Uwe Rohbeck spielt einen Trinker in „Die Reise nach Petuschki“

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Ein langer Zug aus dem kleinen Glas: Uwe Rohbeck in „Die Reise nach Petuschki“ am Schauspiel Dortmund.

DORTMUND - Das Glas fasst Uwe Rohbeck vorsichtig mit den Fingerspitzen, so winzig ist es. Aber der Schluck daraus dauert und dauert, und man spürt förmlich, wie der Wodka durch seine Kehle strömt, eine lange Befriedigung. Immerzu um den Alkohol kreisen Denken und Reden von Wenja, dem Helden in „Die Reise nach Petuschki“ und dem Alter Ego des Autors Wenedikt Jerofejew.

Katrin Lindner inszeniert die Bühnenfassung eines Klassikers der sowjetischen Untergrund-Literatur am Schauspiel Dortmund.

Im Studio braucht Ausstatter Tobias Schunck nur eine Bank und eine Plakatwand mit einer abgerissenen, ausgeblichenen Reklame für ein sozialistisches Projekt, um den Kursker Bahnhof in Moskau erscheinen zu lassen. Den Rest erledigt der grandiose Rohbeck in einem rund 70-minütigen Monolog, den er so reich instrumentiert wie eine hochprozentige Sinfonie des Rauschs und der Delirien. Und er spielt den Mann, der immer tiefer in die Abgründe des Alkohols gleitet, ohne die vordergründigen und so verbreiteten Mittel des Lallens und Nuschelns und Torkelns.

Ihm fallen da noch andere Dinge ein. Sachlich listet er zum Beispiel am Anfang seinen Konsum auf. Erst ein Glas Zubrowka. „Ich jedenfalls kenne nichts, was auf nüchternen Magen besser wäre als ein Glas Zubrowka!“ Dann ein Glas Koriander-Wodka. Dann zwei Schighuli-Bier. Hier hat ein Fachmann das Wort. Ein Apotheker hörte sich nicht viel anders an, wenn er das Anrühren einer Rezeptur beschriebe. Aber dann erwähnt er den Schluck aus der Flasche selbstgebrautem Eierlikör. Er leckte sich versonnen die Lippen, spielt die Erinnerung an den Geschmack. Und dann geraten seine Erinnerungen durcheinander. Diesem Mann zuzuhören, wie er seine Sucht beschreibt, das Gieren nach Stoff, wie er eine Schweigeminute einlegt für die schrecklichen zwei Morgenstunden vor Ladenöffnung, die der Moskauer, vor allem aber er, ohne einen Schluck überstehen muss, das schmerzt. Aber es ist auch furchtbar komisch. Wie er erzählt vom Besuch in der Bahnhofsgaststätte, wo die Kellnerin die Gerichte aufzählt, Stroganoff, Kohlsuppe, Kutteln. Rohbeck spricht ja auch das, und doch ist sein Zusammenzucken, sein Ekel in dem Moment ganz unverstellt, ganz unmittelbar. Einmal will er die Bank besteigen, und sein Fuß rutscht ab, und da sehen wir, wie mühsam die Körperkontrolle für ihn ist.

Er spielt ja eigentlich ein ganzes Ensemble, die Engel zum Beispiel, die Wenja erscheinen und ihm gut raten. Er soll doch bitteschön weniger trinken. Da nimmt er brav die Arme nach vorn, lässt die Hände hängen, ein dressierter Hund. Oder er blickt schräg nach oben und lauscht auf höhere Ideen, wenn ihm selbst nichts mehr einfällt im Wodka-Nebel.

Rohbeck trägt Wenjas sich zunehmend verwirrende Geschichte leise vor. Manchmal verliert er den Faden, stockt einen Moment, schluckt mit leerem Mund. Er leckt sich wieder die Lippen, und man weiß, woran er denkt. Er will nach Petuschki, wo seine Geliebte wartet und sein Sohn, sein kranker Junge, der schon den Buchstaben Q kennt. Da füllen sich seine Augen tatsächlich mit Tränen.

Reist er wirklich nach Petuschki? Oder erleben wir die trunkenen Tagträume des Säufers? So oder so, ein großartiger Abend, der ans Herz greift, zum Lachen, zum Heulen.

22.1., 18.2., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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