Museum Morsbroich zeigt „Aufschlussreiche Räume“

Blick auf die Ausstellungsansicht „Pattern of Habit“ der US-Künstlerin Andrea Zittel. LettmannMatthias Weischers Malerei „Gelbe Lampe“ (2004). - Fotos (3): VG-Bild Kunst, BonnMatthias Weischers Malerei „Gelbe Lampe“ (2004). -
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Blick auf die Ausstellungsansicht „Pattern of Habit“ der US-Künstlerin Andrea Zittel. LettmannMatthias Weischers Malerei „Gelbe Lampe“ (2004). - Fotos (3): VG-Bild Kunst, BonnMatthias Weischers Malerei „Gelbe Lampe“ (2004). -

LEVERKUSEN „Wohnst Du noch oder lebst Du schon?“ fragt ein schwedisches Möbelhaus und lenkt die Daseinsfreude des Konsumenten auf Produkte zum Liegen, Sitzen und Schlafen. An dem globalen Möbelriesen kommt auch die Ausstellung „Aufschlussreiche Räume“ im Museum Morsbroich in Leverkusen nicht vorbei. Ab Sonntag wird das Themenfeld zum privaten Wohnen sehr abwechslungsreich ausgelotet. „Interieur als Porträt“ ist der Untertitel einen Schau, die insgesamt 16 Künstlerpositionen präsentiert.

Das Schloss in Leverkusen bietet mit seinen kleinen Sälen und Kabinetten den idealen Ort. Kurator Fritz Emslander zielt über die Perspektiven der Künstler auf Fragen, die jeder kennt: Wie repräsentiere ich mich, wenn Gäste kommen? Was drückt meine Identität in den eigenen vier Wänden aus? Lieblingsort, Lieblingssessel?

Ausgangspunkt der Ausstellung in Leverkusen ist, dass sich Dinge als indirektes Porträt lesen lassen. Zeige mir wie du wohnst, ich sage dir, wer du bist, ließe sich im kessen Neudeutsch sagen. Ralph Schulz geht dabei aber weniger persönlich als vielmehr konzeptionell vor. Der Fotograf sammelt den Sperrmüll ein, der vor Häusern liegt, und arrangiert die Fundstücke in einem Raum, den er fotografiert. Das C-Print-Bild „02.11.2010 Bornstraße, 2010“ zeigt ein Zimmer mit Schrank, Sofas, Uhr, Trampolin, Roller, Schuhe, Kaffeekanne... Es kommt alles zusammen. Aber der Käufer und Besitzer dieser Dinge ist nur indirekt beteiligt. Außerdem hat Schulz jedes Wohnutensil einzeln fotografiert, um die Menge zu dokumentieren, die ein Zimmer bestimmen – Quantifizierung.

Eine Malerei von Matthias Weischer blickt dagegen in einen kargen Atelierraum. Ein Podestplatz könnte auch ein Bett sein, Leinwände stehen hochkant. Hier ist ein Arbeitsplatz als innerer Ort vorgestellt, fern der Außenwelt. Weischer, der zur Neuen Leipziger Schule zählt, nennt das Gemälde „Gelbe Lampe“ und fokussiert damit auf eine Glühbirne im Bildzentrum.

Wie man sich seines Lebensstils bewusst wird, ist ein didaktisches Ziel, das der Schau innewohnt. Aufklärend arbeiten auch Anna und Bernhard Blume (1937–2011). Die Fotografin hat ihrem Mann ein Zimmer im Schloss Morsbroich eingerichtet, das 24 Zeichnungen mit einer Fotografie zusammenführt. „Vasenextase“, ein Bild von 1987, demonstriert das terroristische Eigenleben einer Vase, die Bernhard Blume auf dem Bild kaum halten kann. Die Möbel in Eiche-funier sind spießig. Persönlich wirkt hier gar nichts, und die Zeichnungen streichen mit heftigem Strich heraus, wie bedrohlich Möbel in den Raum ragen, wie deplatziert Tischkanten im Privaten sein können.

Die kalifornische Künstlerin Andrea Zittel reagiert nicht auf Möbeldesign, sondern erkundet ihr Leben, das den Spruch „My home is my castle“ in die Historie verbannt. Sie lebt in der Mojave-Wüste und stellt das Prozesshafte ihres Daseins aus. Sie bündelt gebrauchte Teebeutel, um ihre Zeit vor Ort zu materialisieren. Und sie baut aus den Versandkartons, die ihr zugehen, „Aggregated Stacks“, die wie wabenartige Cluster wirken und Bücher, Kästchen, Becher, Krüge aufnehmen. Sehr alternativ.

Es gibt einen malerisch-zeichnerischen Raum von Robert Haiss (Köln), der mit seinen Bildern danach fragt, wer hier gewohnt hat und verschwunden ist. Sein erzählerischer Ansatz wirkt recht betulich. Claus Richter, 1971 in Lippstadt geboren, erhebt den Raum sogar zum Gesamtkunstwerk. Seine fantasievollen Objekte mit Vögeln erinnern an Art-Deco-Interieurs der 1930er Jahre. Und wenn der Lebensraum das Bühnenhafte verliert, der Bewohner gestorben ist, dann verlieren auch die Möbel ihre Geschichten und ihre Bedeutung. Dass zeigt Miriam Bäckström in ihrer Serie „Estate of the Deceased Person“ (1992–96). Sie nimmt Abschied und visualisiert einen Zwischenraum, der das Existenzielle im Halbdunkel ihrer Fotografien nochmal spürbar macht.

Deutlich plakativer wirkt Pop-Art-Meister Roy Lichtenstein, der seine „Red Lamps“ in Möbelkatalogen fand. 1990 zeigte er, dass der Warenwert den Selbstwert des Amerikaners aufwertet – auch in den eigenen vier Wänden.

Die Schau

Wie Künstler Wohnidentitäten schaffen, suchen, bewerten und damit auch uns erreichen. Für wohnbewusste Menschen!

Aufschlussreiche Räume – Interieur als Porträt im Museum Morsbroich in Leverkusen.

Eröffnung Sonntag, 12 Uhr, bis 24. April; di-so 11 – 17 Uhr, do bis 21 Uhr; Katalog in zwei Teilen: 1. als Schau-Broschüre, 2. als Wohnmagazin ab 6. März;

Tel. 0214/85556 15

www.museum-

morsbroich.de

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