieder und wieder. Voges versucht gar nicht erst, das Thesenhafte des Stücks zu kaschieren. Er betont vielmehr die Künstlichkeit und schärft damit durchaus den Blick für die Probleme. So lässt er in einer Tanzszene die beiden Paare um drei Barhocker hoppeln, eine Reise nach Jerusalem, bei der in der letzten Runde natürlich Amir der Verlierer sein wird. Dieser Zugriff erlaubt einiges an Situationskomik, zum Beispiel, wenn Frank Genser als Isaac von seiner Flugangst spricht und sich dabei in einem virtuosen Stotteranfall verheddert.

Dieses anspruchsvolle Konzept wird vom starken Ensemble perfekt realisiert. Bettina Lieder ist als Emily im einen Moment die dozierende Islamversteherin und hechelt im nächsten auf dem Boden vor Isaac, wie Hund nach der Wurst giert sie nach seiner Gunst. Merle Wasmuth spielt wunderbar mit Ghetto-Klischees und dem Zorn der Aufsteigerin. Merlin Sandmeyer ist Amirs Neffe Abe, erst überangepasstes Straßenkid, dann jugendlicher Salafist. Und Lobo reizt kongenial die Brüche und Widersprüche des in die Religion gepressten Islamhassers aus.

In dieser kraftvollen Inszenierung sind auch Details bemerkenswert: Am Ende werfen Emily, Jory und Isaac ihre Eheringe vor Amirs Füße. Darin klingt die Ringparabel in „Nathan der Weise“ an. Die Streitenden negieren die abschließende Geste in Lessings Toleranzdrama. Hier gibt es keine Aussöhnung. Großer Beifall für eine Inszenierung, die den zeitnahen, aber konventionellen Text gedankenreich aufschließt.

14., 21.2., 9., 26.3., Tel. 0231 / 50 27 222, www.theaterdo.de

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