Theater Oberhausen zeigt „Hedda Gabler“

Sie legt es drauf an: Hedda Gabler (Lise Wolle) in der gleichnamigen Inszenierung am Theater Oberhausen.
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Sie legt es drauf an: Hedda Gabler (Lise Wolle) in der gleichnamigen Inszenierung am Theater Oberhausen.

OBERHAUSEN Warum gehen wir ins Theater? Antwort: Weil wir hoffen, in den Geschichten anderer Flügel zu finden, die uns – Herz und Kopf – ein Stück tragen, auch wenn diese Flügel gebrochen, flugunfähig oder gar eine Illusion sein sollten.

Am Theater Oberhausen arbeitet sich die griechische Regisseurin Lena Kitsopoulou intensiv an Ibsen ab. Sie dekonstruiert „Hedda Gabler“, ohne aber sagen zu können, wieso wir uns so ein Kulturprodukt noch ansehen sollten.

Sie fängt es clever an, macht zunächst einmal Boulevard-Comedy. Die Anlagen dafür stehen alle bei Ibsen. Wie im Boulevard bewegen sich seine Figuren innerhalb enger Grenzen. Tritt ein Charakter auf, dann markiert ihn seine erste Geste als Stereotyp. Amtsgerichtsrat Brack (Henry Meyer) ringt mit hartem Handgriff den Weichling Tesman (Klaus Zwick) nieder. Hedda (Lise Wolle) schleppt sich röchelnd herein, ein lila Meerjungfrauenschwanz klemmt die Beine ein. Sie ist ein Fisch aus dem Wasser: eine Hausfrau, die Mutter werden soll und denkbar fehl am Platz ist. Gute Idee. Aber ein einmal etablierter Charakter bleibt statisch, wie im Boulevard.

Es wird irre schnell geredet, Dialoge schnurren zusammen: Text wird Geplapper. Die Rolle des Hausmädchens Berthe (sympathisch rotzig: Thieß Brammer) überschreitet Gendergrenzen, auch ein beliebtes Mittel der Komik.

Bis hierher haben wir ein Ibsen-Mashup mit Filmzitaten. Berthe röchelt wie Gollum. Eine nackte Marylin liegt in einer rosa Wanne. Die Kitschtapete mit rohrschach-ähnlichen Goldornamenten (Bühne und Kostüme: Elli Papageorgakopoulou) verbirgt ein gekacheltes Bad mit Pissoirs.

Als es Zeit wird für eine tiefere Erkundung Heddas und ihrer Motive, bricht Kitsopoulou das Stück auseinander. Die Generalstochter Hedda tarnt sich mit Soldatenmütze und Damenstrumpf überm Gesicht. Sie flucht und schreit, zitiert Sylvia Plaths Gedicht „Daddy“: „Jede Frau liebt einen Faschisten/den Stiefel ins Gesicht“. Hedda hat ein Patriarchatsproblem. Also auch eins mit Kultur: Schriftsteller wie Ibsen vergleicht sie mit Faschos und, sehr drastisch, mit Sexualtätern. Ist Hedda Gabler bloß ein Opfer? Damit entmachtet Kitsopoulou den Charakter. Sie verflacht Hedda.

Endlich wechselt die Szene. Lövborg (Jürgen Sarkiss) kommt, ein angejahrter Halbstarker. Den braucht Hedda nicht mehr zum Alkohol zu verführen, er ist besoffen von sich selbst und war garantiert noch nie nüchtern.

Motive zeigt Kitsopoulou her, um sie sofort zu zerstören. Der Sprechtext ist ein dichtes Gewebe von Originalpassagen, Zitaten, aus dem Off gelesenen Dialogen. Man muss das Original gut kennen, um zu folgen. Noch problematischer: Die Charaktere entwickeln sich nicht. Ihre Taten wirken also wie Launen der Regie.

Die Pissoirs und das rollbare Klo verweisen auf den Unterleib. Lövborg stirbt ja an einem Schuss zwischen die Beine, unter schändlichen Umständen, diese Hässlichkeit verwindet Hedda nicht, darum erschießt sie sich. Bei Kitsopulou hängt sie als Meerjungfrau blutend an Bracks Haken. Das kann Ibsen selbst nicht mit ansehen, er knallt sie ab: ein ausgedehntes Tarantino-Zitat.

Die ganze aufgeblasene, blutbespritzte Komik gibt aber keiner eigenständigen Erzählung Raum. Alles wird auseinandergenommen und zur Zitatrevue. Absolut überflüssig sind solch billige Haschereien nach Lachern, wenn Hedda und ihre Rivalin Thea (Laura Angelina Palacios) wie Behinderte sprechen, oder wenn Hedda beim Verbrennen von Lövborgs Manuskript dichtet: „Advent, Advent, ein Baby brennt“.

Hier ist Theater bloß Dekonstruktionsmaterial. Gefühle sind zum Verraten da. Wollen wir wirklich so tun, als seien wir so gleichgültig?

Edda Breski

26.2., 9., 11., 19.3., 17.4., Tel. 02 08/85 78 184, www.theater-oberhausen.de

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