Polnische Avantgarde im Museum Bochum

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Polnische Jungs hat Rineke Dijkstra 1992 auf dem Bild „Kolobrzeg“ (Kolberg/ Westpommern) an der Ostsee fotografiert. Zu sehen im Museum Bochum.

BOCHUM - Sieben Jungen sind aufgereiht am Strand. Schmal in ihren Badehosen schauen sie in die Kamera wie ganz normale Kinder im Sommerurlaub. Aber Rineke Dijkstra machte die Aufnahme „Kolobrzeg“ (Kolberg/ Westpommern) 1992. Da war gerade der polnisch-deutsche Grenzvertrag in Kraft getreten. Somit stehen die Jungen an der Schwelle der polnischen Wende. Sie sind historische Zeitzeugen.

Die umfangreiche Ausstellung „The Wild West“ im Kunstmuseum Bochum stellt die Geschichte der künstlerischen Avantgarde im polnischen Wroclaw (Breslau) vor. Zu sehen sind rund 500 Exponate aus den 60er Jahren bis heute. Es sind Bilder, Filme, Fotodokumentationen, Objekte und Tonaufnahmen aus unterschiedlichen Bereichen wie der bildenden Kunst, Theater, Film, Design und Architektur. Die Arbeiten wurden ausgewählt vom 2011 gegründeten Zeitgenössischen Museum Wroclaw im Rahmen des Programms der Kulturhauptstadt Wroclaw.

Die unglaubliche Vielfalt der Kunstszene Wroclaws liegt in der Geschichte der Stadt begründet. Vor dem 2. Weltkrieg war Breslau eine deutsche Metropole mit mehr als 600 000 Einwohnern. Nach 1945 lag die Stadt jahrzehntelang in Ruinen. Die deutsche Bevölkerung hatte die Stadt verlassen müssen, polnische Bürger wurden neu angesiedelt, die Gesamtbevölkerung war auf 170 000 Einwohner geschrumpft.

Die neue Bevölkerung rechnete damit, die Stadt wieder an Deutschland abtreten zu müssen. Erst im November 1990 bestätigte der von den Außenministern Genscher und Skubiszewski unterzeichnete Vertrag die Grenzen, erst jetzt konnte man sich sicher fühlen.

Um die Stadt zu beleben, hatte man ab den 60er Jahren Künstler aus anderen Gebieten Polens eingeladen, ihnen Ateliers zur Verfügung gestellt und mehr künstlerische Freiheit gewährt als anderswo. Hier konnten sie sich austoben wie im „Wilden Westen“ (daher der Titel der Schau). So kommt es, dass die auf Filmen und Fotos dokumentierten Kunstaktionen aus den 70ern genauso frei, frech und chaotisch wirken wie ähnliche Aktionen in Düsseldorf oder Paris. Romuald Kutera etwa bewegt sich in seiner Performance „Zejscie/ Abgang“ (1971) mit roten Striemen auf dem Oberkörper in einer aufgemalten Spirale.

Stark vertreten sind auch feministische Arbeiten. So zeigt sich Suzy Lake nackt und eingeschnürt in einem Verschlag („ImPositions“, 1978). Anna Kutera präsentiert sich mit Topffrisur neben Frauenbildern aus Magazinen, darüber steht: „Ich bestimme über meine Frisur und nicht die Diktatoren der Modezeitschriften“ (1978).

Auffällig oft wurde die Bevölkerung in Kunstaktionen einbezogen, Performances wie Jacek Jankowskis und Agata Sarazcynskas „Schablonen-Aktion“ (1986) fanden an öffentlichen Plätzen statt. Man machte Kunst nicht für die Galerien und zum Verkauf, sondern arbeitete mit dem Ort und seiner Geschichte. Wie Zbignew Makarewicz und Ernest Niemcyk in ihrer Wandinstallation „Archäologisches Museum der Festung Breslau“ (1970). Fundstücke aus der Kriegszeit wie Soldatenhelm und Waffenteile liegen neben deutschen Porzellanresten.

Auch aktuell setzen sich Künstler mit ihrer Stadt auseinander. Etwa Nicolas Grospierre in seinen Fotografien (2006), die die zerfallende Monotonie und Trostlosigkeit von Betonbauten einfangen. Und Zbigniew Liberas Fotografie „Geschichtsstunde“ (2012) zeigt Reiter im müllverdreckten Buschwerk vor leerstehenden Plattenbauten.

Marion Gay

Eröffnung am Samstag,

um 17 Uhr; bis 8. Mai; di-so

10 – 17 Uhr, mi 10 – 20 Uhr;

Tel. 0234/ 9104230;

www.kunstmuseumbochum.de

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