Tanztheater in Münster: die Doppel-Premiere „Homo sacer/Sacre“

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Anrührend: Ako Nakanome und Keelan Whitmore in „Homo sacer“ am Theater Münster.

Münster -  Ein vielzitierter Spruch zählt die drei Friedensschlüsse auf, die der Mensch vollbringen muss, damit Friede überhaupt möglich sei: den ersten mit sich selbst; den zweiten mit seinen Nachbarn; den dritten aber unter den Völkern. Daran erinnert das Bühnenbild des neuen Tanzstücks „Homo sacer“ in Münster: drei verschieden große Ringe wechseln über dem Ensemble langsam die Positionen und versehen die Tänzer mal mit Glorien, mal hängen sie lastend über ihnen.

Münsters Tanzchef Hans-Henning Paar bringt den Doppelabend „Homo sacer/Sacre“ im Großen Haus auf die Bühne, eine große Produktion mit dem Sinfonieorchester Münster. Es geht um Sehnsucht nach dem Idyllischen, das hier als Insichsein definiert wird. Der zweite Teil ist eine Interpretation des „Frühlingsopfers“ von Strawinsky und zeigt eine Festnacht, die außer Kontrolle kreiselt.

Um es gleich zu sagen: Nicht alles überzeugt. „Sacre“ hat ein Finale, das verstörend wirken soll. Aber dass sich Tänzer nackt ausziehen, beglaubigt noch lange nicht die Ehrlichkeit ihres Auftritts. Paars Tänzer rennen minutenlang durch einen offenbar ironisch gemeinten Flitterregen. Hilflose Körper, eine Apokalypse frei nach Hieronymus Bosch. Aber die Blöße, das Schreien und Stöhnen, die Schläge und Sturzflüge an der Grenze zur Autoaggression – sie wirken bemüht wuchtig. Als werde mit dem Holzhammer die Botschaft eingetrieben: Hier geht’s ans Existenzielle. Tanz kann mehr, vor allem kann er es subtiler. Insgesamt aber hat Paar ein beeindruckendes Projekt mit tief moralischer Ausrichtung geschaffen.

Paar beschäftigt sich generell oft mit der Verortung des Menschen in seinem Körper und dessen Umfeld, ein Erfühlen mit Haut und Zehen. Eine getanzte Verführung etwa zeigt Körper, in Wellen umeinander fließend. Eine Flucht ist eine Explosion in den Raum.

In „Homo sacer“ findet Paars Stil einen vorläufigen Höhepunkt, und, das muss betont werden: Die Company war wahrscheinlich nie so gut. Die Leistung des Ensembles hat sich gesteigert, aber auch einzeln scheinen alle eine Schippe draufgelegt zu haben, was Kraft, Geschwindigkeit und Dehnung betrifft.

Das brauchen sie auch für „Homo sacer“ mit seinen rasanten Sequenzen in Paars Marken-Stil: kraftverschwendender, glamouröser, sexy Modern Dance, der individuellem Ausdruck Raum gibt.

Paar stellt eine erdfarben beleuchtete Körperskulptur unter die drei Ringe. Die Skulptur bewegt sich, als dehne sich und kontrahiere da ein Ganzes. Blausilbrige Geigen schweben in den Raum, aus Einojuhani Rautavaaras siebter Sinfonie, genannt „Angel of Light“.

Die mystische Stimmung wird durchbrochen durch die Sinfonie für Schlagwerk und Streicher des Esten Lepo Sumera. Ein Trio versucht, zusammenzubleiben, doch die Gruppe dominiert mit ruckartigen, tierhaften Einsätzen von allen Bühnenseiten.

In das Chaos setzt Paar ein Duo: Ako Nakanome und Keelan Whitmore als zärtliches Paar, das sogar die Luft, den Boden zu streicheln scheint. Whitmore hat noch ein Solo, in dem das Licht seine Muskeln nachzeichnet und ihn in eine einzelne Körperskulptur verwandelt. Whitmore fasst, stellvertretend für die Gruppe, das Suchen in „Homo sacer“ nicht nur in Bewegung, sondern in berührenden persönlichen Ausdruck.

„Sacre“ kommt weltlicher über die Rampe. Eine Halb-arena aus Lampen, schwarze Abendkleidung (Bühne und Kostüme: Isabel Kork). Sechs Paare scherzen. Der Tanz wird wild. Ein Überschlag ist zu sehen, Flugdrehungen in die Arme eines Partners.

Paar geht es nicht um das Thema Ritus. Sein „Sacre“ ist eine Untersuchung von Gruppendynamik. Es hat aber, trotz buchstäblich wütend getanzter Sequenzen, nicht die Wirkung von „Homo sacer“.

„Sacre“ ist zwar wuchtiger, die Musik wird von den Münsteraner Sinfonikern unter Stefan Veselka auch kraftprotzend gespielt. Seine Entwicklung ist aber deutlich vorhersehbarer.

Einzelne werden ausgestoßen, doch es gibt, im Gegensatz zur Aufführungstradition des „Frühlingsopfers“, keinen „Auserwählten“. Die Gruppe saugt den Einzelnen stets wieder ein, das sieht man bei Paar oft. Die kompakten Formationen und gerannten Kreise erinnern wiederum stark an Pina Bausch.

Ein Rollentausch scheint einen Ausweg zu bieten. Aber wenn die Männer in rasch übergestreiften Frauenkleidern hilflose Gesten proben, die Frauen fordernd agieren, ergibt das nur wieder Aggression. Gewalt, die willkürliche Auswahl wechselnder Opfer, das ist, nach Paar, die dunkle Seite des Miteinanders.

13., 18.2., 1., 5., 11., 16., 28.3., Tel. 0251/59 09100,

www.theater-muenster.com.

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