Politische Ruhrfestspiele fragen „Mittelmeer – Mare nostrum?“

Zwischen tanzenden Derwischen und Hiphop: Die Compagnie Hervé Koubi zeigt bei den Ruhrfestspielen in Marl „Die Schuld des Tages an die Nacht“.
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Zwischen tanzenden Derwischen und Hiphop: Die Compagnie Hervé Koubi zeigt bei den Ruhrfestspielen in Marl „Die Schuld des Tages an die Nacht“.

RECKLINGHAUSEN - Was geschah wirklich am Tahrir-Platz, in den Tagen der Arabellion? Die Compagnie El Warsha Kairo lässt im Stück „Zawaya. Zeugnisse der Revolution“ einen Fußballfan, einen Spitzel und die Mutter eines Selbstmordattentäters berichten. Doch mittendrin endet das Spiel. Und das Publikum wird zum Mitspieler, soll entscheiden über Wahrheit und Lüge.

Das Gastspiel der ägyptischen Bühne zeigt die Richtung an, die die Ruhrfestspiele in diesem Jahr nehmen. Diesmal kokettiert Intendant Frank Hoffmann nicht mit „Hollywood auf dem Grünen Hügel“, lädt keine internationalen Filmstars ein, sondern sucht sein Publikum mit politischen Akzenten. Natürlich wurde das Motto „Mittelmeer – Mare nostrum?“ langfristig festgelegt, bevor sich abzeichnete, wie dramatisch sich die Flüchtlingsproblematik zuspitzen würde. Aber es trifft einen Nerv. Hoffmann betont, dass die Ruhrfestspiele schon immer ein politisches Festival gewesen seien, „aber 2016 gilt das mehr denn je“. Der Fokus liegt also auf einer Krisenregion. Man sieht Theater von Akteuren und Autoren rund ums Mittelmeer. Aber Flucht, Gastfreundschaft und Fremdenfeindlichkeit werden auch zu Themen der 82 Produktionen.

So ist der polarisierende Abend im Programm, den Regisseur Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig aus Texten von Aischylos und Elfriede Jelinek montierte, „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“. Als Deutsche Erstaufführung wird auch die Bühnenfassung von Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ gegeben, in der Regie von Karin Beier spielt Edgar Selge. Und in der Uraufführung des Stücks „Die lebenden Toten“ von Christian Lollike wird die katastrophale Situation der Bootsflüchtlinge am Mittelmeer übersetzt in Fantasy, da bekämpft Frontex eine Armee anstürmender Zombies. Und Hansgünther Heyme, Hoffmanns Vor-Vorgänger als Festspielchef und Symbolfigur des politischen Theaters, inszeniert das Drama „Am Rand“ der türkischen Autorin Sedef Ecer, in dem Waisen, die auf den Müllhalden des Südens, in Istanbul vielleicht oder in Kairo, nach Paris kommen. Da aber finden sie nicht das Paradies, sondern wieder Deponien. Und auch Lessings Toleranz-Klassiker „Nathan der Weise“ passt hierher, eingeladen ist Andreas Kriegenburgs viel gelobte Inszenierung am Deutschen Theater Berlin.

Die politischere Ausrichtung bedeutet aber nicht, dass Hoffmann auf spektakuläre Schauwerte verzichtet. Gleich die Eröffnung ist ein Paukenschlag: Nach langen Jahren kooperieren die Ruhrfestspiele wieder mit dem Wiener Burgtheater. Christian Stückl inszeniert einen mediterranen Komödienklassiker, Goldonis „Diener zweier Herren“ mit Markus Meyer in der Titelrolle und dem großen Charakterdarsteller Peter Simonischek als Pantalone. Ein Ensemble aus deutschen Bühnenstars bietet Hoffmann auch für seine Inszenierung von Calderons „Das Leben ein Traum“ auf, das er mit einem Text von Pier Paolo Pasolini kombiniert. Da spielen Hannelore Elsner, Jacqueline Macaulay, Dominique Horwitz und Wolfram Koch. Der italienische Regisseur Romeo Castellucci erneuert seine bildersatte, verstörende Inszenierung der Orestie, die 1995 einen Skandal auslöste. Und Joachim Król gestaltet mit der sizilianischen Sängerin Etta Scolo einen Abend über die Liebe, „Parlami d’amore“.

Mozarts Oper „Don Giovanni“ würde man nicht als Schauspiel erwarten. Am Thalia Theater Hamburg hat Antú Romero Nunes das recht frei und schrill realisiert – es wird vermutlich ein großes Vergnügen. Und auch Tanz nimmt immer größeren Raum ein im Festival. Nicht nur, dass im Großen Haus „Romeo und Julia“ mit dem Malandain Ballet Biarritz zu sehen ist, das 2015 auf dem grünen Hügel umjubelt wurde. Das Theater Marl soll zum Tanzstandort entwickelt werden. Dort tritt die Compagnie des algerischstämmigen Franzosen Hervé Koubi auf, der die Tradition der tanzenden Derwische hochakrobatisch ins 21. Jahrhundert transportiert („Die Schuld des Tages an die Nacht“). Und Israel Galván zeigt in „Fla. Co. Men“ den Stand der Dinge beim Flamenco.

70 Jahre alt wird das Festival in diesem Jahr, und das ist natürlich auch Thema, zum Beispiel in einem Symposium, dessen Hauptvortrag Regisseur Claus Peymann hält. Es gibt eine Reihe Gastspiele von Hamburger Bühnen, denn das Tauschgeschäft „Kunst gegen Kohle“ mit Theatern der Hansestadt stand ja am Anfang der Ruhrfestspiele. Und nicht nur Hansgünther Heyme kehrt zurück. Auch Frank Castorff, der nach nur einer Spielzeit als Intendant 2004 gefeuert wurde, gastiert hier wieder, ausdrücklich auf Wunsch seines Nachfolgers Hoffmann, mit einem Stück von Bulgakow: „Die Kabale der Scheinheiligen“.

Zur Programmvorstellung war gestern die Burgtheater-Intendantin Karin Bergmann gekommen, geboren in Recklinghausen, die sich nicht nur beeindruckt von der Spannbreite des Programms zeigte, sondern auch einige Erinnerungen ans Festival beisteuerte. Sie hatte als Siebenjährige den ersten Spatenstich für das Festspielhaus erlebt, 1960, mit Theodor Heuss, der da nicht mehr Bundespräsident war, aber die Festspiele stets unterstützt hatte. Und auch der Schauspieler Günter Lamprecht wünschte „Toitoitoi“, ein Veteran in Recklinghausen, wo er seit 1956 regelmäßig auftritt. Im Mai ist er wieder da, für eine Lesung mit Texten von Pirandello.

Und der große Dramatiker Tankred Dorst, 90, sagte einige persönliche Worte zu seinem neuen Stück „Das Blau in der Wand“, einem Erinnerungsstück über Leben, Liebe und Tod, das natürlich in Recklinghausen seine Uraufführung erleben wird.

Wichtige Termine:

1.5. Kulturvolksfest auf dem Grünen Hügel

3.–7.5. Der Diener zweier Herren, Burgtheater

7., 8.5. Zawaya. Zeugnisse der Revolution

10.–14.5. Das Leben ein Traum. Calderón, mit Elsner, Horwitz, Koch

11.–13.5. Die Odyssee, Uraufführung

16., 17.5. Romeo und Julia, Mandalain Ballet

19.–21.5. Die Orestie, Regie: Romeo Castellucci

24., 25.5. Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen

24., 25.5. Die lebenden Toten, Uraufführung

27.–29.5. Unterwerfung von Houellebecq, mit Edgar Selge

27.–30.5. Moi non plus, Gainsbourgh-Abend mit Dominique Horwitz

28., 29.5. Die Schuld des Tages an die Nacht, Compagnie Hervé Koubi

31.5., 1.6. Nathan der Weise

31.5., 1.6. Fla. Co. Men mit Israel Galván

4.–6.6. Rocco und seine Brüder, nach Viscontis Film

8.–10.6. Das Blau in der Wand, von Tankred Dorst, Uraufführung

12.–15.6. Am Rand, von Sedef Ecer

9., 10.6. Apokalypse, Bühnenfassung des Bibeltextes von H. Fritsch

13.–15.6. Don Giovanni. Letzte Party, Thalia Theater

14., 15.6. Symposium 70 Jahre Ruhrfestspiele

1.5.–31.7. Fabrizio Plessi, Ausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen

Außerdem: Fringe Festival mit Kleinkunst, Konzerten, Comedy 17.5.-11.6.

Bei „Gemeinsam zu den Ruhrfestspielen“ bietet das Festival Menschen, die von kultureller Teilhabe ausgeschlossen sind, die Möglichkeit, ausgewählte Produktionen zu besuchen, 2016 besonders Flüchtlingen.

Tel. 02361/ 92 180,

www.ruhrfestspiele.de

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