Standardwerk für Superman & Co: „75 Years of DC Comics“

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In Fadenkreuz: Irv Novick schuf das Cover des Batman-Hefts 205, September 1968.

Von Jens Greinke ▪ Der deutsche Kulturbetrieb ist eine träge Institution mit der Reaktionszeit einer überbackenen Weinbergschnecke und – soviel Selbstkritik muss sein – auch an dieser Stelle wäre eine Besprechung dieses Buches vor 20 Jahren in dieser Form nicht möglich gewesen. Nicht nur, weil es ein solches Werk vor 20 Jahren aufgrund der Gefahr des verlegerischen Suizids nicht gegeben hätte. 720 Seiten, fast sieben Kilo schwer – und 150 Euro teuer. „75 Years of DC Comics“ setzt in fast jeder Beziehung Maßstäbe.

Gute Güte, Comics! Trivialer Schund aus der Schmuddelecke der Kunst, allenthalben für unter 16-Jährige, die durch die Lektüre Gefahr laufen, für die wirklich schönen Dinge des Lebens verdorben zu werden. Immerhin ein zähneknirschender Spitzname wurde ihnen gewährt: Die „Neunte Kunst“, was klingt wie neunte Liga. Ein aufgemotzter Opel Manta der darstellenden Künste.

Wirklich? Im Februar dieses Jahres wurden zwei frühe amerikanische Ausgaben der Comics aus dem DC-Verlag versteigert. Der „Detective Comics No. 27“, mit dem vergötterten Batman als Protagonist, erzielte dabei 1,075 Millionen Dollar. Der „Action Comic No. 1“ mit dem ersten Auftritt von Superman eine Million Dollar. Gottseidank ein Sieg für den weitaus subtileren Millionär und Playboy Bruce Wayne über den mit Superkräften ausgestatteten Clark Kent, mit dem die Identifikation schon als Fünfjähriger schwer fiel, weil man wusste, dass man nie einen Hitzeblick bekommen oder fliegen können würde, wenn man nicht zufällig auf Krypton geboren wurde und von seinem Vater in einer Rakete zur Erde geschossen wird. Neidisch wurde man bei Superman nur auf seine Freundin, die bezaubernde Lois Lane. Doch trotz aller inhaltlichen Schwächen dieser Figur: Als Superman 1938 diese Welt betrat, hätte es real so eines Mannes bedurft. Ein Held, der den Kampf gegen Ungerechtigkeit und Herrschsucht aufnimmt. Einer, der unbeschreiblich viel Macht hat und sie zum Wohle anderer einsetzt. Ganz anders als sein perfider Gegenspieler Lex Luthor, ein Prototyp der Superschurken dieser Welt.

Das Buch zeigt, wie Mitte der 1930er Jahre der Comic von den USA aus seinen Kreuzzug durch die Welt antritt. Entgegen allen Vorurteilen. Künstler wie Jerry Siegel oder Joe Shuster waren zeitgenössisch kreativ. Sie schufen nicht nur neue Welten, sondern bildeten diese auch chiffriert ab: Welten der Unterdrückung, Flucht und Verfolgung. Welten, die Auswege anboten: durch Fantasie, Widerstand und Inspiration.

Der US-Comic wurde in seiner Anfangszeit auch durch emigrierte, jüdische Künstler geprägt. Die ihre Helden schon lange vor Kriegsende gegen Hitler antreten ließen. Man wünscht sich heute, dass diese Visionäre ihren Kampf nicht nur im Strip gewonnen hätten. „75 Years of DC Comics“ präsentiert viel Material, das in Deutschland nie veröffentlicht wurde.

Handwerklich arbeiteten die Comiczeichner vermeintlich naiv. Wer sich die frühen Werke aus den 30er bis 50er Jahren betrachtet, mag das zu Recht kritisch anmerken, doch er ignoriert die andere Dimension. Comics waren von Beginn an bebilderte Geschichten, eine Verbindung zweier Kunstformen. Später wurden sie zu zeichnerischen Meisterwerken gepaart mit großer Literatur.

Die Figur des Batman ist sicherlich eine der interessantesten aus dem DC-Universum. Von Anfang an der realistischste der Superhelden, geboren durch den Mord an seinen Eltern nach einem Theaterbesuch. Auch er bekämpft das Böse und Gemeine, ohne mit übernatürlichen Kräften gesegnet zu sein. Seine Macht gründet auf seinem unbestechlichen, reinen Gewissen. Das Buch zeigt die Entwicklung der Fledermaus vom kindlich gezeichneten Gangster-Jäger von Bob Kane über den ästhetisch anspruchsvollen Athleten von Neal Adams bis hin zum dunklen Ritter von Frank Miller, der bislang sicherlich besten Adaption dieser Figur. Miller hat dem Superhelden Schwächen zugestanden, ihn vielschichtiger gemacht und für die Leser glaubwürdiger.

Es war Jenette Kahn Anfang der 80-er Jahre zu verdanken, dass der DC-Verlag den richtigen Weg einschlug. Die Generaldirektorin erkannte, dass der Comic eine Wendung nehmen muss: Weg vom Abenteuer-Strip hin zur anspruchsvollen graphischen Erzählung. Kahn verpflichtete Künstler wie Miller und den Briten Alan Moore, der 1986 mit den „Watchmen“ einen Meilenstein erschuf. Die Saga über eine Gruppe gealterter Superhelden wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt neben Art Spiegelmans „Maus“ bis heute als einer der ästhetisch avanciertesten Comics. DC engagierte weitere Künstler wie Neil Gaiman und Dave McKean, die Schöpfer der „Sandman“-Reihe; sowie Alex Ross, dessen epischer Malstil den Betrachter regelrecht umwirft. Was Will Eisner, dem Erfinder der Graphic Novel, bereits Jahrzehnte zuvor geschaffen hatte, wurde nun zum Erfolgsmodell. Die Symbiose zweier Kunstformen, die zu brillanten Werken führten.

„75 Years of DC Comics“ ist ein längst überfälliges, nicht nur von seiner Dimension großartiges Buch, das die Geschichte des amerikanischen Comics abbildet und nachzeichnet. Die Texte von Verlagschef Paul Levitz sind lesenswert, doch es sind natürlich die Abbildungen in diesem Band, die den Leser in eine rauschhafte Reise durch ein dreiviertel Jahrhundert Comic-Geschichte reißen.

Paul Levitz: 75 Years of DC Comics, Taschen-Verlag, Köln. 720 S., Begleitheft mit deutschen Texten, 150 Euro

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