Xin Peng Wangs neues Literaturballett: „Faust I“ in Dortmund

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Wer mit dem Teufel tanzt: Dann Wilkinson (in Schwarz) hält als Mephisto den wieder jung gewordenen Faust (Javier Cacheiro Alemán, Mitte) fest im Bann. Szene aus dem Ballett „Faust I“, zu sehen an der Oper Dortmund.

DORTMUND - Gottvater zockt gern. Der Allmächtige nutzt als Schachbrett die Welt, Engel, Teufel und Menschen sind seine Spielsteine. Was für ein Gott ist das, der Menschen für Experimente freigibt, und welche Wahl bleibt dem Menschen? Am Dortmunder Ballett ist „Faust I – Gewissen!“ zu sehen.

Es ist Xin Peng Wangs bisher dichtestes, bestes Ballett: weniger traumbildnerisch als der „Zauberberg“, so prachtvoll wie „Der Traum der Roten Kammer“, in jeder Hinsicht eigenwillig und zwingend durchkomponiert. Es ist ein Allegorienspiel nach dem Vorbild mittelalterlicher Heiligen- und Moralmären, zugleich ein Drama um Wahlfreiheit und Kontrolle.

Wang und sein Dramaturg Christian Baier lösen sich vom übermächtigen Goethe. Sie nehmen den Faden der Faust-Erzählungen im Spätmittelalter auf. Dürer-Stiche verschwimmen auf quadratischen Bildtafeln, morphen in Zerrbilder einer Justitia oder einer Himmelskönigin.

Die Tanzsprache ist stark und eigenwillig: eine Fusion von modernem und (neo)-klassischem Tanz, asiatischen Handführungen und Ballettsprüngen, extra hoch und zackig für die Teufel.

Das Ballett verbindet strenge, formal durchkomponierte Bilder: das gigantische Schachspiel mit goldflügeligen Engeln und Dämonen auf roten Lack-Kothurnen; einen Pas de Quatre der Verführung mit Faust, Mephisto, Margarethe und der Kupplerin Marthe. Die Kostüme lassen einem die Augen übergehen: die Roben der Schachfiguren mit asiatischen Details; die Anzüge der Dämonen, goldglitzernd wie Klimt-Gemälde, mit roten Gürteln und Schamanen-Frisuren. Verantwortlich ist der renommierte Kostümbildner Bernd Skodzig.

Das Bühnenbild hat Wangs Weggefährte Frank Fellmann besorgt. Sein Schachspiel verformt sich zum psychedelischen Höllenwirbel oder zur Weltkugel. Über der Bühne hängt ein Spiegel mit Dürer‘schen Dämonenfiguren, der die Tänzer wie kleine Spielsteine reflektiert.

Musik von seriellen Komponisten wie Henryk Gorecki und dem Grenzüberschreiter Michael Daugherty ist zu einem Bewusstseins-Strom aus Farben und Rhythmen zusammengefügt. Die Dortmunder Philharmoniker unter Philipp Armbruster lassen ihn flirren und pulsieren.

Faust erscheint als alter Mann (Harold Quintero), der sich dehnt, als verspüre er am ganzen Körper Qual, die nur überwindbar ist, wenn er den Körper sprengt. Der alte Mann ist zum Spiel freigegeben. Der Teufel darf sich an ihm versuchen und bietet ihm die Jugend an.

In einer umgekehrten Dorian-Gray-Szene tritt der junge Faust (Javier Cacheiro Alemán) aus einem Bilderrahmen, hübsch wie eine griechische Statue. Mephisto umkreist ihn wie Pygmalion die Galathea. Der Leibhaftige schließt und öffnet die Hand: Will er Faust bezwingen oder er sein? Diese Achtsamkeit Wangs auf Gesten macht eine starke Wirkung aus.

Weil die Gestik so klar gegliedert ist, und weil der Mephisto auch ein unheimlich starker Darsteller ist, funktioniert das Ballett auch gut ohne die Anspielungen. Dann ist es ein Spiel von Verführung und Nachgeben.

Der erst 20-jährige Dann Wilkinson hat als Mephisto sowohl eine Bravour- als auch eine Charakterrolle. Beides gelingt ihm großartig, er hat eine magnetische Ausstrahlung. Er springt Grand jetés, als sprudele seine Kraft über. Dann rollt er sich über den Boden, als wisse er nicht, ob er sich von seinem Körper befreien oder ihn genießen will. Er gibt einen Halbstarken, der sich frei machen will vom alten Herrn da oben. Der junge Faust ist blass dagegen.

Begleitet wird Mephisto von drei Teufeln (Giacomo Altovino, Francesco Nigro, Giuseppe Ragona): gelenkige, aggressive Wesen, die Faust in Form zerren wie eine Gummipuppe. Die Walpurgisnacht wird eine Rock-Orgie zu Rammsteins finster-arrogantem „Ich will“: eine Feier des Genusses und der Arroganz.

Fausts Versuchung vollzieht sich zeitlos. Ein Bild zoomt per Datenstrom in die Zukunft, in der Menschen goldhäutige, geschlechtslose Wesen sind – was gleichermaßen ein Verweis auf scholastische Engelssymbolik ist wie Kritik an einer Gesellschaft, in der sich der Mensch individuell glaubt und nicht sehen will, wie kontrollierbar er ist.

Gretchen (Barbara Melo Freire) ist platinblond, weiß gewandet. In Faust juniors Armen fließt sie wie eine Welle, ganz seinen Wünschen anverwandelt. Sie wird hingerichtet, weil die Menge ihr die Schuld am Tod der Kupplerin (Jelena-Ana Stupar) gibt. Eine starke Frau sucht man in diesem ausgesprochen männlichen Ballett vergebens.

Ein Moralspiel braucht eine Belohnung des Guten. So kommt der alte, gequälte Faust zurück. Er entscheidet sich gegen Mephisto und wandert mit Gretchen auf den Armen gen Himmel. Was für eine Geschichte, wenn der Mensch den zockenden Herrgott wählt.

19.2., 13., 27.3., 1.4., 1., 21.5., Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

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