Karl Otto Conrady über Gedichte, Politiker und völkisches Gerede

Karl Otto Conrady wurde 1926 in Hamm geboren. Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller hat als Professor in Saarbrücken, Kiel und zuletzt in Köln gelehrt. Er wurde mit einer Arbeit über Barockliteratur promoviert. Seine zweibändige Goethe-Biografie (1982/84) wurde zum Standardwerk. Sein populärstes Werk ist die Sammlung „Das große deutsche Gedichtbuch“, zuerst 1977 erschienen, später als „Der Große Conrady“ neu aufgelegt. Conrady war auch Politiker und hat sich kulturpolitisch engagiert. Er trug wesentlich bei zur kritischen Aufarbeitung der Rolle der Germanistik im Nationalsozialismus. - Fotos: Andreas Rother

HAMM - Das Geburtstagsgeschenk hat der Jubilar mitgebracht. Karl Otto Conrady feierte in der Stadtbücherei seiner Heimatstadt Hamm seinen 90. nach mit dem Vortrag „Goethes ,Edel sei der Mensch...‘ im Schatten eines Todesurteils“. Im Interview mit Ralf Stiftel äußert sich Conrady zu Dichtung, Politik und aktuellen Sorgen.

Herr Conrady, Sie haben sich ein Berufsleben lang immer wieder mit Lyrik befasst. Was bedeutet Ihnen Lyrik?

Conrady: Ich sträube mich gegen eine allgemeine Bestimmung, was Lyrik sein soll. Solche Bestimmungen sind sehr beliebt, etwa der Vers ist die Heimat des Gefühls. Ich halte dagegen die erste Zeile eines Gedichts von Christoph Meckel: „Das Gedicht ist nicht der Ort wo die Schönheit gepflegt wird...“ Was mich interessiert an der Lyrik, ist der Versuch des genauen Sprechens. Also bitte nicht heute noch Gedichte schreiben im Stil von Eichendorff und Brentano. Die haben wir ja. Und wer meint, nur in solchen gereimten oder auch ungereimten Versen sei echte Lyrik vorhanden, der verstellt Zugänge zu modernen Ausdrucksweisen.

Was muss ein Gedicht haben, damit es zu Ihnen spricht?

Conrady: Da kann man sich nicht festlegen. Für mich sind Gedichte wichtig, wenn sie mir vom Leben und von der Welt etwas neu zu sehen geben, etwas eröffnen an Sichten, wo ich aufmerksam werde. Ich muss dann nicht in eigenen Stimmungen vom Gedicht bestätigt werden. Die Frage nach einem Lieblingsgedicht lehne ich ab, weil wir für eine Antwort eine Nacht nötig hätten.

Aber können Sie vielleicht ein Beispiel nennen?

Conrady: Ich habe oft hingewiesen auf Hölderlins „Hälfte des Lebens“. Die wenigen Zeilen, aber ich habe es heute morgen nicht so präsent im Kopf: „Mit gelben Birnen hänget/ Und voll mit wilden Rosen/ Das Land in den See,/ Ihr holden Schwäne,/ Und trunken von Küssen/ Tunkt ihr das Haupt/ Ins heilignüchterne Wasser.“ und so weiter. Oder eines der besten Gedichte Goethes: „Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten/ Nebelschleiern sich enthüllen...“ Ein solcher Text ist ja mehrsinnig zu lesen. Es ist eine Naturbeschreibung, schließt aber sinnbildlich das ganze Leben ein: „Wird die Sonne, rötlich scheidend,/ Rings den Horizont vergolden“. Oder von Peter Rühmkorf „Einer von uns“, oder das eben zitierte Gedicht von Christoph Meckel. Es käme eine ganze Reihe zusammen.

Das von Ihnen herausgegebene „große deutsche Gedichtbuch“ hat unter dem Stichwort „Der große Conrady“ einen eigenen Eintrag bei Wikipedia. Es gilt als Standardwerk – und es ist nicht mehr lieferbar. Der Verlag hat es verramscht. Was denken Sie dabei?

Conrady: Was schon vor Jahren meine Goethe-Biografie traf, jetzt erwischte es das Gedicht. Das sind Verlagsentscheidungen rein kalkulatorischer Art, für die muss man ein gewisses Verständnis haben. Im Grunde ist das ein Zusammenfall des Scheiterns der Verlage, Artemis & Winkler ist kaputt gegangen, der Patmos Verlag ist eingegangen, dann gibt es solche Sachen. Das ist dann schon eine Enttäuschung. Die letzte Fassung ging ja einher mit der Produktion des sogenannten Hörbuch-Conrady mit über 20 CDs, eine Koproduktion mit der ARD. Es hat sich etabliert mit der Festlegung auf den Familiennamen: Der Conrady, was mir gar nicht so angenehm ist. Ich habe nur deswegen der irrwitzigen Formulierung „Der große Conrady“ zugestimmt. Der „kleine Conrady“ ist genau die Partitur der CDs. Aber jetzt besteht nur noch der „kleine Conrady“, der in der Luft hängt, das ist völlig absurd. Das ist schon sehr ärgerlich.

Hätten Sie denn noch die Kapazität und Lust, falls eine Neuauflage möglich wäre?

Conrady: Ich bin immer der Meinung gewesen, dass wir alt gewordenen Leute gewisse Projekte aufgeben sollten. Und so einfach ist das mit 90 nicht. Wenn man dann auch noch schwere körperliche Eingriffe gehabt hat. Man muss dann schon dankbar sein, wenn der Kopf offensichtlich noch so funktioniert, dass ich mit Ihnen das Gespräch führen kann. Ich füge aber an: Man vermisst die Möglichkeit, zu wichtigen Dingen beizutragen. Da aufzuhören, ist nicht einfach. Aber man darf nicht klammern. Ich meine, wie Helmut Schmidt, der 95 war. Er hätte sowohl das Rauchen im Fernsehen einstellen sollen als auch die Arbeit bei der Zeit.

Schmidt wird sehr verehrt.

Conrady: Der einzige abgewählte deutsche Bundeskanzler mit gescheiterter Politik wird für die jüngere und jüngste deutsche Journalistengeneration zum größten deutschen Politiker stilisiert. Das hat mit den sachlichen Abläufen nichts zu tun. Das ist Rück-Idealisierung. Das gilt für manchen auch für das eigene Leben. Sie kennen vielleicht Äußerungen nach dem Tenor:  „Ich würde alles noch einmal genau so machen.“ Das funktioniert nur mit Rück-Idealisierung.

Was würden Sie denn anders machen?

Conrady: Als ich als gerade 19-Jähriger von den Amerikanern aus dem Kriegsgefangenenlager bei Rheine entlassen wurde, da fühlte meine Generation, mit Ausnahme derer, sie im Widerstand waren, sich als Besiegte und nicht als Befreite. Es war ein langwieriger Prozess zu erkennen, dass 1945 ein Datum der Befreiung war.

Aber Sie haben doch dazu beigetragen, die Verstrickungen der Germanisten in die NS-Ideologie aufzudecken, was war daran falsch?

Conrady: In diesem Aufarbeitungsprozess kam es zu Auseinandersetzungen mit der Lehrergeneration, die das leugnete und als unverschämt empfand. Das führte dann zu Brüchen. Und da sage ich: Mensch, ich hätte den Alten anrufen sollen und sagen, wir müssen mal eine Flasche Wein zusammen trinken, um menschlich manches auszugleichen, verstehen Sie? Ein anderer Punkt: Habe ich zwei Lebensjahre hingeben müssen als PEN-Präsident? Das war verlorene Lebenszeit.

Sie haben zwischen 1996 und 1998 den Zusammenschluss von Ost- und West-PEN moderiert.

Conrady: Kollegen sagen: Hättest Du’s nicht gemacht, die Vereinigung der beiden deutschen PENs wäre vielleicht nicht gelungen. Am Anfang traten viele aus. Die wollten nicht, dass wir mit dem Ost-PEN zusammengingen. Überall diese Stasi-Furcht. Da gab es eine Fülle von Austritten. Dann wollte ich zurücktreten, und meine Frau sagte: Jetzt warte erst mal etwas. Kürzlich las ich in einer Geschichte des Ost-PEN: Conrady nahm das gelassen. Dabei hatte ich die Schnauze so voll.

Sie waren von 1967 bis 1969 Landtagsabgeordneter für die SPD in Schleswig-Holstein. Wie sehr bewegt Sie noch die Tagespolitik?

Conrady: Ich bin zutiefst betroffen über das, was an völkischem Gerede kommt von Personen wie Herrn Höcke. Da sind ja wieder Akademiker im Spiel wie 1933. Was da auf Kundgebungen gesagt wird! Und es trifft auf Menschen, die die fatale Vergangenheit der Sprachgebung nicht kennen. Wenn ich jünger wäre, würde ich mich bemühen, auf dem Sektor aktiv sprachliche Aufklärung zu betreiben. Denn die Tonart ist völkisch. Oder diese Beschlagnahme des Slogans von 1989: „Wir sind das Volk“. Das war berechtigt gegen eine diktatorische Parteienregierung. Und jetzt wird es gegen die gewählten parlamentarischen Volksvertreter gewendet.

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