Robert Teufels geerdeter „Urfaust“ in Münster

Sie ist keine Jungfer, er ein ziemlicher Macker: Lilly Gropper und Florian Steffens im Münsteraner „Urfaust“.
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Sie ist keine Jungfer, er ein ziemlicher Macker: Lilly Gropper und Florian Steffens im Münsteraner „Urfaust“.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Dieser Faust stürmt auf die Bühne, rüttelt an dem rahmenartigen Aufbau, hängt einige Bretter aus. Auseinandernehmen, um zu verstehen. Dann stellt er sich auf, holt tief Luft, explodiert in den berühmten Monolog des frustrierten Wissenschaftlers: „Habe nun, ach, die Philosophie, Medizin und Juristerei und leider auch die Theologie durchaus studiert mit heißer Müh.“

Laut spricht Florian Steffens das im Kleinen Haus des Theaters Münster und unter Spannung. Die spürt man so richtig, wenn er sich fragt, was die Welt – lange Pause, in der er die Fäuste ballt, sich windet – im Innersten zusammenhält. Der Professor in der Midlifecrisis spürt den Druck – von Speed vielleicht, von Hormonen?

Den „Urfaust“ inszeniert Robert Teufel in Münster noch geerdeter. Diese Frühfassung aus Goethes Phase als Stürmer und Dränger lässt ja vieles aus, was dem heutigen Leser elementar mit dem Drama verbunden scheint. Da gibt es weder die himmlische Wette um Faustens Seele noch den Pakt mit dem Bösen. Ja, man erfährt nicht einmal, wie Faust und Mephisto sich kennenlernen. Und das Drama konzentriert sich auf das Schicksal des verführten, geschwängerten und im Knast endenden Gretchens, dem keine Rettung zuteil wird.

Das kann man schon mal in weniger als anderthalb Stunden runterreißen. Teufel gelingt es, in der Zeit sogar noch den Song „Sonne“ von Rammstein und zwei Monologe aus Ewald Palmertshofers „Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete“ unterzubringen. So schärft die Regie das Drama feministisch zu einer bösen kleinen Verführungsgeschichte, in der Goethes Sinnsucher gar nicht gut aussieht. Dieser triebgesteuerte Macker, der ziemlich unprofessoral jung durch die Szene stürmt, der will vor allem aufreißen. Obwohl er sich den Modeschmuck, den Mephisto ihm zum Betören des jungen Bluts ranschafft, erst ausbuchstabieren lassen muss: OMG? - Oh my god! Der Mephisto von Christoph Rinke sieht mit seinem Irokesen vielleicht wild aus. Tatsächlich aber gibt er eher den Bremser und Bedenkenträger, auch wenn er die kernige Frau Marthe (Carola von Seckendorff) nicht von der Bettkante schubst.

So bekommt man einen „Faust“ ohne Auerbachs Keller (gesoffen wird später hinter der Bühne), ohne metaphysischen Überbau und ohne Happy-End, aber mit einigen Sondierungen in das Machtgefälle der Mann-Frau-Situation. Lilly Gropper hat als Grete die stärksten Szenen, zum einen in ihrem Monolog über die Frauen, die immer die Arschkarte ziehen, schon weil ihr Körper ja immer männlich ist, eben „der“ Körper. Und dann in einer Geburtsszene, in der sie einen Plastikbeutel mit grünem Schleim als Babybauch unters Kleid schiebt. Sie spielt das quengelnde Kind und die überforderte Mutter zugleich, die entnervt die weiße Puppe zerschlägt.

Diese Wendung führt das Drama sehr organisch an die Gegenwart heran, dafür wanderte Grete auch heute in den Knast. Und der Titelheld? Kommt angesäuselt aus der Partyzone, fragt, was so abgeht, und bietet seiner Partnerin an, sie beim nächsten Mal mitzunehmen. Ganz schön skrupellos, der Typ, echt jetzt. Und selbst Gretes Zusammenbruch ernüchtert ihn nicht. Wen wundert’s, dass Mephisto für sie das Urteil spricht: „Heinrich, mir graut’s vor dir.“

Der Abend geht zwar sein Thema recht grobschlächtig an. Aber er hat starke Momente, engagierte Darsteller und eine Linie. Großer Beifall.

28.9., 4., 7., 8., 10., 15., 16., 17., 30., 31.10., 7., 25.11.,

Tel. 0251 / 5909 100,

www.theater-muenster.com

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