Nézet-Séguins „Bruckner Experience“ im Konzerthaus

Risikofreudig dirigiert Yannick Nézet-Séguin im Konzerthaus Dortmund Bruckners achte Sinfonie.
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Risikofreudig dirigiert Yannick Nézet-Séguin im Konzerthaus Dortmund Bruckners achte Sinfonie.

DORTMUND - Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin macht gerade Weltkarriere mit einer individuellen Mischung aus struktureller Durchdringung und emotionaler Unmittelbarkeit. Am Konzerthaus Dortmund ist er noch in dieser Saison Residenzkünstler. Zum Abschied macht er seinem Publikum ein fürstliches Geschenk: drei Mal Bruckner. Im Juni bringt er zwei Riesentanker im Klassikgeschäft mit: die Wiener und die Berliner Philharmoniker, als Draufgabe das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Die „Bruckner Experience“ begann am Sonntag mit einem Gastspiel der Rotterdamer Philharmoniker.

Vor dem Bruckner führten die Rotterdamer mit der Soloflötistin Juliette Hurel ein brandneues Konzert für Flöte auf. Die „Love Songs“ kommen quasi frisch aus dem Taufbecken. Zwei Tage zuvor war die Uraufführung in Rotterdam, Dortmund war nach Brügge die dritte Station. Geschrieben wurden sie von Bruno Mantovani, einem Vorreiter der französischen Musik, übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit Annunzio Paolo Mantovani, König des Easy Listening. Als kleine ironische Anspielung auf ihn, erzählt Bruno Mantovani, habe er sein Stück „Love Songs“ getauft. Der Titel gleitet flüssig von der Zunge. Die Musik ist da sperriger, eine etwa 20-minütige Bündelung jagender Rhythmen, kleiner Wendungen und Tonfolgen, die, elektrisch aufgeladen, umeinander kreisen. Die Solistin Juliette Hurel, für die das Stück geschrieben wurde, hat hohe technische Hürden zu überwinden.

Die „Love Songs“ sind Pyrotechnik. Hurel zeigt, was sie kann, das Orchester greift die Capricen der Flöte auf. Der Solopart flirrt und flattert, haucht exotisch, gurrt, murmelt. Sekundiert wird Hurel durch vier Flöten im Orchester, die ihren Part einbetten. Das Orchester sieht großes Instrumentarium vor, samt Harfe und Röhrenglocken.

Das ganze Stück will so sehr zeigen, dass sein Komponist auf der Höhe der Zeit und der technischen Möglichkeiten ist, dass nicht mehr bleibt als der Eindruck technischer Möglichkeiten. Als Unterlegung für kunstvolle Filmbilder wäre es bestens geeignet. Das Werk ist wie ein 3-D-Puzzle: vertrackt und wechselhaft. Die Töne beißen ins Ohr, Motive sind eigentlich Rhythmen, die Rhythmen verdichten sich, lassen wieder nach, ballen sich wieder. Applaus für die Solistin.

Nach der Pause folgte Bruckner. Yannick Nézet-Séguin eröffnete seine „Bruckner Experience“ mit der gigantischen, allumfassenden achten Sinfonie. Das ist ein Bruckner zum Auf-der-Stuhlkante-Sitzen. Nézet-Séguin löst ein, was dem Dortmunder Publikum versprochen wurde: das große emotionale Ereignis. Die Achte wird unter Hochstrom gesetzt. Ein solches Hochdruckmusizieren über anderthalb Stunden ist ein Risiko, ein Leistungstest für das Orchester und den Dirigenten. Die beiden ersten Sätze sind graduelle Verdichtungen. Die Naturbilder werden eng vermählt mit persönlicher Betrachtung, in der Steigerung gewinnt die Musik etwas Intimes und Bekenntnishaftes.

Das riesenhafte Adagio beginnt mit ein paar zauberhaften Takten, da atmet die Musik gelassen trotz der sich bereits ankündigenden Unruhe. Über zwanzig Minuten gerät die Musik unter Druck, bis zum Aufschrei im ganzen Orchester. Das Becken schlägt schockhaft zu. Danach atmet die Musik endlich wieder frei, der Satz ebbt aus. Obwohl der Klang zum Überschäumen neigt und gerade das Adagio hart an die Reizschwelle rückt, ist das grandioses Musizieren: risikofreudig und zugleich persönlich, strukturiert und plastisch durchgeformt und zugleich aufgeladen bis zum Anschlag.

Bruckners Finale legt das Vorhergegangene übereinander: die glockenartigen Motive aus dem zweiten Satz gewinnen Unerbittlichkeit, zugleich deutet Bruckner die Auflösung von Spannung an. Nézet-Séguin, der die ganze Sinfonie im Spannungsfeld von Anspannung und Erlösung gehalten hat, hält auch das Finale im Zaum, bündelt die nervöse Unruhe, um, langsam, eine Vorstellung von Erleichterung einzuführen. Großer Jubel.

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