„Monet, Gauguin, van Gogh ... Inspiration Japan“ im Museum Folkwang

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Nach einem japanischen Farbholzschnitt schuf Vincent van Gogh 1887 seine „Japonaiserie“, die aus dem Van Gogh Museum Amsterdam nach Essen kam.

Von Ralf Stiftel ESSEN - In leuchtenden Farben umspielt der Kimono den Körper der Frau, die den Betrachter über ihre Schulter anblickt. Sie steht auf flammend gelbem Grund, den ein kraftvoll gestalteter Rahmen hält, eine Schilflandschaft mit Kranichen und einem Frosch. Vincent van Gogh hat 1887 den Farbholzschnitt von Keisai Eisen nicht einfach kopiert. Er hat in seinem Gemälde eine neue Form geschaffen, indem er das Kurtisanen-Porträt des japanischen Meisters als Bild in ein Bild setzte. Aber die Inspiration aus Fernost trägt das Werk noch im Titel: „Japonaiserie“.

Das Bild ist eins von vielen Glanzstücken der Ausstellung „Monet, Gauguin, van Gogh ... Inspiration Japan“ im Museum Folkwang in Essen. Das Unternehmen, eine Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich, zielt fraglos darauf ab, mit den Publikumslieblingen der klassischen Moderne ein großes Publikum anzulocken. Aber das Museum bietet durchaus einen ästhetischen Mehrwert. Schon lange nicht mehr gab es eine so reich bestückte Darstellung des Japonismus. Mit rund 400 Objekten wird das Panorama eines frühen globalen Kulturaustausches nachgezeichnet. Zu sehen sind neben Gemälden, Grafiken, Skulpturen von europäischen und japanischen Künstlern auch kunsthandwerkliche Objekte überwiegend aus der Folkwang-Sammlung. Schon deren Begründer Karl Ernst Osthaus hatte Lackobjekte, Keramik, Masken und ein prachtvolles Theatergewand angekauft. Die Schau nutzt schlüssig die Bestände des Hauses.

Der Japonismus war eine Mode. Um 1860 öffnete sich Japan dem Westen, aus einem starren Feudalstaat wurde eine moderne Industrienation. In Europa wurden Waren aus Fernost extrem schick. Und die modernen Künstler griffen die Anregungen einer, wie sie glaubten, unverfälschten, natürlichen Gestaltung begeistert auf.

Das Team um Kuratorin Sandra Gianfreda hat die Einflüsse systematisiert. Der Japonismus tritt in drei Formen auf: Man zeigt in Gemälden japanische Objekte. James Jacques Josph Tissot zum Beispiel malt 1869 zwei „Junge Frauen beim Betrachten japanischer Gegenstände“, und er spielt mit dem Kontrast zwischen den exotischen Mustern und der großbürgerlichen Kleidung. Um 1872 zeigt er eine junge Dame auf dem Divan beim Betrachten einer japanischen Bildrolle, was sie als modern, gebildet und wohlhabend ausweist.

Man wählt japanische Motive und Themen – wie van Gogh. Gustave Courbet schuf um 1870 mehrere Fassungen der „Woge“, zwei sind in Essen zu sehen. Inspirationsquelle war der wohl berühmteste japanische Farbholzschnitt, „Die große Welle vor der Küste bei Kanagawa“ aus der Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ (1830–1831). Monets Gemälde der meerumtosten „Felsen bei Belle-Île“ (1886) sind ein Widerhall von Hiroshige-Motiven. Und die Akte bei der Toilette, die Degas malte, bringen Kurtisanen-Szenen nach Europa wie Utamaros „Die Stunde der Schlange“. Henri Rivière schuf ebenfalls eine Serie von 36 Ansichten – allerdings vom Eiffelturm (1902).

Das wird in Essen nicht platt nebeneinander gestellt. Man muss sich diese Vergleiche schon erlaufen oder bei einer Führung erläutern lassen. Die Farbholzschnitte hängen in einem Raum, und schon das ist ein Genuss ersten Ranges. Aber man findet das leicht wieder. Eine feine Pointe ist, dass die Macher sich bei der Auswahl an den Sammlungen französischer Künstler orientierten. So sieht man, welche japanischen Blätter Monet, Gauguin, van Gogh anregten.

Auch das ist charakteristisch: Der Japonismus war eine Fernbeziehung. Keiner der Großen hatte Japan selbst gesehen. Die Kunstwerke von van Gogh, Gauguin, Monet, Renoir sind ein virtuelles Nippon, geschaffen aus den Bildern. Es gab Künstler, die sich auf den Weg machten wie Louis Dumoulin und Félix Régamy. Ihre Bilder sind authentischer – aber längst nicht so faszinierend.

Die dritte Form des Japonismus ist die Nutzung japanischer Stilmittel. In einem Brief schrieb van Gogh über sein Gemälde der „Rhonebarken“ (1888), die er in grünem Wasser in ungewöhnlicher Aufsicht zeigt, die Szene sei ein „reiner Hokusai“.

Im Vordergrund von Hiroshiges Blatt „Naito Shinjuku in Yotsuya“ (1857) sind die Beine von Pferden zu sehen, so extrem angeschnitten, dass man sie erst auf den zweiten Blick erkennt. Diese Form extremer Nahsicht wurde von den französischen Künstlern aufgegriffen, sei es in den Instrumententeilen in Toulouse-Lautrecs Cabaret-Plakaten, sei es in Degas’ Gemälde „Orchestermusiker“ (1872). Maurice Denis wählte ein extrem flaches Querformat für sein „Selbstporträt unter Bäumen“ (um 1891). Pierre Bonnard gestaltete einen Wandschirm mit Lithographien: „Der Spaziergang der Ammen“ (1894/97). Alles Gestaltungsmittel, die die Künstler in japanischen Holzschnitten oder Rollbildern zuerst sahen.

Claude Monet ließ seinen berühmten Garten in Giverny nach dem Vorbild japanischer Holzschnitte anlegen. Die Bilder, die er von seinem Privat-Asien malte, gehen aber über den Japonismus hinaus. Das Ensemble aus sechs Garten- und Seerosen-Motiven steht nicht grundlos im Zentrum der Ausstellung, es ist eine reine Pracht. Allein dieser Raum lohnte schon den Weg nach Essen.

Die moderne Kunst schulte sich, das sieht man in dieser augenverwöhnenden Schau, an Japan. Noch der späte Picasso zehrte von diesen Anregungen in einer späten Serie erotischer Radierungen. Wie er sich da auf Geschlechtsteile bei der Kopulation fixiert, das hat er in Shunga gesehen, sogenannten Frühlingsbildern, die detailfreudig Paare beim Sex darstellten. Ein kleines Kabinett bietet das im Vergleich als sinnenfrohen Ausklang.

Monet, Gauguin, van Gogh ... Inspiration Japan im Museum Folkwang, Essen. 27.9.–18.1.2015, di – do 10 – 20, fr bis 22, sa, so bis 18 Uhr,

Tel. 0201/ 88 454 000,

www.inspiration-japan.de

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 39 Euro

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