Ruhrfestspiele thematisieren Frankreich: „Tête-à-Tête“

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Wucht und Zärtlichkeit: Schillers „Die Jungfrau von Orlean“ ist eine der großen Produktionen in Recklinghausen. Die Titelrolle spielt Kathleen Morgeneyer, hier mit Alexander Khuon.

Von Achim Lettmann -  RECKLINGHAUSEN „Ihr habt ja ein tierisches Programm“, sagt Ute Lemper und wirkt tatsächlich angestrengt vom Zuhören. Denn der Leiter der Ruhrfestspiele, Frank Hoffmann, hat gestern eben dieses Programm vorgestellt, dass 110 Projekte umfasst. Die 317 Vorstellungen finden vom 1. Mai bis 14. Juni an 17 Spielstätten statt. Ein Rekord.

Mehr hat dieses Festival, das in den letzten Jahren auch immer mehr Publikum locken konnte, noch nicht geboten. Seit 2005 leitet Hoffmann die Ruhrfestspiele. Der Theatermacher rückt mit seiner vor langer Zeit getroffenen Entscheidung, Frankreich zu thematisieren, unweigerlich an die politischen Ereignisse um die Terroranschläge von Paris heran. „Tête-à-tête. Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“ sollte, so Hoffmanns Absicht, den Nachbarn näher bringen. Der Luxemburger („wir nennen das die zwei Kulturen“) wollte einen Zustand überwinden helfen, dass Frankreich so nah an Deutschland liegt und doch so weit scheint. Nun klinge alles, was wir tun in dieser Spielzeit anders, sagt Hoffmann. Er will nicht pathetisch sein, aber er spürt die neue Bedeutung. Die Bindung zu Frankreich ist größer geworden. Die Ruhrfestspiele bieten die Chance für jeden, Bühnenkunst aus Frankreich, Musik, Literatur und große Persönlichkeiten zu erleben.

Zum Beispiel kommt Juliette Binoche nach Recklinghausen. Sie hat sich für Sophokles „Antigone“ den Belgier Ivo van Hove, einen internationalen Regiestar, gewählt. Die Binoche tritt im Großen Haus auf, wo auch Thierry Malandain zur Musik von Chopins „Nocturnes“ seine Company aus Biarritz tanzen lässt. Er zählt zu den großen Choreografen in Frankreich und wird mit Maurice Béjart verglichen.

Eröffnet werden die Ruhrfestspiele mit einem Stück von Eugène Labiche. „Ich, ich, ich“ inszeniert Martin Kusej mit dem Ensemble des Residenztheater München. Die Premiere der Komödie findet am Grünen Hügel (3. Mai) statt. Ein Höhepunkt wird auch das neue Stück von Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels“), die für den Berliner Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier „Bella Figura“ geschrieben hat. Ihre Stück werden immer außerhalb Frankreichs uraufgeführt. Recklinghausen ist nach Berlin die zweite Station. Nina Hoss spielt die pikierte Freundin eines verheirateten Mannes.

Musik aus Frankreich bringen Jane Birkin, Michel Piccoli, der schon 1996 in Recklinghausen war, und Hervé Pierre ins Festspielhaus. Birkin zelebriert eine Hommage an ihren Mann „Serge Gainsbourg, großer Dichter“. Ein besonderer Abend, sie wolle ihn als Musiker, Lyriker, Chansonnier, Interpreten und Schriftsteller vorstellen, erläutert Frank Hoffmann.

Der Festspielleiter selbst inszeniert von Eugène Ionesco „Die Nashörner“. In der Koproduktion mit dem Théâtre National du Luxembourg und dem Staatstheater Mainz spielen Wolfram Koch und Samuel Finzi, die für ihre Leistung in „Warten auf Godot“ 2014 den Gertrud-Eysoldt-Ring bekamen.

Für seine knappen Klassikerinszenierungen ist Michael Thalheimer bekannt. Der Regisseur vom Deutschen Theater Berlin hat Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. In der Titelrolle ist Kathleen Morgeneyer auch in Recklinghausen zu sehen. Intendant Hoffmann sagt, große Theaterstücke zur französischen Revolution seien in Deutschland geschrieben worden und nicht im Nachbarland.

Aus Mülheim kommt Roberto Ciulli, der den modernen Klassiker Bernard-Marie Koltès’ „Rückkehr in die Wüste“ mit seinem Theater an der Ruhr inszeniert.

„Tête-à-Tête“ wird von Rufus Beck fortgeführt, der eine „One-Man-Show“ zu Jules Verne („Von der Erde zum Mond“) im Kleinen Theater aufführen wird: Zitate, Videos, Schauspiel. Im Großen Haus liest er aus „Ein Stammbaum“, einem Buch des Literatur-Nobelpreisträgers Patrick Modiano. Und Frank Hoffmann stellt den Autor Louis-Ferdinand Céline vor. Sein Werk „Reise ans Ende der Nacht“ wird ab 23 Uhr gelesen (29. Mai) – von mehreren Rezitatoren.

Natürlich gibt es wieder das Fringe-Festival (12. Mai bis 6. Juni) mit seinen schrägen Produktionen in der ganzen Stadt. Und das „Festival der Uraufführungen“ gehört in die Halle König Ludwig 1/2. Unter den Dramatikern ist wieder Dirk Lauke, der mit „Kopflohn“ einen Roman von Anna Seghers bearbeitet.

Neuer Partner der Ruhrfestspiele ist das Schauspiel Hannover. Heiner Müllers „Der Auftrag“ wird mit Corinna Harfouch im Theater Marl gegeben. Ihre Söhne spielen in der Bühnenband mit. Über das Scheitern der Revolution hatte Müller 1979 geschrieben. Er starb vor 20 Jahren.

Eine besondere Partnerschaft erläutert dann aber noch Ute Lemper, die 1991 mit Maurice Béjart in Recklinghausen auftrat. Sie wird aus Paulo Coelhos Buch „Die Schriften von Accra“ einen poetischen Musikabend machen. Ute Lemper war in Sydney zufällig auf Coelhos Text gestoßen. Sie habe ein anderes Universum gefunden, sagt sie in Recklinghausen, etwas fürs Herz, als ob man eine neue Tür öffne. Lemper, die schon Texte von Pablo Neruda und Charles Bukowski „in Musik gesetzt“ hat, wie sie sich ausdrückt, hat die Zustimmung des Brasilianers („Ich höre deine Musik, du liest mich“). Es sind lyrische Vertonungen, fünfsprachig, die mit einem deutschen Gerüst daherkommen, sagt die Lemper: „Ich bin sehr gespannt.“

Die wichtigsten Produktionen

3. Mai Eröffnung: Ich ich ich von Eugène Labiche, Regie Martin Kusej,

Residenztheater München

8. – 10. Mai Die Wiedervereinigung der beiden Korea, ein Ehepaar-Stück

von Joel Pommerat, Deutsche Erstaufführung

9. – 10. Mai Die Schriften von Accra – 9 Kapitel. Idee Ute Lemper

17. – 18. Mai Nocturnes/Estro/Boléro, Thierry Maladain, Ballet Biarritz

19. – 23. Mai Die Kahle Sängerin von Ionesco, Theaterprojekt mit

LWL-Klinik Herten

19. – 26. Mai Francois & Claire, Jean-Michel Bruyere führt in die

Gedankenwelt von Franz und Klara von Assisi ein

28. – 31. Mai Bella Figura von Yasmina Reza, Regie Thomas Ostermeier

30. – 31. Mai Gainsbourg, Großer Dichter mit Jane Birkin, Michel

Piccolie, Hervé Pierre

21. – 24. Mai Antigone nach Sophokles mit Juliette Binoche, neue

Übersetzung von anne Carson

24. – 25. Mai Romy Schneider, zwei Gesichter einer Frau, mit Chris

Pilcher – eine Annäherung

26. – 28. Mai Je Chante Burghart Klaußner singt Charles Trenet

29. Mai Eine Reise ans Ende der Nacht, ein Buch von Louis-Ferdinand

Céline, gelesen ab 23 Uhr

3. – 6. Juni Wings, Zirkus Rigolo aus der Schweiz

3. – 8. Juni Die Nashörner nach Eugène Ionesco, Regie Frank Hoffmann

5. – 6. Juni Das Parfüm von Patrick Süskind, eine Lesung von

Hannelore Elsner

6. – 8. Juni Rückkehr in die Wüste, Koltès-Stück von Roberto Ciulli und

dem Theater an der Ruhr

9. – 10. Juni Green Porno, eine Aufführung mit Isabella Rossellini

12. – 14. Juni Die Jungfrau von Orleans, nach Schiller, Regie: Michael

Thalheimer, Deutsches Theater Berlin

Am 1. Mai findet das Bürgerfest im Park am Festivalhaus statt

Kartentel. 02361/92180; französische Stücke werden deutsch übertitelt

www.ruhrfestspiele.de

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