Joplin-Hommage begeistert bei „Jazz Inbetween“ in Münster

+
Ein Mann für Janis Joplins Lieder: Jacques Mahieux vom Orchestre Franck Tortiller.

MÜNSTER - Graue Haare, Falten, der zerknautschte Hut, das schlabbrige Jackett. Man sieht Jacques Mahieux das gelebte Leben an. Mit 69 ist er fast so alt wie Janis Joplin heute wäre, wäre sie nicht 1970 den Drogen zum Opfer gefallen. Mahieux erzählt vom Testament der großen Bluessängerin, in dem sie eine letzte große Party schmiss, und auf den Einladungen stand: „Drinks are on Pearl“.

So heißt auch das ebenso melancholische wie lebensbejahende Lied, das Joplin, der Perle, gewidmet ist, und das Mahieux mit dem Orchestre Franck Tortiller singt, im wieder einmal ausverkauften Großen Haus des Theaters Münster. Die französische Formation gab dem „Jazz Inbetween“ ein mitreißendes Finale.

Eigentlich lockt das Internationale Jazzfestival Münster die Fans im Zwei-Jahres-Rhythmus nach Westfalen. Aber um die Leere zu überbrücken, gibt’s das Inbetween, ein Mini-Festival, gerade einen Abend lang, aber mit dem selben Kurator Fritz Schmücker und dem selben Profil: Geboten wird hochklassige Musik vorzugsweise aus Europa, die nicht unbedingt jeder kennt.

Wie die aus Polen stammende Sängerin Natalia Mateo mit ihrem Quintett. Sie trägt vor allem eigene Kompositionen vor, die in der Volksmusik ihrer Heimat wurzelt. Das hebt meistens sehr leise an, mit schwebenden Klängen des E-Gitarristen Dany Ahmad, mit kaum hörbarem Puckern des Drummers Fabian Ristau. Wenn die Band dann spielt, hört es sich manchmal nach Chanson an, manchmal nach einem traurigen Popsong, unterbrochen vielleicht von einem durchaus swingenden Pianosolo Simon Grotes. Das ist intensiv, wenn man ein Lied für sich nimmt, oder zwei. Der Auftritt in Münster litt freilich an der durchlaufenden Melancholie. Dass die in ihren Ansagen etwas autistisch wirkende Sängerin auch über andere, zum Beispiel rockige Töne verfügt, hielt sie diesmal zurück.

Ganz anders kam der holländische Trompeter Eric Vloeimans daher, der ein projekt mit dem jungen, klassisch ausgebildeten Harfenisten Remy van Kesteren vorstellte. Er versprach dem Publikum gleich in schönstem „Rüdi-Carrell-Deutsch“, dass sie das Publikum glücklich machen wollten. Ihre melodiebetonte Musik zwischen Klassik und Improvisation war dazu allemal angetan, manchmal sogar eine Spur zu süffig und konsumierbar, aber stets getragen von überschäumender Spielfreude und lässigem Humor. Da malten beide sich aus, wie es dem traurigen Stierkämpfer gehen mag, dem der Gegner ausbleibt. Sie schildern das Chaos auf einem Flughafen. Manchmal war das Programmmusik, tonmalerisch und illustrativ, aber stets hochvirtuos. Vloeimans verfügt über einen grandiosen Ton vom Hauchen bis zu strahlend brillanten Höhen, und auch van Kesteren ist gewitzt, beugt Töne, betont Rhythmen, schüttelt mal eben Smetanas „Moldau“ orchestral aus dem Ärmel, dass sein Partner mahnend auf die Partitur weist. Riesenbeifall.

Und dann Franck Tortillers Projekt „Janis the Pearl“, die Hommage eines französischen Jazzers an die früh verstorbene Rock-Ikone. Der Vibraphonist, der zwischen 2005 und 2008 das Orchestre National du Jazz geleitet hat, bot mit seiner neunköpfigen Band gleichwohl Cinemascope-Musik im Breitwand-Format. Die vierköpfige Bläsersektion, ohne Saxophone, dafür mit Anthony Callet am Euphonium, beherrschte präzise Funk-Phrasen, an denen auch James Brown nichts zu mäkeln gehabt hätte. Gitarrist Mathieu Vial-Collet beherrschte souverän den dreckigen Blues-Ton der 1960er. Der Schlagzeuger Patrice Héral, der schon beim Festival 2015 das Publikum hingerissen hatte, brillierte erneut mit einem Vokal-Solo zwischen Dada-Sprechen, Operntenor-Zitaten, Donald-Duck-Geschnatter, unbeschreibbaren Lauten und Beatboxing. Der Chef spielte Blockakkorde fast wie ein Pianist, dann wieder behende Sololinien.

Und Jacques Mahieux, der wie eine Mischung aus Keith Richards und Leonard Cohen aussieht, der eben nicht versuchte, Joplins Stimme zu kopieren, sondern sich und den Zuhörern die Lieder neu erschloss. Cohens Hommage „Chelsea Hotel“ trug er mit brüchigem Ton vor, nur von Tortiller begleitet, und als er die Hand aufs Herz legte, da gehörte der Song ganz ihm. Die Joplin-Songs formte er zu Erinnerungen um, zu Echos der wilden, freien Hippie-Ära, und mal sah er dabei wehmütig aus, mal ganz wild, zum Beispiel wenn er mit dem Gitarristen die wuchtigen Unisono-Linien von „Move Over“ vortrug. Ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird.

WDR3 sendet am 25.2. um 20.05 Uhr eine Zusammenfassung

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare