Das Picasso-Museum in Münster zeigt das zeichnerische Werk von Le Corbusier

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Souveränes Spiel mit Realismus und Abstraktion: Le Corbusiers „Trois nus féminins allongés“ (1935).

MÜNSTER - Das Ineinander der rundlichen Formen, die sich überlappenden Felder aus Weiß, Blau, Rot, der Grund mit seinem Rastermuster auf Rosa: Zuerst fällt es schwer zu bestimmen, was man hier eigentlich sieht. Es sind drei liegende Frauenakte, deren üppige Figuren sich in einen heiteren Rhythmus schmiegen. Dieses Spiel zwischen Verfremdung und natürlicher Geste verbindet der Kunstfreund gemeinhin mit Picasso. Aber das Blatt stammt vom Schweizer Architekten Le Corbusier.

Zu sehen sind die „Trois nus féminins allongés“ (1935) im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster. Nicht nur deshalb liegt man mit dem ersten Eindruck nicht völlig daneben. Der spanische Großmeister wirkte offenbar als ständige Inspiration im zeichnerischen Werk Le Corbusiers. Beide kannten sich auch, wechselten seit 1920 über 40 Jahre lang Briefe und besuchten sich im Atelier.

Insoweit ist ein Picasso-Museum der ideale Ort, um die andere Seite des Mannes kennenzulernen, der bekannt ist für Wohnblöcke aus Stahl und Beton und der auch als menschenfeindlicher Ahnherr der Plattenbauten geschmäht wurde. Aber eigentlich, meint Markus Müller, Direktor des Picasso-Museums, war Le Corbusier nur Teilzeit-Architekt. Täglich von morgens bis zum Mittag zeichnete er, 50 Prozent seiner Arbeitszeit. In der Schau „Zeichnen als Spiel“, die mit dem Picasso-Museum Antibes und der Fondation Le Corbusier erarbeitet wurde, wird die Kunst des Baumeisters in nie gesehener Fülle ausgebreitet, 146 Blätter aus dem schier unglaublich großen Fundus von 6500 Werken, die im Nachlass in Paris lagern.

Le Corbusier (1887–1965) wurde in La Chau-de-Fonds als Sohn eines Emaillierers von Uhren geboren. Da hieß er noch Charles-Éduard Jeanneret, seinen Künstlernamen nahm er 1920 an. Wie sein Vater sollte er Handwerker werden, durchlief eine Ausbildung zum Gravierer und Ziseleur. Aber seine Ambitionen richteten sich schon früh auf die Malerei. Sein Lehrer allerdings meinte, für die Kunst reiche sein Talent nicht. Also wandte er sich der Architektur zu, realisierte monumentale Projekte wie die „Unités d’Habitation“ (Wohneinheiten) in Paris und an anderen Orten, plante aber auch am UN-Hauptquartier in New York mit und entwarf die Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp. Daneben entstanden Möbel und andere Objekte, sogar Tapeten schuf er, eine verarbeitete er im Blatt der „trois nus“.

Sein zeichnerisches Werk ist alles andere als technokratisch-nüchtern. Die frühesten Blätter entstanden auf Bildungsreisen vor dem Ersten Weltkrieg nach Griechenland, Italien, Deutschland. Da aquarellierte er noch Sehenswürdigkeiten wie die Akropolis und Schloss Sanssouci. 1917 zog er nach Paris und freundete sich mit dem Maler Amédée Ozenfant an. Beide setzen sich mit dem Kubismus auseinander und wollen diese Kunstrichtung reformieren, klarer machen. In Münster sieht man eine Serie von Stillleben-Studien, auf denen eine Geige vorkommt. Sie wirken wie kubistische Blätter, auf denen jemand aufgeräumt hat, flächig, mit geometrisch vereinfachten Linien, aber ohne die kristalline Verfremdung der Bilder von Picasso und Braque. Auf einem Blatt von 1925, „Abbé Grégoire“ (willkürlich benannt nach einer Straße), überlagern sich die Umrisse von Flaschen und anderen Behältern. Hier lassen sich im Bildaufbau architektonische Momente ausmachen.

Später aber werden Le Corbusiers Motive organischer. Frauenakte sind ein wichtiges Thema. Die „Riesinnen“ und die Musikantinnen in Nachtlokalen der 1930er Jahre greifen nun wieder Stilmittel Picassos auf. In den 1940er Jahren werden Muscheln und Schneckenhäuser vom Strand mit ihren verfältelten Formen zur Inspirationsquelle fast abstrakter Kompositionen, ein Dialog der Kunst mit der Natur.

Le Corbusier bleibt auch nach dieser Schau vor allem der im Guten wie im Fatalen folgenreiche Architekt. Seine Kunst aber zeigt ihn im menschlichen Maß. Seine Blätter verzichten auf den monumentalen, manchmal für das Totalitäre anfälligen Gestus der Großbauten. In der Serie „Je rêvais“ (Ich träumte) aus den 1950er Jahren wendet er sich der Selbstbeschau zu und zeichnet den eigenen Körper in der Badewanne, die fragmentierten Knie und Füße, die aus dem Wasser ragen, manchmal ergänzt um eine vogelköpfige Frauenfigur. Die Empfindsamkeit solcher Momente lässt den Betrachter nicht unberührt.

Bis 24.4., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 414 47 10,

www.picassomuseum.de,

Katalog 27 Euro

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