Philipp Stölzl inszeniert Gounods Oper „Faust“ an der Aalto-Oper

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Die Ironie zeigt sich in Kostümen: Szene aus „Faust“ in Essen mit Jessica Muirhead (Marguerite) und Abdellah Lasri (Faust).

ESSEN - Puppen sind ein beliebtes Stilmittel der Dunkelromantik, weil sie Menschen fremd genug sind, um anziehend zu wirken, und ähnlich genug, um sie zu erschrecken. In seiner Inszenierung von Gounods „Faust“ zeigt der Regisseur Philipp Stölzl Menschengruppen als niedlich arrangierte Schildkröt-Puppen (der Chor mit verfremdenden Masken), die Bälle spielen, mit Schneeflocken werfen.

Stölzl, der mit Werbevideos und Musikclips unter anderem für „Rammstein“ bekannt wurde und später Filme wie „Der Medicus“ inszenierte, hat den „Faust“ eigentlich für die Deutsche Oper Berlin bearbeitet. Nun ist er an der Aalto-Oper in Essen zu sehen.

Stölzl konzentriert sich auf die Gretchen-Geschichte, dafür kürzt er den Fünfakter auf einen Vierakter ein. Er überträgt die niedlichen Gruselfiguren anspielungsreich in ein zwischen Kitsch und Verlogenheit verortetes 50er-Jahre-Heimatambiente. Das Problem dabei: Stölzl ist mehr Ausstatter denn Regisseur. Er schafft Tableaus, positioniert seine Puppen auf einem rotierenden Kreis, der um eine gewaltige Mittelsäule fährt (die Bühne stammt von Stölzl und Heike Vollmer). Das Karussell, das subtil an das Rad der Fortuna erinnert, ist eine interessante Idee, aber leider schlecht für die musikalische Koordination: Der eigentlich gut singende Chor kann nicht richtig aufeinander oder den Dirigenten hören, daher schwächeln die Einsätze.

Der dritte Akt ist der stärkste. Es schneit auf dem Glückskreisel, und es geht einem nahe, wenn die Niedlichkeit aus der Szene hinausrotiert und Bedrohung sich einstellt. Die in Schande gefallene, verhöhnte Marguerite sieht erst ihren Bruder Valentin (Martijn Cornet) tot im Schnee, dann ihr Kind.

Die Tableaus – die Schneelandschaft, vor allem der Heimatfilm-Tannenwald im ersten Teil, mit einem niedlichen kleinen Campingwagen als Marguerites Heim – tragen aber die Oper nicht. Und die Heimat-Optik vermittelt zwar Ironie, aber auf Nuancen in der Musik geht Stölzl gar nicht ein.

Klüger ist, was aus dem Orchestergraben klingt: Die Essener Philharmoniker unter Sébastian Rouland legen ein Psychogramm der leidenden Marguerite bloß, mit einem transparenten, flexiblen Klang, der zunehmend von Wahnsinn und Angst erzählt.

Jessica Muirhead singt die Marguerite mit leuchtend-lyrischem Sopran. Sie trifft den Ton von naiver Koketterie, als sie Fausts Geschenke findet, eingeschnürt unterm Tannenbaum. Darunter ist ein Feenstab, mit dem sie sich einen Flitterregen herbeizaubert. Später trifft sie den Leidenston, in dem große Hingabe mitschwingt. Leider zeigt die Regie sie ein wenig als Dummchen im rosakarierten Kleid (Kostüme: Ursula Kudrna). Stölzls Flirt mit der 50er-Jahre-Dunkelromantik kostet ausgerechnet seine Marguerite darstellerisches Profil.

Abdellah Lasri singt den Faust mit schönem lyrischem Tenor, dem vielleicht die letzte Geschmeidigkeit fehlt. Als Méphistophélès besticht Alexander Vinogradov mit mächtigem Bass, er kann überwältigen, wenn er Marguerite in den Wahnsinn treibt, doch insgesamt entlockt er seinem Teufel zu wenige Nuancen. Musikalisch ist die Produktion sehr gelungen, mit sehr guten Solisten wie Karin Strobos, die einen glühenden Auftritt in der Hosenrolle des Siébel hat. Auch sie muss aber gegen die Inszenierung anarbeiten, denn Stölzl steckt Siébel in ein Bunnykostüm. Stölzl misstraut Gefühlen zu sehr, daher auch die Darstellung von Marguerite als Dummchen. Schade, dass ihm dazu nichts Klügeres einfällt.

Ärgerlich ist der Schluss. Stölzl bringt Stahltore und ein störend blinkendes Warnlicht in bisher so eindrücklich kühle Szene. Viel schlimmer: Er verrät seine Hauptfigur jetzt vollends. Faust will Marguerite aus dem Gefängnis holen, aber sie akzeptiert ihre Strafe für den Kindsmord. In der Zelle lässt sie sich die Todesspritze setzen. Von dem Gift schläft sie friedlich hinüber, festgeschnallt auf einer Bahre als unsägliche Christusfigur, süß lächelnd, während der Chor von Rettung singt. So verherrlicht Stölzl die Todesstrafe als Mittel zur Wiederherstellung von Recht und Moral. Er gibt der heuchelnden Menge Genugtuung und tut, als habe die Frau ihr Leiden verdient. Das ist sträflich, noch schlimmer: Das ist reaktionär.

4., 7., 13., 17., 19., 21., 25.2., 9., 11.3., 2.4.; Tel. 0201/ 81 22 200, www.aalto-musiktheater.de

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