Neal Stephenson erzählt in „Amalthea“ von einer globalen Katastrophe

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Makaber und faszinierend: US-Autor Neal Stephenson schildert in „Amalthea“ eine globale Katastrophe.

Das nennt man einen Knalleffekt: Neal Stephenson beginnt seinen Roman „Amalthea“ damit, dass der Mond explodiert. Nicht der Klimawandel bringt den Untergang und auch keine Atomkatastrophe. Ein unbekannter Einfluss sorgt dafür, dass der Erdtrabant zerbricht. Es ist der Anfang vom Ende des Planeten, wie wir ihn kennen. Ein „Harter Regen“ aus glühenden Meteoriten löscht das irdische Leben aus, pulverisiert die Städte, lässt Ozeane verdampfen, bläht die Atmosphäre auf. Und zwar 5000 Jahre lang.

Der US-Autor beschreibt, wie die Menschheit das Weltende überlebt. Und das ohne die Kinderlösungen aus Hollywood, wo ein Bruce Willis mal eben den tödlichen Meteor mit einer Atombombe vom Himmel pustet. Stephenson denkt in anderen Dimensionen. Der 1959 in Fort Meade geborene Autor ist einer der großen Vertreter des Cyberpunk. Den Begriff „Avatar“ hat er geprägt, er schrieb furios-ausladende Epen über Parallelwelten, eine „Barock“-Trilogie, die das Europa zur Zeit von Newton und Leibniz zum Schauplatz von Abenteuern machen, die kein Kinofilm einholen könnte. Stephenson schildert auf mehr als 1000 Seiten Ende und Neuanfang der Menschheit so, dass weder ein niedliches Märchen noch Depressionsstoff dabei herauskommt. Mag sein, dass manche Erläuterung über Drehmomente oder kosmische Strahlung etwas hörsaalmäßig ausfällt. Aber kaum hat man umgeblättert, entwickelt die Handlung schon wieder Zug.

Eigentlich ist „Amalthea“ drei Romane: Von der Mondexplosion bis zur Katastrophe spielt der erste, dann kommt der Überlebenskampf im All und schließlich, nach einem Zeitsprung von 5000 Jahren, der Neuanfang auf der Erde. Die Menschen im All haben Computerdateien, Videos, E-Mails, Dokumente, die die Geschehnisse detailliert überliefern. Sie sprechen von ihrem Epos, einer Kombination aus multimedialem Geschichtsbuch und quasi-religiöser Sinnstiftungsurkunde, eine Bibel ohne Gott.

Im englischen Original verrät schon der Titel, dass die Überlebensmission beinahe scheitern wird. „Seveneves“, sieben Evas, lautet er, ein Palindrom, komponiert mit vier Buchstaben, fast so reduziert wie Morsezeichen (und leider nicht so zu übersetzen, dass diese Komplexität bewahrt wird). Nur sieben Frauen erreichen den rettenden metallischen Kern des Mondes. Ihre Mitstreiter fallen dem Hunger, den Meteoriten, der Strahlung, Mitreisenden oder anderen Todesursachen zum Opfer. Die Sieben schaffen es mit Gen-Technik, zu Urmüttern zu werden. In einem Habitatring aus Raumkörpern um die Erde entsteht eine neue, hochentwickelte Zivilisation. Die Bewohner versuchen, den Planeten neu aufzubauen, mit rekonstruierten Pflanzen und Tieren. Aber die Nachfahren der Urmütter finden heraus, dass nicht nur sie überlebt haben.

Bewundernswert, wie viele Aspekte Stephenson bedenkt. Zum Beispiel das technische Problem, wie Menschen im All überleben, wo selbst ein kleiner Meteorit Raumschiffhüllen durchschlagen kann, wo es keine Schwerkraft, kein Wasser, keine Energie, keine Rohstoffe gibt. Er nimmt als Ausgangsbasis die Raumstation ISS, die zu dem Zeitpunkt an einen Asteroiden angedockt ist. Der riesige Metallbrocken Amalthea liefert kostbares Material und fängt zugleich die meisten Flugkörper ab, die die Bewohner gefährden. Später muss noch ein Eis-Meteorit herangeschafft werden, der Treibstoff für „Izzy“ liefert.

Aber der Autor blickt auch auf eine Menschheit, die weiß, dass in etwa zwei Jahren die Hölle ausbricht. Er überlegt, wie der Aufbruch zu den Sternen organisiert werden kann, wie die Kandidaten fürs Überleben ausgewählt werden. Wie informiert man die Menschen? Und was, wenn ein Staat sich nicht an die Regeln hält? Ein Raketenstartplatz wird von Demonstranten blockiert – die US-Präsidentin antwortet mit einem Nuklearschlag.

Stephenson macht seine Geschichte anschaulich, indem er sie an Personen bindet. Die eigensinnige Dinah MacQuarie zum Beispiel, die zum Zeitpunkt der Mond-Explosion zur Besatzung der ISS gehört und sich auf die Entwicklung von Robotern spezialisiert hat. Oder Dr. Dubois Harris, genannt Doob, einen Wissenschaftler mit Talent für Fernsehen und Internetblogs, der anfangs die Präsidentin berät, später im All zum Strategen der Izzy-Mission wird. Oder eben US-Staatschefin Julia Bliss Flaherty, die gegen alle Abmachungen die letzte Raumkapsel nimmt, um dem Harten Regen zu entkommen, und in der Cloud-Arche, einem Schwarm kleiner Raumschiffe um die ISS, mit Intrigen sofort Unfrieden stiftet. Sie hat nichts anderes gelernt als Politik...

Stephenson gelingt es, eine Utopie und eine Dystopie in einem zu schreiben. Die Katastrophe kommt, aber homo sapiens kommt durch. Der Blick auf den Menschen ist illusionslos. Aggressionen und Konflikte überdauern sogar die Erschütterungen eines Harten Regens. Folgerichtig führen die gentechnisch optimierten Nachfahren der sieben Urmütter bald wieder Kriege. Im letzten Teil des Romans stehen sich zwei Machtblöcke gegenüber, als hätte es die Katastrophe nie gegeben.

Neal Stephenson: Amalthea. Deutsch von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl. Manhattan Verlag, München.1056 S., 29,99 Euro

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