Stef Lernous inszeniert „Lulu“ in der Version der Tiger Lillies in Oberhausen

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Lustobjekt Lulu: Szene der Oberhausener Inszenierung mit Eike Weinreich, Laura Angelina Palacios und Moritz Peschke.

OBERHAUSEN - Die Scheiben geborsten, die Fliesen abgeschlagen, Staub und verschmierte Graffiti überall. Diese Fleischerei hat bessere Tage gesehen. Der Ast eines toten Baums ragt durch die Wand in den Raum, darauf ruht eine nackte Frau. Drei Kerle heulen sie von unten an. Diese Wölfe hungern nicht nach Fleisch sondern nach Sex. Ihr Herr brüllt sie nieder, lässt sie kuschen.

Animalisch beginnt „Lulu. Eine Mörderballade“ in Oberhausen. Nicht Frank Wedekinds frivole Tragödie über eine Femme fatale, sondern das, was das britische Vaudeville-Trio The Tiger Lillies daraus gemacht haben. Also eigentlich eine Folge von Songs zwischen Kirmes, Folk und Jazz, in denen das Drama um die verführerische Titelheldin erzählt wird, die durch die Betten eines Verlegers, eines Malers, in die bessere Gesellschaft aufsteigt und dann wieder als Hure in die Gosse zurückstürzt. Im Original, 2014 uraufgeführt, singt Martyn Jacques, und im Hintergrund tanzt eine Frau als Lulu auf einer ziemlich aufgeräumten Bühne.

In Oberhausen inszeniert Stef Lernous vom belgischen Theater Abbatoir Fermé. Ein famoses Sextett unter Leitung von Otto Beatus spielt die wilde Mischung aus Kurt-Weill-Nachklängen, aus Balkan-Folklore, kernigen Rockgrooves, eingängigem Swing. Und es singen die Schauspieler. Schon durch das schmuddelige Bühnenbild (Ausstattung: Sven Van Kujik) gewinnt die Ballade hier wirkliche Präsenz, wird zur pathetisch-direkten Moritat, zum wilden Kasperspiel mit Mensch-Marionetten, auch wenn die Akteure nur wenige Sätze zu sprechen haben. Aber es geht in dem Stück ja um Elementarkräfte, um den Trieb und den Tod. Was soll man da symbolistisch herumreden? Man kommt lieber direkt zur Sache. Die Männer werden blöde durch ihre Gier. Ein Song formuliert das so: „Your lust begins, your stupidity wins.“ Und Lulu, dieses edle, schöne Tier im Käfig, verkörpert sowieso, was die Kerle sich erträumen, sie denkt nur an das Eine. Dafür genügt ihr ein absoluter Kernwortschatz, die Frage „Feuer?“ und einige „Oijoijoijoijois“, einige „Ja ja jas“ und „Neins“ klären jede Situation. Und dann tut sie, was ihr Lude von ihr fordert:  „Show uns your tits!“

Worte sagen zu wenig darüber, was dieses Wesen wirklich empfindet. Man muss sehen, wie die nackte Laura Angelina Palacios sich im Rockgroove verausgabt, wie sie den Kopf vor- und zurückschleudert, sich auf Bauch und Schenkel schlägt. Dann weiß man, wie es in ihr arbeitet, welcher Schmerz da zu betäuben ist.

Die Schauspieler haben die Gesichter geweißt wie die Musiker der Tiger Lillies. Susanne Burkhard verkörpert Shig, den Straßengauner, der die streunenden Köter bändigt und seine angebliche Tochter Lulu zur Hure macht. Mit dick aufgemaltem Bart singt sie die meisten Songs als Mitspieler und als Erzähler zugleich, eine zwielichtige Figur, seltsam asexuell, weil seine Geilheit sich aufs Geld richtet. Grelle Effekte auch hier. Der sinistre Shunning (Michael Witte) zieht eine Gasflasche hinter sich her, aus der er sich mit einer Atemmaske berauscht.

Die Kerle verlieren hier den Kopf – buchstäblich. Es geht die Treppe hoch, in die Fleischerei, wo noch immer Jack haust, der Ripper, der Metzger (Anja Schweitzer), der über jedem das Haubeil schwingt und die Häupter dann ins offene Fenster legt, wo sie bei Chorpartien fröhlich weiter singen.

Dieses wilde Vaudeville-Horror-Theater zeigt Lulu konsequent als Opfer. Sie ist das Tier im Käfig. Der für die Herren bequeme Mythos vom männerverschlingenden Erdgeist Lulu wird durch die Reduktion auf Songs und Action unterlaufen. Das lässt sich nicht so gut intellektuell verbrämen, das ist schlicht und direkt. Und es trifft den Kern der Sache besser. Kein Mitgefühl, hier strömen die Körperflüssigkeiten nur so, weil es eben so ist, wie es ist.

Stef Lernous erfindet großartige, schreckliche Bilder zu den Liedern. Aber er übertrifft sich mit seinem Schluss, als, endlich, die besudelte, benutzte, verletzte, ermordete Lulu das Wort ergreifen darf. Sie singt. Nichts von den Tiger Lillies, sondern Cole Porters Song einer Stripperin, „My Heart belongs To Daddy“. Und die letzte Zeile verkehrt die überragende Laura Angelina Palacios ins Gegenteil, weil sie Silbe für Silbe schreit: „because he treats me“, und dann erstirbt ihre Stimme bei „so good“.

20., 22.1., 5., 13.2., 5., 12.3., Tel. 0208/ 85 78 184, www.theater-oberhausen.de

Die Tiger Lillies gastieren am 26.2. im Konzerthaus Dortmund, www.konzuerthaus-dortmund.de

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