Tomi Ungerer zeigt in Essen erstmals seine Collagen

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Krawattenknoten statt Bewusstsein: Die Collage „Pride and Prejudice“, (2012, Stolz und Vorurteil) von Tomi Ungerer ist im Museum Folkwang in Essen zu sehen.

Essen  - „Erotik und Moral“, sagt Tomi Ungerer in Essen, „das ist kompliziert.“ Früher war seine Sorge groß, dass gewisse Bilder und Zeichnungen aus seiner Grafikproduktion in Hände von Kindern gelangten. In seinem Buch „Fornicon“ (1969) publizierte er sexualisierte Zeichnungen, die das Lustbedürfnis des Menschen mit kopulierenden Apparaten steigerten.

Daraufhin wurden seine Kinderbücher, mit denen er bekannt geworden war, aus den Bibliotheken in den USA geräumt – später auch in Großbritannien. Er habe deshalb 1970 die Staaten verlassen, erzählt Ungerer im Museum Folkwang, in dem derzeit seine Ausstellung „Incognito“ zu sehen ist. Der menschliche Körper als Fetisch und Objekt der Begierde ist das Hauptthema im Werk des weltbekannten Künstlers.

Der Titel der Schau zielt auf die Collagen, die Tomi Ungerer seit den 1950er Jahren mehr für sich geschaffen hat. Es waren keine Aufträge, die der Grafiker, Autor und Zeichner immer wieder erfüllte. Erstmals sind nun rund 140 Collagen zu sehen. Es ist ein wichtiger Teil seines Oeuvres. Toni Ungerer wird von Tobia Bezzola, Direktor des Museum Folkwang, als Collagist vorgestellt. Die Ausstellung, die zuvor im Kunsthaus Zürich zu sehen war, geht auf eine Idee des Schweizer Kunsthistorikers zurück. Bis zu 600 Collagen sind in den letzten 15 Jahren entstanden. Dabei ist Ungerer ganz bei seinen Themen. „Ich bin zurück in der Nazizeit“, sagt Ungerer. Vor einer Hakenkreuzfahne hat er Erdmännchen aufgereiht (2007). Eine andere Arbeit – meist „Ohne Titel“ – kombiniert zwei Steinewerfer aus einer historischen Fotografie mit einem Teddybären. Das Spielzeug ist ein Symbol seiner Kindheit. Für eine Skulptur (2014) ist der Teddy sogar aufgeschnitten. Zeichnungen illustrieren das Innenleben des Tiers grell und rot („Ich war immer schamlos“). Ob Ungerer seine Kindheit damit problematisiert, das werde der Künstler selbst nie sagen, meint Tobias Burg, Leiter der Grafischen Sammlung in Essen und Kurator der Ausstellung. Er hat mit Ungerer die Ausstellung eingerichtet.

So spontan die Bildfindung des Künstlers erscheint, so entschieden stellt er die Dissonanzen aus, die ihn bewegen. In „Pride and Prejudice“ (Stolz und Vorurteil, 2012) erscheint ein Mann im weißen Anzug mit Schlipsknoten anstelle eines Kopfes. Daneben ist ein verendetes Zebra zu sehen. Immer wieder sind Tiere für Ungerer das Sinnbild für inhumanes Handeln des Menschen. Erschütternd und bitter wirkt das, wenn er KZ-Häftlinge von ihren Pritschen schauen lässt, und das Bettenlager als Behälter stilisiert ist, der sich wie eine Fischdose öffnen lässt. „Warum wiederholt sich Geschichte?“ ist ein Leitzitat in der Ausstellung.

Tomi Ungerer treibt auch die Rückkehr der „Neofaschisten“ in Europa um. „Die sind zum Kotzen“, sagt er, und verspricht eine neue Serie, die in der Galerie Michael Fuchs in Berlin gezeigt werden soll – Ende April („Ich habe immer gegen Unrecht und Tyrannei gekämpft“).

Ungerer ist 84 Jahre alt, wurde in Straßburg geboren und erlebte die Schrecken des zweiten Weltkriegs 1944/45. Nach Arbeiten als Werbezeichner und Dekorateur fuhr er 1956 mit dem Schiff nach New York. Hier zeichnete er Cartoons für den Esquire, Life und Harper’s Bazaar, erste Kinderbücher („The Mellops Go Flying“) entstanden, und er lernte Daniel Keel kennen, der fortan seine Bücher im Diogenes Verlag, Zürich, publizierte. Tomi Ungerer ist der Geschichtenerzähler und wird ein gesellschaftskritischer Autor. Mit seinen Plakaten geißelt er den Vietnamkrieg. In Essen ist „Black Power/White Power“ (1967) zu sehen. Über 250 000 Mal wurde das Plakat vervielfältigt, das zwei Menschen zeigt, schwarz und weiß, die sich gegenseitig fressen.

Tomi Ungerer liebt mehrdeutige Spannung, aber seine kleinen Skulpturen in der Ausstellung belegen auch sein Formgefühl auf amüsante Weise. In einem trockenen Ast sieht Ungerer einen Dirigenten („Paganini“, 2012), und aus einem Fahrradgepäckträger (Fundstück, 2013) bildet er mit einem Sattel ein aufmerksames Hündchen.

Erotisch ist eine Collage mit Pilzfiguren (2002) und verspielt, kess wie provokant sind viele collagierte Zeichnungen in Essen. Der feine Strich eines Saul Steinberg habe ihn angestoßen, zu collagieren, sagt Ungerer, auch Max Ernst sei ein Anstifter gewesen, so Ungerer, der gern über seine Arbeit spricht.

Bis 16. Mai; di-so 10 – 18 Uhr, do, fr bis 20 Uhr; Osterfeiertage geöffnet; Tel. 0201/8845 444;

www.museum-folkwang.de

Katalog, Diogenes Verlag, Zürich, 49 Euro;

Tomi Ungerer ist am Samstag, 16 Uhr, im Künstlergespräch mit Tobia Bezzola zu erleben.

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