Nestroys „Häuptling Abendwind und die Kassierer“ in Dortmund

Ohne Kampf kein Mampf: Die Häuptlinge Abendwind (Uwe Rohbeck, vone links) und Biberhahn (Uwe Schmieder, rechts) widmen sich dem Festmahl im Dortmunder Schauspiel. Dahinter Punker und „Koch“ Wolfgang Wendland (links) und Mitch Maestro.
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Ohne Kampf kein Mampf: Die Häuptlinge Abendwind (Uwe Rohbeck, vone links) und Biberhahn (Uwe Schmieder, rechts) widmen sich dem Festmahl im Dortmunder Schauspiel. Dahinter Punker und „Koch“ Wolfgang Wendland (links) und Mitch Maestro.

Von Achim Lettmann -  DORTMUND Bierkisten sind im Schauspiel oft ein Signal für Sozialtheater: Eltern besoffen, Kinder keine Zukunft – alles klar. In Bochum ist mal eine ganze Bühnenwand aus Bierkästen vom desillusionierten Nachwuchs eingerissen worden. Seinerzeit hieß das Stück „Alter Ford Escord dunkelblau“ von Dirk Laucke. Das war ein Rumms! Alles klar.

In Dortmund haben Bierkisten mehr Aufgaben. Sie sind Sitz- und Schlafplatz, Dekoration, Thron, Spielfläche, Serviervorschlag und Toilette. Ganz in Gelb und dicht formiert gehen sie am Bühnenhimmel auf wie die Säufersonne. Sie sind ein vielsprachiges Etikett für Männeridentität und Lebensmittel der Punkband Die Kassierer. Sven Hansen hat mit seiner Trinkhallenbühne am Schauspielhaus Dortmund einfach Freizeitkultur nachgestellt: Stadtteilparty, Garagenfete, Punk-Metal-Konzert. Oder einfach das Sinnbild für „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“. Mit dieser Erkennungsmelodie trumpfen Die Kassierer im Schauspiel auf. Ihre Fans sitzen im Parkett und auf den Rängen. Ihr Heimspiel, ihr Kultabend.

Es ist Premiere, und eine Satire aus dem 19. Jahrhundert wird als Punk-Operette „sehr frei nach Johann Nestroy“ inszeniert: „Häuptling Abendwind und die Kassierer“ heißt diese Grenzerfahrung. Intendant Kay Voges hat die Spielstätte längst zum „Labor“ ausgerufen, deshalb passt Andreas Becks Szenespektakel herrlich ins Programm.

Häuptling Abendwind trägt einen Lageristenkittel mit einem Händehandtuch als Schleppe (Kostüme: Mona Ulrich). Seine Krone ist aus Kronkorken (geklopft), was sonst. Von der Südsee-Illusion, die Johann Nestroy einst entwarf, um mit Kannibalen aus Groß-Lulu und Papatutu den einfältigen Nationalismus der europäischen Monarchien zu geißeln, keine Spur. Regisseur Beck hat aber die Handlung und die Einfalt übernommen. Er lässt Abendwind auf den grimmigen Biberhahn treffen. Beide werden einen Fremden verspeisen, bei dem es sich um Biberhahns Sohn handelt, der sich vorher in Abendwinds Tochter verliebt hatte. Am Ende hilft ein überraschendes Manöver, dass Arthur doch noch lebt und seine Liebeshochzeit die Gemüter beruhigt.

In Dortmund wird Nestroys Drastik und Weltverachtung zur Verbindung mit den Punkern heute. Die Kassierer aus Wattenscheid feiern ihren 30jährigen Bandgeburtstag mit „Häuptling Abendwind“. Vielleicht der Höhepunkt ihrer Kulturgeschichte. In Wacken waren sie schon.

Die Kassierer haben Texte von Nestroy umgeschrieben und Musik von Jacques Offenbach neu arrangiert. Es gibt Duette und Couplets, die veralbern und zuspitzen, bis die Schwarte kracht. Auch die Darsteller geben (und zeigen) alles. Häuptlingstochter Atala wird von Julia Schubert zum kreischenden frühreifen Teenie aufgespritzt. Erst rollt sie als Groupie vor den Bierkisten und wippt zu „Blumenkohl am Pillemann“. Dann keift sie mit Papa, will Kinder, Küche, Keller vermeiden und scheitert doch an der patriarchalen Punk-Welt. Das rasselt im Theaterraum. Es fliegt eine aufblasbare Weltkugel ins Publikum, später noch Gummipuppen für Männer. Ekkehard Freye spielt den selbstverliebten Arthur („Affenweib“) mit gestyltem Kopfputz. Atala schnüffelt an ihm, umkreist und leckt ihn; es ist Liebe, aber solche Begriffe passen gar nicht zur Wucht und Wirkung dieser brachialen Bühnenshow – „Ich möchte mir gerne mit deinem Arsch mein Gesicht abwischen“.

Regisseur Beck platziert die Story vor einer Industriebrache (im Videobild). Beide Häuptlinge wirken wie Wodkabrüder, die ihr Reich zwischen Parkbank und Aldi-Markt abstecken. Uwe Rohbeck (Abendwind) und Uwe Schmieder (Biberhahn) wühlen in ihrem Festmahl aus den grauen Kisten der Suppenküche, als gebe es kein Morgen. Es ist auch ein Bild für den Defätismus des Punk, der auf soziale Erosion reagiert. Oft bestimmen eben Die Kassierer die Inszenierung. Als Arthur dem Koch eine neue Frisur macht, um den Menschenfressern zu entgehen, ist in Dortmund eine Schamhaarverlängerung sichtbar. Wolfgang Wendland, Sänger der Kassierer, tritt gern nackt auf, so dass diese Zote von den Fans gefeiert wird („Mein schöner Hodensack“). Die Darsteller ziehen blank, wie infantile Jungs. Es ist ein trashiges Punker-Dramolett zu sehen, das die beißende Logik einer Moritat hat. Tabulos, rotzig und stark.

Das Stück

Ein Trashabend mit Punkmusik, wuchtigem Spiel und zahllosen Zoten. Kultverdächtig.

Häuptling Abendwind und die Kassierer am Schauspiel Dortmund. 12., 21. 2., 6. 29. 3., 10. 26. 4., 9., 24. 5.; Tel. 0234/5027 222; www.theaterdo.de

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