„Ruhm“: Tanztheater von Neco Çelik in den Kammerspielen Bochum

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Alexis Fernandez Ferrera mit Renegade-Tänzern in „Ruhm“ an den Kammerspielen Bochum.

Von Edda Breski BOCHUM - Ruhm ist für ein Tanzstück ein gefährlicher Titel. Er geht auf enge Tuchfühlung mit dem alten Kinofilm „Fame“ und dem Titelsong von Irene Cara, die allen jungen Menschen, die vom Rampenlicht träumen, das trügerische Versprechen gab: „Du wirst für immer leben“. An den Kammerspielen Bochum beschäftigt sich der Regisseur Neco Çelik mit dem „Ruhm“ in einem Tanztheaterabend mit der Gruppe Renegade. Und zunächst sieht auch alles nach einer bunten Show über Jugendkultur und jugendliche Ruhmsucht aus.

Eine süße Streetdance-Crew stellt Çelik auf die Bühne, hübsche junge Leute in grauen Kostümchen und bunten Schuhen, niedlich wie Mangafiguren, aber schon arrogant wie die ganz Großen. Sie klammern sich kreischend an ein Gerüst, als wären sie in einen Affenkäfig gesperrt, die Jungs machen den Mädchen mit harten Beckenstößen den Platz streitig.

Die Show geht richtig los, als eine rotgewandete Hommage an Isadora Duncan auf die Bühne hüpft und sich in eine griechische Pose stellt. In dem fließenden Tanzkleid, das auf den muskulösen Tänzerkörper die Illusion von Kurven zaubert, steckt unübersehbar ein Mann mit Afro und Bart. Alexis Fernandez Ferrera tänzelt, seine Arme wellen sich, er sinkt dahin wie der sterbende Schwan. Er geht in eine tiefe zweite Position und reckt bedeutungsvoll die Arme, ein kleiner Witz in Richtung Pina Bausch. Er dehnt den Rücken und schaut ins Publikum: Seht ihr, sagt der Blick, was ich auf mich nehme, um vor euch zu stehen?

Natürlich wird den jungen Tänzern das Theater zu viel. Sie tanzen den Roten versuchsweise an, zeigen ein paar aggressive Posen und Breakdance-Schritte, aber wenig Eigeninitiative. Der alte Geck gegen die jungen Formalisten – mehr fällt Çelik nicht ein?

Man ist versucht, das Stück enttäuscht abzuhaken, aber dann wirft Çelik plötzlich alles um, kreiert Chaos und sucht im Chaos nach dem, was Tanz mit den Menschen anstellt, die in ihm Ruhm und Anerkennung suchen.

Çelik kommt vom Film und von der Oper. Zu seinen Referenzen gehört die Berliner Staatsoper. Er blickt auf den Tanz durch den Weitwinkel. Auf seiner Bühne, die ähnlich aufgebaut ist wie eine Greenbox beim Film (verantwortlich: Berit Schog), formieren sich Szenen wie Bilder. Der rote Solist ist ein perspektivischer Fluchtpunkt. Çeliks ironische Abhandlung von Tanzgeschichte ist nichts Neues, aber von Fernandez Ferrera mit waidwundem Rehblick charmant gemacht.

Irgendwann lässt der Solist los. Sein Kleid wirft er ab, fortan zeigt er sich in einem leuchtend roten, über dem Hinterteil gewagt geschnittenen Suspensorium (Kostüme: Frederike Marsha Coors). Die äußerliche Entblößung geht einher mit einem Rückzug ins Innere. Fernandez Ferrera springt und hüpft, als sei er auf einem Rave. Er erinnert daran, dass Tanz, wenn man sich ihm hingibt, Rausch ist.

Sein Gegenpart ist die Gruppe, aus der sich die jungen Tänzer nicht befreien können. Çelik fängt ihre Bewegungen in Loops ein, so wie DJane Anna Suda ihre elektronischen Töne, die sich von ruhigen Impulsen zu säureübergossenen Housebeats wandeln. Aus dem Widerspruch zwischen beherrschten Schritten in strenger Formation und dem Sehnen jedes Tänzers nach Freiheit von ihr ergibt sich eine starke kreative Reibung. Es gibt eine Stelle, als die Gruppe um das abgelegte rote Kleid, vorsichtig Abstand haltend, herumtanzt. Die Spannung zwischen dem Gruppenzwang und dem begehrenden Blick jedes Tänzers ist atemberaubend. Die Energie der Renegades trägt das Stück. Noch als die Tänzer, nun enthemmt, um das rote Kleid des Ruhms balgen und das Licht ausgeht, wirkt ihre Präsenz im Dunklen nach. Der letzte Lichtstrahl liegt auf Alexis Fernandez Ferreras triumphierendem Lächeln. Dem Solisten hat niemand den Ruhm nehmen können.

„Ruhm“ ist, trotz einer überlangen und klischeebelasteten Eingangssequenz, ein interessanter Abend mit klugen und wirkmächtigen Szenen über Gruppenkonformität und die Sehnsucht nach dem Rampenlicht.

14., 28., 31.1., 4.,11., 22., 25.2.,

Tel. 02 34/33 33 55 55,

www.schauspielhausbochum.de

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