Ulrich Khuon: Politik und Theater verbinden

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Theaterintendant in Berlin, Ulrich Khuon

Von Edda Breski -  DORTMUND Stellen Sie sich vor, Sie sind leidenschaftlicher Theatergänger. Es gibt für Sie keinen magischeren Ort als die Bühne und nichts Begeisternderes, als einem Schauspieler zuzusehen, wie er sich in seine Rolle begibt. Und eines schönen Tages steht ihr Nachbar vor Ihnen, ein netter, nicht sonderlich kulturbeflissener Mensch, der Sie fragt, wieso von seinen Steuern so viel Geld für Kultur ausgegeben wird. Wenn Sie den überzeugen, sind Sie gut! Und damit haben Sie eine Schlacht gefochten, die auch gestandene Theatermacher nicht so leicht gewinnen.

Am Theater Dortmund haben sich an den vergangenen zwei Tagen rund 70 Intendanten der 140 deutschen Theater getroffen, die im Deutschen Bühnenverein organisiert sind. Sie tauschten sich über Möglichkeiten der Vernetzung mit der Kulturpolitik aus, also letztlich über die ewige Frage: Warum Theater?

Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, ist Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein. Er glaubt, dass sich das Theater stärker in Richtung Politik orientieren muss: „Gerade die Ereignisse der heutigen Zeit, die Terroranschläge und Pegida, führen dazu, dass das Publikum zunehmend ein hohes Interesse an einem öffentlichen Ort des Austauschs hat“, sagte er bei einem Abschlussgespräch. „Theater ist die sozialste, die lebendigste Kunstform. Im Theater wird danach gefragt, wie sich die Gesellschaft wahrnimmt, welches Interesse sie an sich selbst hat.“

Diese gesellschaftliche Funktion von Theater müsse den Menschen besser vermittelt werden. Anfangen sollen die Theatermacher bei den lokalen Kulturpolitikern. „Wir brauchen ein neues Bündnis zwischen Kulturpolitikern und den Theatern. Wir müssen die Fraktionsvorsitzenden ins Theater einladen und mit ihnen debattieren, und zwar bevor es eng wird.“ Soll heißen: lange bevor eine Zwangslage eintritt, in der nach der Politik hauptsächlich als finanzbewilligender Retter verlangt wird.

Nun pflegen viele Kulturschaffende bereits gute Kontakte zu Fachvertretern der örtlichen Parteien oder zu Fraktionsvorsitzenden. Den Theatermachern ist selbstverständlich ebenso bewusst, dass sie unter immer stärkeren Rechtfertigungsdruck geraten, je knapper die kommunalen Kassen ausgestattet sind. Dann werden in der politischen Debatte in den Kommunen Theaterinszenierungen gegen Kita-Plätze ausgespielt. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass sich das ändert“, so Khuon. Er selbst hat sich in der jüngsten Zeit deutlich gegen politische Einflussnahme auf Intendanten und damit auf Theaterspielpläne und Theaterfinanzen positioniert: „Wir müssen uns klar machen, was damit zerstört wird.“

Eine Handreichung für Diskussionen mit abwinkenden Politikern ist das nicht, eher ein Prinzip. Aber hier geht es auch ums Prinzip, darum, dass das Theater der Gesellschaft von heute etwas zu sagen hat. Das kann, so Khuon, auch bedeuten, dass man weniger Klassiker spielt, sondern mehr Zeitgenössisches.

Damit ist er auf einer Linie mit Kay Voges, der an seinem Schauspiel Dortmund einen Weg geht, der das Theater zugleich als Diskussionsraum etabliert und nach außen öffnet. Voges: „Wir machen Theater für die Dortmunder, aber zugleich steht unser Theater in Deutschland und in Europa. Wir vernetzen uns auf europäischer Ebene und suchen die Rückkopplung mit unserer Arbeit.“

Voges verbindet Theaterästhetik mit einer Ebene der politischen Relevanz. Dazu nutzt er neue Medien, holt Bilder von draußen ins Theater hinein. Recherche, Teilhabe, Dokumentation werden Teil der Theaterarbeit. Khuon drückte das so aus: „Wir dürfen uns nicht im Theatergebäude einbaggern.“

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