Noel Gallagher mit den High Flying Birds in Köln

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Ein entspannter und spielfreudiger Frontmann Noel Gallagher in Köln. ▪

Von Frank Osiewacz ▪ KÖLN–Bevor Noel Gallagher und sein neues Projekt High Flying Birds erstmals eine Bühne betraten, gab sich der einstige Songwriter der Kult-Gruppe Oasis vergleichsweise bescheiden: Er habe nie ein Frontmann sein wollen, sagte er im Interview. Seine Prognose für die ersten Konzerte: „Ich komme entweder auf die Bühne und denke: Ich bin besser als Elvis. Ich glaube, ich bin genauso gut wie die verfluchten Beatles. Oder ich stehe da oben und merke: Das ist der größte Mist, ich will nach Hause. Ich erwarte etwas dazwischen, so dass ich sage: Ja, das ist ok.“

Was Gallagher und sein Quintett am Sonntag im Palladium in Köln vor 4000 Zuschauern beim einzigen Deutschlandkonzert einer Mini-Europa-Tournee zeigten, lag nirgendwo dazwischen, es war auch nicht ok – es war schlichtweg grandios. Der 44-Jährige tritt vor ein völlig euphorisches Publikum, als wäre er nie etwas anderes als Frontmann gewesen. Der ehemalige Oasis-Mastermind wirkt sehr gelassen, begegnet Zwischenrufen vor allem von britischen Konzertbesuchern mit trockenem, aber stets freundlichem Humor und zeigt nach einer mitreißenden 90-minütigen Show tatsächlich so etwas wie Rührung. Das wäre zu Oasis-Zeiten kaum mehr möglich gewesen.

Als sollte es eine Befreiung von alten Lasten sein, beginnt Gallagher sein Set ausgerechnet mit dem Oasis-Track „(It‘s Good) To Be Free“. Es sollte längst nicht der einzige seiner alten Songs an diesem denkwürdigen Abend bleiben. Insgesamt neun sollten es werden. Gleichwohl zielt Gallagher nicht auf einen Oasis-Gedächtnisabend ab. Es isteher wie ein Statement: „Seht, das sind meine Songs, sie sind großartig, und ich spiele sie noch immer gerne.“

Punktgenau um 21 Uhr nehmen die High Flying Birds das Publikum mit auf eine atemberaubende Reise durch Rock und Pop, durch Beat und Psychedelic. Dabei verzichtet die Band auf ein überdimensioniertes Bühnenbild oder eine ausgefeilte Lichtshow und widmet sich einfach ihrem Spiel. Mit Ausnahme von „Stop The Clocks“ verwebt Gallagher sein selbstbetiteltes Album komplett mit Oasis-Material, neuen Songs und B-Seiten zu einem homogenen Set.

Das Publikum ist von Beginn an dabei, skandiert zwischen den Stücken immer wieder „Noel, Noel“ und zeigt mit Blick auf seine alte Band dabei deutlich, wem die Sympathien gelten. Keine Frage: Mit dem Projekt der High Flying Birds ist Noel Gallagher als Ikone des Rock zurück.

Wo das aktuelle Album pompös orchestriert, teilweise nach Soundtrack klingt, entkernt Gallagher die Stücke live und macht sie, wie beispielsweise in „Everybody‘s on the Run“ oder „Record Machine“, zu wild rockenden neuen Hymnen. Ein Denkmal setzt er sich selbst mit Akustik-Versionen von „Wonderwall“ und „Supersonic“ – lauthals begleitet vom Publikums-chor im Palladium. Aber Gallagher zitiert damit nicht schlicht Oasis, sondern spielt mit den Songs und kleidet sie in ein zeitgenössisches sinnliches und lässiges Gewand. Mit „Don‘t Look Back in Anger“ macht er schließlich noch ein schönes Abschiedsgeschenk.

Das Konzert im Kölner Palladium wurde für den Rockpalast aufgezeichnet. Gesendet werden soll es im Januar 2012 im WDR-Fernsehen. Die nächsten Live-Auftritte in Deutschland folgen im März 2012 in Hamburg, Berlin und München.

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