Klavierfestival Ruhr erinnert an den Weltkriegsausbruch

Leon Fleisher eröffnet das Klavierfestival. - Foto: Hartlove
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Leon Fleisher eröffnet das Klavierfestival. - Foto: Hartlove

Von Edda Breski -  ESSEN Das Klavierfestival Ruhr trägt zu der langen Reihe von Gedenkveranstaltungen zum Ersten Weltkrieg bei. Das allerdings mit Hintersinn: Einer der Schwerpunkte für die kommende Saison ist das Thema „linke Hand“. „Wir dachten an die Versehrten, die wie Paul Wittgenstein im Krieg einen Arm verloren und trotzdem Pianisten blieben“, erklärte Intendant Franz Xaver Ohnesorg bei der Programmpressekonferenz am Freitag in der Philharmonie Essen.

Das Eröffnungskonzert (9.5., Jahrhunderthalle Bochum) bestreitet mit Leon Fleisher einer, der 40 Jahre lang seine Pianistenkarriere allein mit der linken Hand bestritt. Aufgrund eines Nervenleidens hatte er die Kontrolle über seine Rechte verloren, nach einer Botox-Therapie spielt er heute wieder beidhändig. In Bochum führt er das 4. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew für die linke Hand auf, Nicolas Angelich spielt das Konzert für die linke Hand von Maurice Ravel, ein Auftragswerk von Paul Wittgenstein. Die Eröffnung ist mit einer Diskussion gekoppelt (10.5., Philharmonie Essen). Fleisher spricht mit dem Neurowissenschaftler Eckart Altenmüller über sein Handicap.

Der Schwerpunkt Versehrtheit ist an mehreren Punkten im Programm festgemacht. So auf der Werkebene: Aufgeführt werden Kompositionen, die durch den Krieg beeinflusst wurden, etwa Violinsonaten von Debussy und Janacek, und Stücke, deren Schöpfer auf die Behinderungen verwundeter Musiker reagierten. Ergänzt werden diese Konzerte durch Vorträge, etwa des Harvard-Professors Robert Levin, der außerdem mit seiner Partnerin Ya-Fei Chuang seltene Bearbeitungen von Paul Wittgenstein spielt (5.7., Essen).

Ein zweiter Bezugspunkt ist das Thema Etüden. Diese kurzen Stücke entwickelten sich von der Übungsaufgabe zu Kunstwerken und werden im Programm des Klavierfestival quer durch Stadien und Epochen beleuchtet. Seltenes ist zu hören wie die Suite für zwei Violinen, Cello und Klavier für die linke Hand von Erich Wolfgang Korngold (4. 5., Düsseldorf). Tamara Stefanovich gestaltet einen Abend mit Etüden von Chopin, Debussy, Liszt und anderen (18.6., Essen).

Die Etude No. 44a von Leopold Godowsky nach Chopins „Nouvelles Études“ hat Marc-André Hamelin besorgt. Die Welt-Erstaufführung spielt er selbst, zugleich mit der deutschen Erstaufführung seiner eigenen Chaconne (13.6., Essen). Neues bringen auch am 11.5. Anne-Sophie Mutter und ihr Klavierpartner Lambert Orkis mit in die Philharmonie Essen: Pendereckis „La Follia“ für Solovioline und die Sonata No. 2 von André Previn. Philip Glass spielt mit dem Duo Maki Namekawa und Dennis Russell Davies seine sämtlichen Etüden (1.7., Duisburg).

Es gibt zwei weitere musikalische Programmschwerpunkte: das frühe Klavierwerk von Richard Strauss und die drei späten Klaviersonaten von Beethoven. Die sind in gleich drei Interpretationen zu erleben: vom diesjährigen Preisträger des Festivals, Krystian Zimmerman (3.6., Wuppertal), von András Schiff (16.6., Düsseldorf) und Igor Levit (30.6., Mülheim).

Starbesetzung wird für einen Strauss-Abend am 11.6. aufgeboten: Andris Nelsons dirigiert die Burleske für Klavier und Orchester, Solist ist Marc-André Hamelin. Um Strauss geht es auch beim Lieder-Schwerpunkt auf Schloss Herten (29., 30.5.), zu dem Felicity Lott kommt. Gerhard Oppitz spielt die Tondichtung „Enoch Arden“ nach Tennyson und Transkriptionen von Strauss-Liedern (14.5., Düsseldorf).

Zu den Einzel-Höhepunkten gehören Auftritte von Evgeny Kissin (5.6., Dortmund), Maria Joao Pires (3.7., Mülheim, mit dem Kölner Kammerorchester) und Daniel Barenboim, der seinen Schubert-Zyklus fortsetzt (27.5., Essen).

Alte Bekannte in der Jazzline: Chick Corea tritt solo in Dortmund auf (21.5.). Den Abschluss bestreiten wieder Till Brönner und seine „Piano Friends“ (12.7., Philharmonie Essen). Stefano Bollani gibt sein Festival-Debüt (10.7., Recklinghausen). Der aus Herdecke stammende junge Pianist Pablo Held spielt in Essen (Lichtburg, 17.6.)

Schwerpunkt des Education-Programms ist Musik von György Ligeti: Pierre-Laurent Aimard setzt seine Werbe-Arbeit in Sachen Ligeti unter anderem mit einem Tanz- und Musikprojekt fort (6.7., Pact Zollverein). Außerdem gibt er einen Meisterkurs und gestaltet eine große Ligeti-Nacht (6.6., Essen). In Nachfolge des Projekts „Les Noces“ aus dem vergangenen Jahr gibt es ein inklusives Projekt, ebenfalls zu Ligeti (Abschluss am 26.6., Landschaftspark Duisburg).

64 Konzerte an 19 Orten, 9.5.–12.7., Tel. 01806/50 08 03;

www.klavierfestival.de

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