Uraufführung „Liebe in Zeiten der Glasfaser“ in Dortmund

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Monitore verbinden Menschen: Antonia (Julia Schubert) skypt mit Tomasz (Peer Oscar Musinowski, vorne). Hinter der Großprojektion ist Wolf-Adam (Uwe Schmieder) in seiner Wohnzelle zu sehen. Szene aus „Die Liebe in Zeiter der Glasfaser“ in Dortmund.

DORTMUND Sie wollen es versuchen, ein Jahr ins Ausland zu gehen, etwas wagen – das macht Bock. Helena hat in Breslau eine Filmrolle in Aussicht, Soziologe Wolf-Adam will im dänischen Aalborg Bücher schreiben, Antonia freut sich auf Rom trotz Masterarbeit. Nur ihr Freund Tomasz sagt: „Ich bin der einzige auf den man sich verlassen kann.“ Er bleibt zuhause, aber will den Karrieresprung bei Ikea schaffen. Alles wichtige Lebensziele. Und ihre Liebe, hält die das aus?

Zwei Paare spraddeln wie Teenager herum, spielen Tischtennis, fiebern, quasseln, sind albern und sagen zuversichtlich tschüss oder führen ihre Umarmungsakrobatik vor, erstaunlich. Es ist Aufbruchzeit. Auch fürs Schauspielhaus Dortmund, das im Ausweichquartier Megastore in Dortmund-Hörde neue Bühnenformate erkunden kann – früher lagerten hier die Fanartikel von Borussia Dortmund. Mit Regisseur Ed. Hauswirth hat das Ensemble „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ erarbeitet. „Ein Stück Skype“ ist eine Uraufführung, die weniger über die Herzschlagfrequenz in digitalen Zeiten resümiert, als vielmehr interaktiv neue Liebeszustände einkreist. Wie wird das, wenn statt Petting nur das Notebook zur Hand ist?

Fernbeziehungen sind heutzutage keine Seltenheit. Die Netztechnik von Skype hält Verbindungen per Laptop aufrecht, aber was ändert die Monitor-Präsenz an der Zweisamkeit?

Michael Sieberock-Serafimowitsch (Bühne) hat in der Tiefe des Raumes vier fahrbare Wohnraumboxen abgesetzt. Mit Cellophan umspannt wirkt die Privatssphäre der verreisten Liebenden merkwürdig fern und intim zugleich. Auch die Figuren agieren so, als ob Gefühle mehr zu einer Form von Oberflächenbeschaffenheit werden, statt dass sie tief im Inneren spürbar sind. Klassisches Illusionstheater wird in Dortmund nicht geboten.

Antonia ist sich nicht mehr ganz sicher mit Tomasz. Julia Schubert lässt ihre energievolle Studentin den Augenblick suchen, der etwas mehr Leben verspricht, ohne zu wissen, was sie wirklich will. Als ihr WG-Kollege in Rom fies guckt („ein Psycho“), skypt sie mit Tomasz, um ihre Angst zu kontrollieren. Beide sind nun auf einen weißen Vorhang projiziert, der die ganze Bühnenbreite einnimmt. Das wirkt wie ein kommunikatives Versprechen, das in dieser Dimension vereinnahmt, obwohl die Konturen unscharf sind.

Es gibt viel zu sehen. Mario Simon, Lucass Pless und Joscha Richter stimmen Video- und IT-Technik ab, die in Dortmund so dominant ist, dass das Körperliche als Charakteristikum der Bühnenkunst zurückgedrängt ist, ja minimalisiert wird. Da trifft es doppelt, wenn Helena bei einer Probe in Breslau zu sehen ist. Sie spielt ein Vergewaltigungsopfer und windet sich auf einem Tisch. Aber der exaltierte Regisseur will ihr das nicht abnehmen und verhöhnt sie. Eine Diffamierung. Das trifft die Stimmung, der phasenweise recht launig inszenierten Skype-Sequenzen. Die Regiearbeit berührt auch, weil die Dialoge mit Tomasz lebensnah und amüsant sind. Antonias Fuss ist ganz groß und ganz nah und nackt zu sehen. Sie möchte neben dem Laptop einschlafen und von Tomasz bewacht werden. Aber trotz Skype-Gespräche wissen sie nicht, was den anderen im Alltag bewegt. Peer Oscar Musinowski spielt den jungen Mann, der unzufrieden ist, und dann ausrastet, als er sein Ikea-Ziel verpasst hat und von Antonia zu wenig Empathie erfährt. Dass Tomasz einen Sandsack tritt, schlägt und prügelt, wird mit Kunstblut aus der Tüte auch zum Bild einer flackernden Theaterkunst. Einerseits sind tradierte Verfremdungsmittel eingesetzt, andererseits lassen sich neue Darstellungsformen mit visualisierten Skype-Menschen erproben. Diese Erkundungslust ist das stärkste Inszenierungsmittel in „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“. Es herrscht eine vieldeutige Unruhe im Bühnenraum. Auch das Theater muss sich ändern, ist eine Botschaft aus Dortmund.

Mediensoziologe Wolf-Adam, den Uwe Schmieder mit Dauergrinsen eloquent hält, sucht das Rauschen im Internet, das Menschen beruhigen soll. Ihn interessiert aber auch die „Resonanzbeziehung“ zu Antonia. Seine Studentin kommt für eine Nacht zu ihm, wo er sie ganz konventionell begrabbelt, auch wenn’s esoterisch wirken soll. Er zählt wie Helena zu den Milfs, die auch im Alter noch sexuell attraktiv geblieben sind. Friederike Tiefenbacher spielt eine schicke Schauspielerin, die ihrem exaltierten Selbstbild nachhängt, aber den Kontakt zur Tochter in Beirut weniger pflegt.

Zum Ende dominieren Bilder des Scheiterns. Die Inszenierung trägt ihren Kulturpessimismus um falsche Ziele und Männerfantasien schroff und temporeich vor. Orientierung bietet immerhin Tomasz, der verkündet hatte, dass eine Figur sterben wird.

Das Stück

Skype-Bilder als übergroße Bühnenprojektionen geben der Liebe im Theater eine neue Dimension. Amüsante Spielanordnung zwischen Mann und Frau, die allerdings alte Schwäche behalten.

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser im Megastore,

Felicitasstr. 2, Dortmund-Hörde.

5., 12., 30. März;

Tel. 0231/5027 222

www.theaterdo.de

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