„Schöne Aussicht mit Jungfrau“: Alpenbilder in Liesborn

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Carl Friedrich Seiffert malte die dramatische Ansicht von der „Wimbachklamm“ um 1860. Zu sehen ist das Bild im Museum Abtei Liesborn.

LIESBORN - Winzig klein wirken die Wanderer in der wilden „Wimbachklamm“. Die Wasserfälle rauschen mächtig, dass der Betrachter von Carl Friedrich Seifferts Gemälde glaubt, es zu hören. Und zwischen den umgestürzten toten Bäumen, den wuchtigen Felsbrocken sieht die Holzbrücke gleich noch zerbrechlicher aus. Hier zu gehen, ist ein Abenteuer. Und das war ein Urlaub in den Alpen um 1860, als der Tourismus gerade auf Touren kam.

Das Bild ist im Museum Abtei Liesborn zu sehen. Das Haus zeigt in der Ausstellung „Schöne Aussicht mit Jungfrau“ rund 80 Gemälde aus dem 19. Jahrhundert mit Motiven aus den Alpen. Die Exponate stammen aus der Sammlung von Fred Kaspar und Paul-Artur Memmesheimer aus Telgte, die rund 600 Darstellungen dieser Art zusammengetragen haben. Sie schlugen auch Museumsdirektorion Jutta Desel die Ausstellung vor.

Und so wecken nun die romantischen Bergansichten Fernweh. Die Landschaft war in der Kunstgeschichte erst relativ spät bildwürdig. Im 19. Jahrhundert allerdings wurde das Genre an den Kunstakademien gelehrt, in Düsseldorf zum Beispiel von Johann Wilhelm Schirmer (1807–1863), und viele Bilder in der Schau stammen von seinen Schülern. Ascan Lutteroth hielt zum Beispiel das Alpenglühen in Berchtesgaden effektvoll fest.

An den Anfang gestellt wurden einige ältere Gemälde aus der eigenen Sammlung, Beispiele für niederländische Landschaftsmalerei aus dem 16. und 17. Jahrhundert, bei der oft noch kleine biblische Szenen die Darstellung legitimieren. Man kann in Liesborn sehen, wie später eine Motivwelt entsteht, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Alpine Klischees wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt, die sich am Ende als kunsthandwerklicher Kitsch in kleinbürgerlichen Wohnstuben wiederfanden. Und man hat in der Schau nicht selten Déja-vu-Momente. Da ragen schroff die Gipfel auf. Saftig grün leuchtet das Gras der Alm. Wild rauschen die Wasserfälle. Auf Bergseen treiben gemächlich die Boote mit den Reisenden. Heimelige Almhütten laden zur Einkehr. Das ist eine Mischung aus Realismus – natürlich soll man die bedeutenden Gipfel wiedererkennen – und Phantasiemomenten wie den Staffagefiguren und Gebäuden. Theodor Nocker stellt eine junge Sennerin ins Zentrum seines Bildes „Jungfrau von der Wengeralp“ (um 1900), ein leicht frivoler Herrenwitz, Jungfrau heißt der dritthöchste Berg der Alpen.

Jutta Desel nennt ihre Ausstellung denn auch eher kulturgeschichtlich. Längst nicht alle Bilder hier sind bedeutende Kunst. Vieles entstand in Serie, in Manufakturen, wo meist anonyme Maler am Tag mehrere knapp postkartengroße Täfelchen produzierten, die dann Reisende aus Großbritannien, Deutschland oder Frankreich für kleines Geld mitnahmen. Selfies gab es noch nicht. Also machte man die Lieben mit möglichst romantischen Ansichten neidisch. Den seriellen Charakter vieler Bilder verdeutlicht die Schau. Von Abraham Stähli hängen zwei Versionen des „Wetterhorns“ übereinander, die von der gebogenen Tanne vorn links bis zum weißen Bergmotiv kaum auseinanderzuhalten sind.

In dieser Schau findet man sozusagen Urbilder der Andenkenindustrie. Da wird nicht nur die Landschaft selbst zum Thema, sondern auch die Reisenden lassen sich malen, Ludwig Hofmann-Zeitz zum Beispiel porträtiert um 1865 ein junges Paar, das vom Gipfel in die Ferne blickt, und ein unbekannter Maler bildete 1852 zwei Schwestern ab. Franz Keller, auch Düsseldorfer Absolvent, malte 1873 das Hotel Ober in Interlaken. Andere Künstler sprachen mal das Gemüt an mit der Darstellung einer betenden Jungfrau im Gebirge, mal gaben sie sich eher launig und schilderten muntere Bergburschen auf der Gamsjagd. Was der Kunde eben wünschte.

Eröffnung Samstag, 17 Uhr.

Bis 10.4., di – fr 9 – 12 und 14 – 17 Uhr, sa, so 14 – 17 Uhr,

Tel. 02523 / 98 240,

www.museum-abtei-liesborn.de

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