Das Museum Ludwig in Köln zeigt Sigmar Polke: „Alibis“

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Sex, Gewalt, Schönheit: Sigmar Polkes Bild „Schweineschlachten (Wir Kleinbürger)“ (1976) ist in Köln zu sehen.

Von Ralf Stiftel KÖLN - Auf das Schwein fällt nicht der erste Blick in Sigmar Polkes Bild „Schweineschlachten“. Schemenhaft in Brauntönen geistert das Tier vor einer Reihe von Männern in Anzügen, von denen der vorderste das Messer führt. Das Gemälde von 1976 ist aus Gegensätzen zusammengesetzt. Den Männern ist, viel klarer konturiert, eine Gruppe knapp bekleideter Frauen gegenübergestellt, Zitate aus alten US-Superhelden-Comics, und eine der Damen liegt schon beinahe unter einem orientalisch wirkenden Kerl. Im Vordergrund taucht eine Fratze auf, halb Clown, halb Totenschädel. Unter allem liegt ein abstraktes Muster, eine Fahne vielleicht.

Das großformatige Werk zeigt die Strategien des Künstlers beispielhaft. Er komponiert ein Sammelsurium aus Motiven und Stilen, das in seiner Mehrdeutigkeit Pointen setzt. Das „Schweineschlachten“ gehört in die Serie „Wir Kleinbürger“. Was Polke da an Brutalität und Lüsternheit ineinanderrührt, ist alles andere als schmeichelhaft. Zugleich unterläuft der Maler die kunstgeschichtliche Tradition. Je nachdem, welche Bildschicht man gerade liest, befindet man sich in einer abstrakten Komposition, einer travestierten Allegorie, Versatzstücken der Popkultur, und doch wirken alle Ebenen zusammen. Die Oberfläche erinnert an Plakat-Abrisse der Nouveau Réalistes.

Zu sehen ist das Bild in der Ausstellung „Alibis: Sigmar Polke. Retrospektive“ im Kölner Museum Ludwig. Obwohl die Schau im Museum of Modern Art konzipiert, zunächst in New York und in London gezeigt wurde und somit am Rhein nur eine Übernahme ist, verschlingt sie einen Etat von 1,5 Millionen Euro. Ein Prestigeprojekt für den Künstler, der zwar 1941 in Oels (Schlesien) geboren wurde, aber den größten Teil seines Lebens im Rheinland verbrachte, erst in Düsseldorf, dann in Köln, wo er 2010 starb. Geplant war eine Werkschau schon, als noch Kasper König das Museum leitete. Aber erst jetzt kam sie zustande. Und wenn man durch die Säle mit den 250 Arbeiten wandelt, ahnt man, wo das Geld hinging. Polke arbeitete in monumentalen Formaten, mit ungewöhnlichen Materialien wie lichtempfindlichen Lacken, Harz, Ruß auf Glas, Silber, Blei, Eisenglimmer und Meteorstaub. Viele dieser Bilder sind überaus fragil. Und weil die Werke neben denen Gerhard Richters die höchsten Preise auf dem Kunstmarkt erzielten, sind auch die Versicherungswerte beträchtlich.

Der Besucher bekommt mit rund 250 Werken überzeugend die Entwicklung eines der wichtigsten deutschen Künstler des späten 20. Jahrhunderts vermittelt. Polke hatte nach einer Lehre zum Glasmaler an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Dort traf er auch Geistesverwandte wie Gerhard Richter und Konrad Lueg. Sie stellten aus unter Labels wie „Deutsche Pop-Art“ und „Kapitalistischer Realismus“. Die Warenwelt findet sich als Motiv in Gemälden wie „Socken“ (1963), „Kekse“ und „Schokoladenbild“ (beide 1964). „Der Wurstesser“ (1963) zeigt eine sich windende Kette aus Knackwürsten, die zu einer Hand und einem Kopf führen, ein ironischer Kommentar zur „Fresswelle“ des Wirtschaftswunders.

Die widerständigen Impulse sind schon im Frühwerk unübersehbar. Bewusst laienhaft gibt Polke Motive aus Zeitungswitzbildern wieder. Ein Tapetenmuster wird zum Bildgrund im „Bohnenbild“ (1965). Ein grobes Raster macht das vergrößerte Zeitschriftenfoto „Freundinnen“ (1965/66) kaum lesbar. Polke neigt zu Scherzen mit der Kunstgeschichte, auch Dada ist ein Bezugspunkt. So versieht er ein Gartenhaus aus Holzlatten mit Kartoffeln (1967), und im „Sternhimmeltuch“ (1968) entdeckt er zwischen Deneb und Wega nicht den Großen Bären, sondern seinen Namen am Nachthimmel. Aber auch dezidiert politische Aussagen finden sich in persiflierten abstrakten Bildern: „Konstruktivistisch“ und „Moderne Kunst“ (1968) enthalten Bruchstücke von Hakenkreuzen, spielerisch zeigt Polke Verdrängung. Und auch den Hang mancher Künstler zur Esoterik nimmt Polke aufs Korn, am bekanntesten ist da vielleicht sein Bild „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ (1969).

In den 1970er Jahren politisiert sich Polke weiter. Seine Bilder reflektieren nun Hausbesetzungen, Terrorfahndung, sexuelle Befreiung. Ikonenhaft sein Bild „Ohne Titel (Dr. Bonn)“ (1978), ein Blick auf einen Schreibtisch, an der Wand RAF-Fahndungsfotos, und ein gesichtsloser Beamter zielt mit einer Zwille auf den eigenen Kopf. Zugleich fließen Drogenerfahrungen und Reisen in seine Bildwelt ein, in eine Serie von Pilzdarstellungen zum Beispiel oder das halluzinogene Bild „Alice im Wunderland“ (1972).

Polke hat seine Motive weiterverfolgt, auch wenn er sich neuen Themenfeldern zuwandte. In den 1980er Jahren befasste er sich mit ungewöhnlichen Materialien, mit giftigen Farben („Goldklumpen“, 1982), mit Plastikfolien, gemusterten Stoffen und anderen Malgründen, mit Lacken und Harzen, die sich unter Lichteinfluss verändern. Er interessierte sich für alte optische Apparate, die Bilder verzerren. Er sah sich nicht als „Magier“, sondern als wissenschaftlichen Illusionisten. In Köln sieht man die manipulierte „Artisten“-Serie neben Filmen, die ähnliche Verfremdungen bieten. Ein Bild fordert im Titel auf, „Die Dinge sehen wie sie sind“ (1991), verkündet diese Botschaft jedoch in Spiegelschrift. Auch in dieser Phase wird er nicht unpolitisch, malt zum Beispiel einen Wachturm der innerdeutschen Grenze in der „Hochsitz“-Serie (1984, 1987) oder thematisiert „Die Jagd auf die Taliban und Al Qaida“ (2002).

Alibis: Sigmar Polke. Retrospektive im Museum Ludwig, Köln.

Bis 5.7., di – so 10 – 18, jeden 1. do im Monat bis 22 Uhr,

Tel. 0221 / 221 26 165

www.museum-ludwig.de

Katalog, Prestel Verlag, München, 39,95 Euro, im Buchhandel 49,95 Euro

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