Thomas Hengelbrock sucht den Originalklang in Wagners „Parsifal“

Darstellung einer Gequälten: Angela Denoke als Kundry im Dortmunder „Parsifal“. ▪
+
Darstellung einer Gequälten: Angela Denoke als Kundry im Dortmunder „Parsifal“. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Stellte man sich die Klangwelt des „Parsifal“ als riesigen Raum vor, dann wäre er erfüllt von unirdischen, langsam strömenden Farben. Die Farbwechsel wären das, was in Opern gewöhnlich die Dynamik ist. Der Originalklangdirigent Thomas Hengelbrock hat den Versuch unternommen, Wagners letztem, rätselhaftem Werk durch eine Verschiebung des Klangfarbspektrums neue Facetten abzuringen.

Im Konzerthaus Dortmund wirkte der „Originalklang-Parsifal“ Hengelbrocks und seines Balthasar-Neumann-Ensembles durchaus fremd. Gerade damit gibt er zu denken. Durch die Originalinstrumente entsteht ein weicher, dunkler Klang, dem Hengelbrock unerwartete Nuancen abgewinnt. Die vibratolos gespielten Streicher verschieben die Klangbalance zugunsten der Bläser. Die Donnermaschine, eine Kombination aus kurbelbetriebenen Schlegeln, die Pauken bespielen, lässt Klingsors Reich wahrlich chaotisch untergehen. Die Gralsglocken sind Java-Gongs, die frappierend fremd wirken.

Dabei ist Hengelbrock kein Bilderstürmer. Er will einen „Parsifal“ ohne Weihrauch zeigen, weniger das „Bühnenweihfestspiel“ als eine Geschichte von menschlichem Makel und von Hoffnung, entwickelt aus den Traditionen von Belcanto und Märchenoper.

Die Klangrede ist überzeugend herausgearbeitet. Nur: Im Verlauf umwölkt sich der Klang und wird statischer, Hengelbrock formt zusehends einen fülligen, orgelhaften Bayreuther Sound, allerdings ohne den dämpfenden Orchesterdeckel über sich zu haben. Die Balance verrutscht, Sänger werden verdeckt.

Hengelbrock ist ein Musiker des Brandes und der Bewegung, auf der Suche nach Farben und Ambivalenz. Seine Stärken zeigen sich, wenn sich Unerwartetes regt unter dem Orgelklang und sich zu einem subtilen Kommentar verdichtet. Im Klingsor-Akt flackert Kundrys verzweifelte Menschlichkeit gegen die weiß strahlende Gralswelt an. Als Kundry, von Parsifal zurückgewiesen, „Irre, irre“ singt, klingen die Violinen unter all dem Aufruhr fahl und bleich.

Hengelbrock betont die Statik der Gralsritter, in den Gralsszenen stockt der Fluss der Musik zu sehr. Doch es folgt der Einbruch des Zorns: Die Ritter tragen Titurels Leiche, Wagner hat dafür das Tempo „breit“ notiert. Hengelbrock formt den Erzählstrom mit überraschenden dynamischen Wechseln und fordert dem mit alttestamentarischer Wucht singenden Balthasar-Neumann-Chor einen zornigen Ausbruch ab. Damit bricht er die feierliche Statik der Gralswelt auf – einer der Kernaspekte des „Parsifal“ besteht darin, dass das gemessene Schreiten der Gralsritter kein Ziel hat – auf und rückt die Bruderschaft für Momente in menschliche Dimensionen.

So entfalten sich auch die Sängerpartien am besten, in denen menschliches Leiden erkundet wird. Angela Denoke gibt ihrer Kundry Würde und Tiefe. Sie ist mehr gequälter Mensch denn das wilde Tier, als das die Gralsritter sie wahrnehmen. Denoke ist keine Sängerin der Extreme, dafür entschädigen ihr kultivierter Gesang und ihr Facettenreichtum.

Johannes Martin Kränzles Klingsor hat die metaphorische Hahnenfeder am Hute; er entwickelt den abtrünnigen Gralsritter überzeugend von der Mephistogestalt zum Leidenden. Matthias Goerne gestaltet die Partie des Amfortas einfühlsam, klingt aber schwammig. Victor van Halem verleiht Titurel einen handfesten Patriarchenzorn.

Als Gurnemanz gefällt Frank van Hove mit flexiblem Parlando und pastoralem Ton. Simon O’Neill setzt in der Titelrolle seine Stamina und mühelose Kraft ein, seine Stimme wirkt aber weißlich und seltsam ausdruckslos.

Der Knabenchor der Chorakademie Dortmund präsentiert sich hervorragend, die beiden jungen Solisten Virgil Hartinger und Manuel Warwitz stehen für großes Potenzial, das man in Dortmund besitzt.

Etwas unglücklich wirkt nur das hektische Agieren einiger Sänger; sie hätten sich besser ganz auf die konzertante Aufführungssituation eingelassen.

Der Originalklang-Parsifalist eine Kooperation des Konzerthauses Dortmund mit der Philharmonie Essen und dem Teatro Real in Madrid. In Essen ist er, ebenfalls konzertant, am 26. Januar zu hören (16 Uhr, Tel. 02 01/81 22 200, http://www.philharmonie-essen.de).

WDR 3 sendet am 19. Mai einen Mitschnitt aus Dortmund.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare