Mehr als „Zettel’s Traum“: Zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt

Ein moderner Klassiker: Arno Schmidt (1914–1979).
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Ein moderner Klassiker: Arno Schmidt (1914–1979).

Von Ralf Stiftel Wer hätte den Erdtrabanten so in Szene gesetzt wie Arno Schmidt? „Der frühreife Mond schob, rachitisch krumm, übern Bahndamm“, schreibt er. Er findet Namen wie „das blasse Katzenauge“, „Kupfergong“, „der kahle Mongolenschädel“, „der gelbe Chitinleib“, die „staubige Schale“, die „rostige Spange“, „silbergepanzertes mageres Gesicht“. In seinen Texten machte der Schriftsteller den Himmelskörper auf unvergleichliche Art zum Resonanzkörper der irdischen Befindlichkeiten. Was immer Schmidts Helden zustößt – der Blick nach oben liefert lyrische Begleitmusik. Im Roman „Kaff auch Mare Crisium“ versucht der Ich-Erzähler Karl Richter, seine schüchterne Freundin willig zu stimmen, indem er ihr eine Geschichte vorfabuliert. Die auf dem Mond spielt.

Am Samstag hätte Arno Schmidt (1914-1979) seinen 100. Geburtstag gefeiert. Er genießt nicht den Ruhm anderer Nachkriegsschriftsteller. Dabei haben sie ihn verehrt, zumindest die Lesefähigen unter ihnen. Günter Grass hielt 1964 die Laudatio, als Schmidt den Fontane-Preis in Berlin erhielt. Nach der Feier sagte er Schmidts Frau Alice: „Wir haben doch alle bei Ihrem Mann gelernt.“ Siegfried Lenz schrieb eine euphorische Kritik, Heinrich Böll lobte das „steinerne Herz“, Martin Walser pries den Dichter im Südwestfunk. Und Schmidt sollte viel bekannter sein, nimmt sich neben seinen Texten doch die deutsche Nachkriegsliteratur bieder und gefällig aus.

Dafür gibt es Gründe. Der gewichtigste, bei Erscheinen ein Foliant von 1334 Seiten im Format Din-A 3, fast zehn Kilogramm schwer, ist Schmidts umfangreichstes Buch „Zettels Traum“. Es kam 1970 heraus, kostete luxuriöse 345 DM und war schon vor Erscheinen vergriffen. Damals fand sich kein Setzer, also reproduzierte man, was Schmidt auf der Maschine getippt hatte. Das Buch ist nicht unlesbar, wie manche behaupten. Aber es überfordert sicherlich den unvorbereiteten Leser. Und das nicht nur wegen des Schriftbilds. Die Seiten sind in drei Spalten aufgeteilt, drei Textflüsse, die sich gegenseitig kommentieren. Schmidt hat seine Technik der Verdichtung noch gesteigert, man sollte also mit Edgar Allan Poe, James Joyce und Sigmund Freud vertraut sein. Und er wendet seine Etym-Theorie an, lädt Wörter und Sätze durch bewusste Fehlschreibungen mit zusätzlicher, oft sexueller Bedeutung auf. Schon in „Kaff auch Mare Crisium“ hieß die Heldin in der Mond-Parodie des Nibelungenepos „Cream=Hilled“, um ihre Vorzüge zu unterstreichen.

Die Umstände dämpften nicht Schmidts Radikalität. Seinen Erstling, „Leviathan“ (1949), hatte er auf einem Block mit Telegrammformularen geschrieben, Geschenk eines britischen Offiziers. Es sind Notate aus den letzten Kriegstagen, und der Erzähler endet buchstäblich über dem Abgrund. Die am Expressionismus geschulte Sprache ist hochgespannt.

In den 1950er Jahren wurde Schmidt als politischer Autor gelesen. In keinem seiner Bücher fehlten Ausfälle gegen die Restauration unter Adenauer, die geistige Enge am Anfang des Wirtschaftswunders. Sein Rezept für ein Erdenleben lautete: „Aufs Dorf ziehen. Doof sein. Rammeln. Maul halten. Kirche gehen. Wenn n großer Mann in der Nähe auftaucht, in n Stall verschwinden: dahin kommt er kaum nach! Gegen Schreib- und Leseunterricht stimmen; für die Wiederaufrüstung: Atombomben!“ Bestseller wurden seine Bücher nicht.

Und man schlug zurück: Schmidt wurde wegen Gotteslästerung und Pornographie in der Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“ angeklagt. Existenzbedrohend für einen quasi besitzlosen Autor. Der Umzug aus dem katholischen Rheinhessen ins liberalere Darmstadt war eine Flucht.

Trotzdem etablierte er sich, vor allem durch härteste Textarbeit, möglich nur durch den Verzicht auf praktisch jede Ablenkung (wenn Alice in die Badeanstalt wollte, nannte er sie „vergnügungssüchtig“), Schnaps, Kaffee, Tabletten. Und Freunde. Wilhelm Michels, ein Lehrer und Leser, schickte Fresspakete, lieh Schmidts das Geld, mit dem sie 1958 ihr kleines Holzhaus in Bargfeld kaufen konnten, das von da an ihr Lebenszentrum bildete. Der Schriftsteller Alfred Andersch arbeitete in den 1950er Jahren beim Hessischen Rundfunk. Er gab Schmidt die gut dotierten Aufträge zu literarischen Rundfunk-Features. In ihnen umriss Schmidt seinen Kanon, schrieb über den „Schreckensmann“ Karl Philipp Moritz, das „Gehirntier“ Johannes von Müller, aber auch über Karl May, den er als „Großmystiker“ ansah.

Schon vor „Zettel’s Traum“ waren seine Bücher Gesprächsstoff. 1958 widmete ihm der „Spiegel“ eine Titelgeschichte. Als Schmidt 1963 in „Sitara“ das Werk Karl Mays einer psychoanalytischen Betrachtung unterzog und eine Fülle sexueller Doppeldeutigkeiten entdeckte, reagierte der Satiriker Robert Neumann mit der Forderung, Winnetou und Co auf den Index zu setzen.

Am 14. Juni 1977 endete endgültig die materielle Misere Schmidts. Da bot ihm der Student und Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma auf einem Spaziergang an, ihm die Dotierung des Nobelpreises (damals etwa 350 000 DM) zu schenken. Nach zwei Tagen Bedenkzeit nahm Schmidt an. Zu spät – seine Lebensführung hatte Spuren hinterlassen. Schon zur Verleihung des Goethe-Preises 1973 hatte der Herzkranke nicht mehr reisen können. Am 3. Juni 1979 starb Schmidt.

Es schien einmal, als ob er folgenlos geblieben sei. Kaum ein Schriftsteller versuchte, an ihn anzuknüpfen. Das verlangt ja auch einiges Talent. Inzwischen tut sich etwas. Frank Schulz verbindet auf ähnliche Weise das Gefühlsleben der Protagonisten mit Naturerscheinungen. Uwe Timm erwies 2011 Schmidt in der Novelle „Freitisch“ seine Reverenz. Und auch Tereza Mora, die für ihren Roman „Das Ungeheuer“ den Deutschen Buchpreis 2013 gewann, wurde wohl durch Schmidt angeregt, auf geteilten Buchseiten zu erzählen.

Er schrieb einmal, was er treibe, werde „in 200 Jahren als handwerklich=selbstverständliche Technik beachselzuckt“ werden. So weit ist es noch nicht. Aber verpassen sollte man bis dahin seine „schärfsten Wortkonzentrate“ nicht.

Schmidt Lesen

Nie war es leichter, Schmidt zu lesen, als heute. Die Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld pflegt das Werk, der Berliner Suhrkamp Verlag führt die Bargfelder Ausgabe fort und bringt Einzelausgaben heraus. Zum 100. Geburtstag erscheint „Zettel’s Traum“ in der gesetzten Fassung als broschierte Sonderausgabe in vier Bänden (1536 S.) für wohlfeile 100 Euro. Einen Eindruck vom schwierigen Menschen Schmidt vermittelt der Band „Und nun auf, zum Postauto!“, der eine Auswahl von Briefen Schmidts an Verleger, Autorenkollegen wie Alfred Andersch, Heinrich Böll, aber auch ganz normale Leser und seine Familie bieten (296 S., 29 Euro).

Als Einstiegsdroge sehr geeignet ist „Arno Schmidt. Das große Lesebuch“, das Bernd Rauschenbach, Vorstand der Schmidt-Stiftung, herausgegeben hat. Es bietet komplette Texte aus nahezu allen Werkphasen, Erzählungen, u.a. „Seelandschaft mit Pocahontas“, Zeitungsfeuilletons, die umstrittene Dankrede zum Goethepreis (S. Fischer Verlag, Frankfurt, 445 S., 9,99 Euro).

Ins Lesebuch hätte aber ein Radioessay Schmidts gehört. Die Lücke schließt das Bändchen „Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen!“, in dem Jan Philipp Reemtsma Texte über Wieland, Goethe und Herder versammelt und kommentiert. (Reclam Verlag, Stuttgart, 234 S., 6,40 Euro)

Der Titel „Arno Schmidt zum Vergnügen“ ist Programm. Susanne Fischer von der Schmidt-Stiftung sammelte kurze Textausschnitte in inhaltlichen Kapiteln. Lesehäppchen voll sprühenden Witzes wie „,Clitoris’ als Mädchenname?“ (Reclam, 191 S., 5 Euro)

Seit 1972 gibt es den „Bargfelder Boten“, eine Zeitschrift nur über Arno Schmidt. Jörg Drews, Journalist und Literaturwissenschaftler (1938–2009), hat sie gegründet. Der Band „Im Meer der Entscheidungen“ sammelt Drews’ Aufsätze zu Schmidt von 1963 bis 2009 (Edition Text und Kritik, München, 281 S., 36 Euro).

Friethelm Rathjens Chronik „Arno Schmidt“ sammelt alle belegbaren Lebensdaten (Edition Text und Kritik, 97 S., 15 Euro)

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