Das Marta Herford zeigt Werke von Mark Dion

+
Für dieses Mahnmal starb kein Tier: Die Kanadagans aus dem Teermuseum ist aus Plastik (2006).

Herford - Es kann einen schon schwindeln auf der schwankenden Leiter aus groben halbierten Birkenstämmen. Aber man ist ja gekommen, um zu schauen. Und der Hochsitz des Jägers gehört dazu. Der US-Künstler Mark Dion hat einen Raum geschaffen, der indirekt den abwesenden Bewohner porträtiert. Und in diesem Hochsitz schert man sich offensichtlich wenig ums edle Waidwerk. Da stehen die geleerten Flachmänner herum, die Wände sind bedeckt mit Pin-Ups nackter Frauen, und aufgeräumt wurde hier schon lange nicht mehr.

Dions lebensechter Nachbau im Museum Marta in Herford zeugt von Humor. Virtuos spielt er mit der Ambivalenz von Illusion und Realität. Der mehr als acht Meter hohe Ansitz wirkt schon durch seine rohe Materialität bestürzend real. So etwas erfindet man doch nicht. Tut man doch. Die 2008 geschaffene Installation „Hunting Blind – The Slob“ (deutsch etwa: der Schlamper) zeigt es.

Mark Dion, 1961 in New Bedford, Massachussetts, geboren, arbeitet schon lange an der Schnittstelle von Naturwissenschaft und Kunst. Seine Arbeiten waren bei der Biennale von Venedig und der documenta in Kassel zu sehen, und auch bei der Emscherkunst ist seine Station für Amateur-Ornithologen an wechselnden Standorten aufgestellt, 2016 in Dortmund-Mengede. Das Marta zeigt in der bislang umfassendsten Ausstellung in Deutschland einen Querschnitt durch sein Schaffen, Zeichnungen, Skizzen, arrangierte Fotografien, Skulpturen und immer wieder die raumgreifenden Installationen. Mehr als 7000 Einzelobjekte sind zu einem thematisch geordneten Rundgang arrangiert, von einem Empfangssalon durch Räume über Jagd und Umweltforschung bis zu einem makabren Gräberfeld mit präparierten Vögeln, die ganz in Teer getaucht wurden und so anmuten wie Opfer einer Ölkatastrophe.

„Widerspenstige Wildnis“ heißt die Schau, die den Besucher mit dem rüden Zugriff des Menschen auf seine Mitkreaturen konfrontiert. Ein Fries aus rund 120 Fotos zeigt immer das gleiche Motiv: Jäger mit ihrer Beute. Mal blickt eine Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts in vergilbtem Schwarz-Weiß auf eine beachtliche Strecke toter Tiere. Mal posiert in verblichenem Kodachrome-Gelb-Grün ein einzelner Schütze mit einem erlegten Löwen. Ein anderer hebt den Kopf der liegenden Antilope, so dass es aussieht, als lebe sie noch. Und ein junger Mann hat die aufgeklappte Flinte geschultert und sich mit Dutzenden Vögeln gegürtet. Die makabre Bildserie „Men and Game“ von 1998 zeigt einen befremdlich archaischen Stolz auf das Töten.

Dion hat dabei einen ironisch-distanzierten Blick auf die Ballerei. Eine Schießbude mit weißen Tontieren in vier Reihen ist oben mit niedlichen Schmusestofftieren dekoriert. Die einen werden zerschossen – ihre Scherben liegen vor dem roten Schrank –, die anderen liebkost. Ein anderes Arrangement zielt auf die Liebe der Amerikaner zur Waffe: Ein provisorischer Zielstand aus Blechfässern, auf die ein Brett aufgelegt wurde, darauf Pfannen, Papierzielscheiben, durchlöcherte Bratpfannen. Egal was: Wir bringen alles zur Strecke.

Aber Dion blickt auch auf andere Menschen, die die Natur benutzen. Er errichtet aus Reisekoffern, Körben, Flaschen, Seilen auf einer Insel aus aufgeschüttetem Sand gleichsam den Haushalt eines Forschers auf einer Expedition. Und den Ruhesitz, das Zuhause des Ethnographen zeigt er uns als Korbsessel unterm Sonnenschirm, auf dem Beistelltisch darf die Ginflasche neben der Lupe nicht fehlen. Die kleinen Schwächen setzt der Künstler besonders liebevoll ins Bild.

Und er hat Gäste ins Museum gebracht: Eine raumgroße Voliere dient als Bibliothek für die Vögel von Herford, die leibhaftig von Ast zu Ast hüpfen und fröhlich tschilpen. Auf dem künstlichen Baum und um ihn herum ist Fachliteratur arrangiert, Vogelbücher, Naturbücher, und, für unsere gefiederten Freunde besonders wichtig, auch ein Nachschlagewerk über Katzen.

Im nächsten Raum geht es um das Meer. Ein Archivschrank birgt, sorgsam sortiert und arrangiert, Fundsachen aus Nord- und Ostsee. In der einen Schublade Muschelschalen, Reste von Krustentieren, Federn. In der anderen seltsame Klumpen: Scherben und Plastikbrocken, der von den Gezeiten geformte, vom Menschen ins Meer eingebrachte Müll. Aquarien enthalten keine Fische, sondern ebenfalls Objekte aus dem Wasser, diesmal eine Kanne, ein Trichter, ein Schuh, mit Verkrustungen und Ablagerungen, echten und künstlichen, und wieder geht es um das Wechsel- und Zusammenspiel von Natur und Mensch.

Nicht nur der schwarzen Farbe wegen ist das „Teermuseum“ (2006) ein Memorial auf die Umweltzerstörung. Auch der Deko-Flamingo sieht teerübergossen ziemlich trist aus, und der Baum mit den aufgehängten präparierten Vögeln zitiert die makabren Zeichnungen Goyas von aufgehängten Kriegsopfern. In einer Ecke hocken weitere ausgestopfte Möwen und Krähen auf einer Halde aus Plastiksäcken, Reifen, Schläuchen, Kisten. Eine Szene aus dem „Concrete Jungle“ (Beton-Dschungel, 1992).

Eigentlich schildert Mark Dions Kunst eine ziemlich traurige Welt. Aber sein Witz, seine zuweilen boshafte Verspieltheit verleiht der Schau doch auch einen großen Unterhaltungswert.

Bis 7.2.2016, di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 05221 / 99 44 300, www.marta-herford.de,

Kurzführer 5 Euro

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare