Susanne Linke rekonstruiert am Schauspiel Bochum ihre Choreografie „Ruhr-Ort“

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Immer in Bewegung: Szene aus „Ruhr-Ort“ am Schauspiel Bochum.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Wuchtig donnern die Vorschlaghämmer auf die Stahlplatte. Fünf Männer schwingen die Werkzeuge in einem rohen Rhythmus. In den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum fühlt man sich wie in einer Fabrik. Was aus dem flachen Metall auf dem Bühnenboden werden soll, bleibt unklar. Aber die Männer rechts und links, die im Takt zuschlagen, erzeugen eine ohrenbetäubende Musik. Minutenlang. Zwischendurch verdoppeln sie das Tempo, wechseln sich ab in Synkopen.

Endlich lassen sie ab, stellen sie die Hämmer ab. Dann läuft einer über die zerbeulte Platte, erzeugt erneut einen krachenden Groove. Er kommt nicht von der Stelle, fast nicht, dann gesellt sich ein zweiter Läufer zu ihm. Und die Füße der Tänzer treten an die Stelle der Hämmer. Es ist eine gewaltige Anstrengung, die Männer auf der Bühne gehen bis an die Grenzen ihrer Kraft.

Dies ist wohl die Schlüsselszene aus Susanne Linkes Choreografie „Ruhr-Ort“, die 1991 in Leverkusen ihre Uraufführung erlebte. Das Tanztheater war damals ein Riesenerfolg, es gab Gastspiele in Berlin, Paris, Los Angeles, Jerusalem, Helsinki... Linke, neben Pina Bausch und Reinhild Hoffmann eine der Protagonistinnen des modernen Tanztheaters, hatte eine Hommage an die Montanindustrie und an die Männlichkeit gestaltet. Die Botschaft kam an. Nun, 23 Jahre danach, zeigt die 69-jährige Choreografin mit den Tänzern von Renegade in Bochum eine Rekonstruktion.

Es ist zum einen der Versuch, der flüchtigen Kunst des Tanzes ein Gedächtnis zu geben. Die Produktion wird vom Tanzfonds Erbe unterstützt. Die wesentlichen Elemente wurden minuziös einstudiert, das Hämmern und Laufen, bestimmte Wege über die Bühne, das gestische Vokabular. Damals kochten noch die Stahlwerke an der Ruhr, holten noch Bergleute Kohle aus den Stollen.

Es ist aber auch ein Angebot an das heutige Publikum. Und die Produktion wurde bei der Premiere begeistert gefeiert. Die aktuelle Tanzszene ist oft gefällig, bedient ein gewisses Harmoniegefühl. Gewiss hat sich nach fast einem Vierteljahrhundert die Arbeitswelt gewandelt. Doch die Körperlichkeit von „Ruhr-Ort“ spricht noch immer an, obwohl die Ästhetik alles andere als gefällig ist. Ludger Brümmers Musik ist aus industriellen Klängen komponiert. Hammerschläge, Kettenklirren, dumpfes Grollen, Stampfen, Rattern bedrängen das Publikum (am Eingang werden Ohrenstöpsel ausgegeben). Auf der Bühne hört man unverständliche Rufe und Kommandos. Und die acht Akteure, nur Männer, verausgaben sich in unaufhörlicher Bewegung fast 70 Minuten lang.

Es gibt Veränderungen. Bei der Uraufführung standen sich drei Tänzer und drei Schauspieler gegenüber. Jetzt begegnen klassische Tänzer drei „B-Boys“, die aus dem Streetdance kommen, dem Tanz zu Hip-Hop. Diese Modernisierung ändert an den zentralen Aussagen nichts. Wenn die Akteure zwischenzeitlich mit wilden Imponiergesten konkurrieren, sind die Drehungen am Boden und akrobatischen Sprünge problemlos zu integrieren.

Aber die größten Kraftübungen sind doch die langen Läufe, die auf ihre Essenz konzentrierten Bewegungen aus der Arbeitswelt, bei denen man schon beim Zuschauen in Schweiß gerät. Susanne Linke schält den Bagger- oder Kranführer aus seinem Führerhaus. Da liegt der Tänzer am Boden, in Sitzhaltung, die Beine berühren also nicht den Boden, und er pendelt von links nach rechts, aus dem Zusammenhang gelöst. Da wuchten sie Metallblöcke auf die Bühne, lange, silbrig blinkende Stäbe, die sie erst zu Tanzpartnern machen, dann abstellen, um sich in wilden Hürdensprüngen über sie zu werfen.

Videoeinblendungen am Bühnenhintergrund liefern auf der bis auf die Tänzer und ein paar Geräte (Leitern) starke Bilder von der Fahrt durch einen Bergwerksstollen, von einer Stahlwerksskyline mit rauchenden Schloten.

Es gibt auch leise Momente, da drehen sich die Männer ab, lassen die Köpfe hängen und die Shultern zucken in unhörbarem Schluchzen. Auch harte Männer weinen. Und es bleibt Raum für ironische Distanz: Zwischendurch setzen sich die Tänzer auf die Bühnenkante. Sie schwingen die Hämmer in einer Anglerpantomime und fangen einen Riiiieeeesenfisch.

2., 8., 16., 19.2., 1., 19., 27.3., 3., 21.4., Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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