Thomas Struth mit „Nature & Politics“ im Museum Folkwang

Undurchdringlich erscheint Thomas Struths Fotografie „Tokamak Asdex Upgrade Periphery, Max Planck IPP, Garching 2009“, zu sehen im Museum Folkwang in Essen. - Fotos (3): ©Thomas Struth

ESSEN - Wer will sich das anschauen? Der Kabelsalat in Thomas Struths Fotografie aus dem Max Planck Institut wird von ein paar Signalfarben erleuchtet: Rot, Gelb, Türkis... ist da noch Grün? Vielleicht. Aber das macht das großformatige Bild „Tokamak Asdex Upgrade Periphery“ (2009) aus Garching bei München auch nicht fotogen. Struth verzichtet auf eine Tiefenstaffelung und vergrößert einen Technikteil des Fusionsreaktors zu einem flächigen Bild, das mit einer Überwältigungsdramaturgie arbeitet. Wer zuckt da nicht zusammen und denkt an die Strippen in Pkw und Waschmaschine?

Struth will mit dieser Technikverdichtung den Strukturen der Macht näherkommen, das ist sein erklärtes Ziel. Aber gibt das Kabel-Röhren-Schläuche-Gewirr das her, Hinweise auf Machtentfaltung in unserer Gesellschaft? Wohl fühlt man sich angesichts dieser Technikpräsenz allerdings nicht. In politische Kategorien lässt sich die Konstruktion der Ingenieure aber nicht einsortieren. Das Kameraauge visualisiert etwas Absichtsvolles, ohne es zu zeigen, ohne es aufzuklären. Welche technischen Grenzen gibt es, knistert hier schon künstliche Intelligenz? Es geht um (Vor-) Ahnungen.

Thomas Struth, einer der bestbezahlten Fotokünstler der Welt, experimentiert mit diesen Fragen und breitet sein Studienmaterial aus den letzten elf Jahren im Essener Museum Folkwang aus. Es sind 34 großformatige Fotografien aus seinem Atelier: „Nature and Politics“.

Es gibt – und das ist die gute Nachricht – noch weitere Motive in Essen zu sehen. Struth stellt seine Plattenkamera nicht nur vor Messstationen wie in Berlin (2012), er blickt neben dem Laborarbeitsplatz in Schottland („Chemistry Fume Cabinet, The University of Edinburgh, 2010“) noch auf einen Programmierraum in Atlanta/USA (2013), wo ein Roboter zwischen Rucksäcken, Pappbechern und Laptops ausharrt. Auch diese menschenleere Fotografie spielt mit der Einbildung, wer denn hier die Software-Bühne beherrscht. Menschen und Maschinengeister? Der Kabelwust im Max Planck Institut hat gar etwas Organisches – oder?

Die Verunsicherung, die Thomas Struths Bildern auslösen, entwickelt sich zwischen der Trivialität und Komplexität der Motive. Erzählerischer vom Bildaufbau her werden die traditionellen Industrien visualisiert. Der Hochofen in „Hot Rolling Mill, ThyssenKrupp Steel, Duisburg 2010“ lauert wie ein betagtes Monster im Halbdunkel der Industriehöhle, er hat sogar ein Namensschild „Siemens“. Und die Bohrinsel auf der südkoreanischen Insel Goeje (2007), die als roter Koloss von Stahltrossen gehalten wird, thront dort wie eine Sonderform der Energiewirtschaft. Die Vertäuung des Objektes gibt dem Bildaufbau dramaturgische Fluchtlinien. Der Mensch auf dem Hafenkai stellt eine zusätzliche Vergleichsgröße dar, die der Industrieskulptur im Bild Volumen verschafft. Prächtig.

Auf solche klassischen Bildordungen verzichtet Thomas Struth weitgehend bei seinen technoiden Konzeptbildern zu „Politics“. Und wie begegnet der Fotograf, der zu den ersten Studenten von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Akademie zählte, der Natur?

Struth, 1954 in Geldern geboren, zählt zur Düsseldorfer Fotoschule. Er ist neben Andreas Gursky, Thomas Ruff und Candida Höfer ihr erfolgreichster Vertreter. Mit Aufnahmen von Straßenschluchten in New York startete er seine Karriere. 1987 stellte er Porträts von Familien aus verschiedenen Nationen aus, die den Menschen eine eigene ikonografische Aura zuerkannten. Später lichtete er Museumsbesucher ab (1993), die den Kunstraum auch mit ihrem kulturellen Selbstverständnis betraten. Immer sind in Struths Fotografien subtile Merkmale zu erspüren, die sich nie klar zu erkennen geben.

Zum Thema „Nature“ fallen seine Fotografien eindeutiger aus. „Pond. Anaheim 2013“ ist kurz gesagt eine künstliche Landschaft. Den Teich in Kalifornien hat die Disney-Vergnügungsstrategie erschaffen. Die bizarren Turmhäuser sind nicht mal mehr postmodern, sondern nur noch Kulissen-Deko. Die Böschung am geschwungenen Wasserrand ist penibel bepflanzt, altrosa Blüten, grüne Büsche – hier hat der Kitsch gesiegt. Die Bilder „Canyon“, „Mountain“ und „Ride“, eine Geisterbahn, variieren die Indienstnahme der Natur.

Die Ausstellung in Essen streift noch andere Bildreihen Struths. Zum Beispiel das „Seestück, Donghae City, 2007“ von der Ostküste Südkoreas zelebriert die Landschaftsmalerei. Die Grenze des Bildhorizonts scheint die Farbtönungen von Grau, Blau und Grün auf den Himmel wie auf den Meersstrand zu verteilen. Struth öffnet souverän über die Genrefotografie einen Assoziationsraum mit dosiertem Farbeinsatz.

Auf den Golan Höhen im Norden Israels blickt Struths Kamera von einer wackeligen Etage aus an eingeknickten Pfeilern vorbei in eine grüngraue Baumlandschaft. „Hushniya“ (2011). Kriegsgebiet, unsicherer Höhenzug. Auch hier schwingt Politik mit. In allem sei Politik, sagt Thomas Struth in Essen. Und unter diesen globalen Ansatz fallen weitere Fotografien, wie „Al-Ram Quarry Kafr ‘Aqab, 2011“. Struth bleibt hier in der Sprache des Landschaftbilds. Im Zentrum haben Bagger und Bulldozer einen Steinbruch abgetragen, so dass gelbgrauer Staub vorherrscht. Statt Bergkette oder Talblick in Grün dominiert Ödnis. Der Mensch hat sich hier an der Natur vergangen. Eine Klage führt Struth aber nicht, er bleibt dokumentarisch und distanziert. Nur ein paar Kübelpflanzen auf der Dachterrasse eines Hauses, das am Bildrand aufragt, erinnern an das Bedürfnis nach Naturschönheit.

Die Ausstellung „Nature & Politics“ setzt die großen Bilder in Bezug. Eine Überblicksschau ist die Präsentation aber nicht geworden, dafür ist Struths Interesse, die absichtsvollen Fotografien zur Technologie vorzuziehen, doch am ausgeprägtesten.

„Nature & Politics“ ist im Anschluss noch im Martin-Gropius-Bau in Berlin, in Atlanta und St. Louis zu sehen.

Die Schau

Ein Fotostar der Düsseldorfer Schule stellt seine Konzeptbilder vor allem zur Technik zur Diskussion. Hier ist Fotokunst in großer Spannweite zu erleben.

Nature & Politics im Essener Museum Folkwang. Bis 29. Mai; di – so 10 – 18 , do, fr 10 – 20 Uhr, Tel. 0201 / 8845 000;

www.museum-folkwang.de

Katalog,, Mack-Verlag, London, 45 Euro

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