Der Roman „Mastroainni. Ein Tag“ des Brasilianers João Paulo Cuenca

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João Paulo Cuenca

Von Achim Lettmann - „Zwei abgebrannte Streichhölzer begegnen sich“, schreibt João Paulo Cuenca und meint seine Romanhelden Pedro Cassavas und Tomás Anselmo. Mit viel Selbstironie und ohne Dramatik schildert der brasilianische Autor 24 Stunden im Leben der beiden Tagediebe.

Sein kurzer Roman ist ein Stadt-Streifzug, der nach dem italienischen Kino-Flaneur der 60/70er Jahre benannt wird: „Mastroianni. Ein Tag“.

Brasilien ist Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, deshalb gibt es derzeit zahlreiche Autoren aus Südamerika zu entdecken. João Paulo Cuenca, Jahrgang 1978, zählt zu den interessanten Köpfen der jungen Generation. Er lässt sich nicht auf die Illusion seiner eigenen Geschichte ein, sondern thematisiert die Fantasien des Autors in einer medialen Welt. Was geben ihm die Stars der Film-, Mode- und Kunstszene vor? Fühlt er sich noch wohl und autark als Schriftsteller, wenn die Unterhaltungsindustrie ihm die Höhepunkte und Sehnsüchte des Menschseins diktiert?

Cuenca thematisiert die Selbstreflexion nicht akademisch. Vielmehr wechselt er kapitelweise die Perspektive und führt einen emotionalen Dialog mit seiner Hauptfigur Pedro Cassavas („Sie haben verschiedene Götter und verschiedene Stammkneipen“). Das ist kühn und entschlossen geschrieben („sinnlose Nabelschauliteratur“). So macht man dem Leser bewusst, wie fragil Belletristik sein kann. Ein kunstvoller Trick, der Distanz schafft, aber natürlich nicht neu ist.

„Mastroianni. Ein Tag“ unterhält, weil Cuenca aus den Träumen seiner Helden schlüpfrige wie surreale Begegnungen konstruiert. Da ist die „süße Maria“, die Anselmo auf der Toilette glücklich macht. Oder eine Journalistin, die ein Interview mit einer recht betagten Schauspielerin führen will („Verônica hat eine Brust, die 5000 Pfund Sterling wert ist“). Zu Cuencas’ Sarkasmus zählt, dass beide Frauen Geld verdienen. Pedro und Tomás sind über diesen Zustand längst hinaus.

Immer wieder taucht Pedro an abstrusen Orten auf. In einem orientalischen Puff, in einer Halle, wo Kerle ab 70 Jahren Bingo spielen. Und in einer Disco am Stadtrand, wo Pedro wie ein Popstar empfangen wird. Der Millionär Mxyzptlk schwadroniert, in Boutiquen wird gekauft, Dosenbier gekippt. Es sind Männerträume, vielleicht von Drogen beflügelt, aber auch dafür geschrieben, entlarvt zu werden. Welcher Leser mag schon glauben, dass Pedro auf einer Party das L’Oreal-Model beeindruckt, das furzt, kotzt und Sex mit ihm zulässt. Die Übersteigerung gerät bei Cuenca vulgär und ekelig. Ein Stilmittel, das die Erkenntnis vorbereitet: „Ich wäre am liebsten ein Schatten und weiter nichts.“

Der Autor führt egozentrische Fantasmen vor („Du bist der einzige, der existiert“), die letztlich auch den Leser absorbieren sollen, der nur lebt, weil er liest. Somit ist er abhängig vom Autor und seinem Helden. Das ist herrlich postmodern, abwechslungsreich und nie ernst gemeint. Cuencas Ziel ist es, mit dieser Literatur im temperamentvollen Brasilien zu bestehen.

João Paulo Cuenca: Mastroianni. Ein Tag. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler. a1-Verlag, München. 144 S., 16,90 Euro

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