Michael Simon inszeniert Jelineks NSU-Text „Das schweigende Mädchen“

Fassungslose Engel: Szene aus „Das schweigende Mädchen“ im Megastore in Dortmund mit Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, Marlena Keil und Uwe Schmieder (von links).
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Fassungslose Engel: Szene aus „Das schweigende Mädchen“ im Megastore in Dortmund mit Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, Marlena Keil und Uwe Schmieder (von links).

DORTMUND - Eigentlich ist der Titel von Elfriede Jelineks Stück „Das schweigende Mädchen“ überholt. In dieser Woche erst ließ Beate Zschäpe ihren Anwalt im Prozess um die Morde der rechten Terrorgruppe NSU eine Aussage verlesen. Sie hat also ihr Schweigen gebrochen. Und doch bleibt der im Herbst 2014 uraufgeführte Text gültig, wie Michael Simons Inszenierung am Dortmunder Schauspiel zeigt.

Die Autorin hat in einem aktuellen Nachtrag die Ereignisse bereits kommentiert. Und so umspielt der Abend auch die Strategie, die in der Wendung entlarvt wird: „Sprechen ist ein Verbergen.“ Die Frau im Terroristen-Trio stellte ja nichts klar, hinterließ noch mehr Fragen. Das Stück gehört nach Dortmund, wo der Kiosk-Betreiber Mehmet Kubasik den rechten Mördern zum Opfer fiel.

Jelineks Text verlangt dem Theater wie dem Publikum eine Menge ab. „Das schweigende Mädchen“ hat keine Rollen, keine Akteure, ist eher ein Prosa-Requiem, eine textkritische Montage aus Nachrichten und Prozessprotokollen, auch ein sarkastischer Kommentar zum Umgang der Behörden mit den Morden. In München wurde das als Sprechpartitur vorgetragen. In der neuen Spielstätte des Schauspiels im Megastore in Dortmund-Hörde findet Regisseur Simon starke Bilder für Trauer und Ratlosigkeit.

Die Zuschauer kommen in keinen herkömmlichen Theaterraum, sondern in eine szenische Installation voller Schrift und Zeichen. Auf dem Boden liegen Grabplatten mit Namen von Opfern rechter Gewalt, eine Wand zeigt eine Deutschlandkarte mit Tatorten, eine andere den Anfang des Grundgesetzes, gegenüber sind „Wut“ und „Angst“ vexierbildhaft in einem Doppelschriftzug überlagert. Inselhaft sind kleine Spielorte markiert, wo die sechs Schauspieler als Engel auftreten, Uwe Schmieder in einem Schuttcontainer, Marlena Keil teilt sich einen Plastiksack mit leeren Flaschen von Reinigungsmitteln, Friederike Tiefenbacher spricht von der Mauer herab.

Schnell löst sich das statische Arrangement auf. Die Verwirrung bildet sich symbolhaft in der weitläufigen Halle des einstigen BVB-Fanshop ab. Wie konnte das geschehen? Dass ein Mann ermordet wurde gleichsam unter den Augen eines anwesenden Agenten vom Verfassungsschutz, den Jelineks Text in einen „Ver-fassungslosigkeits-schutz“ transformiert. Später beschwichtigt sie, der Mann sei „Verfassungs-Schützer“ gewesen und wenigstens nicht Schütze. Der einzelne Zuschauer bekommt viele Passagen nur fragmenthaft mit, weil sich die Engel zunehmend durch das Publikum Wege bahnen, immer mehr Betrieb machen, auch den Erregungspegel hochschrauben. Da wird mal eine Art Wachturm, mal das Wrack eines Polizeiautos durch den Raum geschoben, durch die Ausweichenden, die in die Rolle zufälliger Zeugen rutschen.

In die Konfusion tritt der Sprechchor des Theaters, in rosa-grauer Kleidung, die Gesichter weiß geschminkt, und gibt den Angehörigen der Opfer viele Stimmen. Und dann treibt der Chor einfach durch Voranschreiten das Publikum vor sich her.

Vorbei geht es am Raumteiler zu einer Tribüne. Nun sitzen die Zuschauer und erleben eine grelle Bebilderung von Jelineks Wutpredigt gegen das Versagen der deutschen Justiz, untermalt von der ersten Strophe des Deutschlandlieds, gesungen vom Sprechchor. Da tritt Marlena Keil als türkische Putzfrau auf, Merle Wasmuth schlüpft in das Kostüm eines Gartenzwergs, eine Paulchen-Panther-Maske zitiert das zynische Bekenner-Video der Bande. Schmieder posiert als gnomenhafter Richter, der mit braunem Schmier aus einer Babywindel gefüttert wird. Die Justiz schluckt, was die Täter ihr auftischen.

Die Maßlosigkeit gipfelt darin, dass sich die Wand teilt und den Blick auf die Kreuzigungstafel des Isenheimer Altars freigibt. Die Schauspieler posieren vor der Reproduktion als Christus, Maria, Johannes. Da gleitet die Inszenierung ab in eine Art schwarzes Passionsspiel, nah am Kitsch.

Ergreifend wird die Inszenierung besonders in den Monologen, wenn Schmieder, Bettina Lieder, Frank Genser die Opferperspektive einnehmen. Nicht jedes monströse Bild wird Jelineks monströsem Text gerecht. Wie sich aber am Ende das Ensemble zu einer Respektsbezeugung vor den Toten beruhigt, das gibt dem Abend Format und Haltung. Großer Beifall.

17., 27.12., 16.1.,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

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