Stiftung dokumentiert die Glasmalerei im Münsterland

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Clemens August Kardinal Graf von Galen, Glasmalerei in der kath. Kirche Heilig Kreuz in Münster. ▪

MÜNSTER ▪ Streng und standhaft blickt er drein, mit dem Licht im Rücken und einer Schlange mit Hakenkreuz als Zungenspitze zu seinen Füßen: Der Selige Clemens August Kardinal Graf von Galen, ist in einer Glasmalerei von Helmut Gockel (1955–1960) in der katholischen Kirche Heilig Kreuz in Münster verewigt. Von Judith Wedderwille

Das Bild ist ein Geschichtszeugnis, denn es erinnert an das politische Engagement des „Löwen von Münster“ gegen das NS-Regime. Und dies ist nur eine Geschichte von vielen, die sich aus Glasmalereien lesen lassen. Vorausgesetzt, der Blick bleibt an einem der Kunstwerke aus Glas hängen, die uns fast in jedem sakralen Bauwerk, aber auch in Schulen und Verwaltungsgebäuden begegnen. „Die Glasmalerei in Nordrhein-Westfalen ist ein kaum bekannter Schatz, den es zu erhalten gilt“, unterstrich die Kulturministerin von Nordrhein-Westfalen, Ute Schäfer.

Hinter einer Vielzahl der wissenschaftlich erfassten Glasmalereien steckt eine Geschichte, erklärte Dr. Annette Jansen-Winkeln. Die Kunsthistorikerin ist Vorsitzende der privaten Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts, die sich mit der landesweiten Dokumentation von Glaskunstfenstern beschäftigt. Die Ergebnisse für das Münsterland wurden am Freitag im historischen Rathaus in Münster vorgestellt: Insgesamt 9000 Werke konnten dokumentiert werden.

Drei Jahre lang hatten die Forscher gebraucht um die 9000 Objekte im Münsterland zu ermitteln, sie zu registrieren und fotografieren. 80 Prozent der Glasmalereien stammen aus sakralen Bauten. Aber auch in Verwaltungsgebäuden, Krankenhäusern und Schulen seien Glasmalereien zu finden, erklärte Jansen-Winkeln. Es seien Monumentalwerke, Geschichts- und Kulturzeugnisse, mit deren näherer Erforschung wohl noch die nächsten Generationen zu tun haben würden.

Typisch für die Glasmalerei im Münsterland sei der Bilderreichtum vor allem in Chorfenstern. Das Chorfenster von Hermann Oetken (1953) zum Beispiel in der evangelischen Christuskirche in Ibbenbüren. Hier stehen sich acht Szenen aus dem Alten und Neuen Testament gegenüber. Zu Kopf die Darstellung des Lamms Gottes. Themen sind unter anderem Jakob und die Engelsleiter, das Manna in der Wüste, das Abendmahl und die Kreuzigung Jesu. Einige Glasfenster spiegeln auch die Geschichte von Orten: In einem Seitenschifffenster der katholischen Kirche St. Pankratius in Gescher sind Vertreter der ortstypischen Berufsgruppen abgebildet – Weber, Glockengießer und Zimmermann.

Die Glasmalerei im Münsterland spiegelt Jansen-Winkeln zufolge das Festhalten des Westfalen am Althergebrachten, seine Traditionspflege und seine Liebe zu Kulturgütern. Und genau diese Kulturgüter und das Wissen über sie heiße es zu bewahren. Qualitative Unterschiede seien bei der Erfassung nicht gemacht worden, so Dr. Jansen-Winkeln. Schließlich galt es eine komplette Dokumentation durchzuführen.

Das älteste Fenster mit Glasmalerei, das während des Forschungsarbeit gefunden wurde, stammt aus dem Jahr 1230 und befindet sich in der katholischen Pfarrkirche St. Brigida in Legden. Viele der älteren Glasmalereien seien während des Krieges zerstört worden oder Abrissarbeiten zum Opfer gefallen, erklärt Jansen-Winkeln. Insbesondere im Zuge von Energiesparmaßnahmen, die mit einer Fenstersanierung einhergingen, seien Glasmalereien entfernt worden. Aber immerhin: „30 Prozent der Glasmalereien sind älter als 1945, so dass wir hierüber einen ganz anderen Einblick in die Geschichte erhalten“, so Jansen-Winkeln.

Als Rettungsmaßnahme, bevor ein Kunstwerk den Weg in den Glascontainer findet, hat die Stiftung ein Depot eingerichtet. Momentan beherbergt es 350 Objekte. Eines der Ziele von Jansen-Winkeln: Die Objekte sollen künftig wieder verbaut werden, denn ihrer Meinung nach gehören sie in Häuser, sichtbar für die Öffnetlichkeit. Zudem können die Glasmalereien für Ausstellungen ausgeliehen werden. Finanziert wird das Forschungsprojekt zu einem Drittel vom Land NRW – 150 000 Euro jährlich –, der überwiegende Rest stammt aus dem Privatvermögen von Annette Jansen-Winkeln und ihrem Ehemann Ernst.

Das Wissen über die Glaskunstwerke in Nordrhein-Westfalen stellt die Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts auf einer internetseite zur Verfügung. Hier finden Interessierte die Werke nach Region und Künstler sortiert. Dazu gibt es reichhaltiges Bildmaterial mit Außenansichten und Einzelaufnahmen der Werke.

http://www.glasmalerei-ev.de

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