Jens Daniel Herzog inszeniert in Dortmund den „Rosenkavalier“

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Sie muss es richten und bleibt doch allein: Emily Newton (links) als Marschallin, Karl-Heinz Lehner als Ochs und Ileana Mateescu als Octavian im Dortmunder „Rosenkavalier“.

Von Edda Breski DORTMUND - In der Operette flittert das Sternengold nur so, vom Himmel herab, in den Herzen drin, in der Musik ohnehin. Der Satz „Die Liebe ist eine Himmelsmacht“ aus Johann Strauß’ „Zigeunerbaron“ ist ein geflügeltes Wort. An der Oper Dortmund hängt Jens Daniel Herzog den Himmel ebenfalls voll Sterne, für den „Rosenkavalier“.

Dem Publikum serviert er eye candy, vor allem arbeitet er am Kern der großformatigen Strauss-Oper: Liebe als Wunschtraum. Damit platziert er sie in der Moderne, aber im güldenen Gewand. Der Dortmunder „Rosenkavalier“ ist ausgesprochen sehenswert und musikalisch gelungen.

Herzog weist den drei Akten je eine Farbe zu: Gold, Silber und Bronze. Im Programmheft bezieht er sich auf die Zeitalter nach Ovid („Metamorphosen“). Näher liegt ein Vergleich mit den drei Perioden der Operette. Der „Rosenkavalier“ wurde 1911 uraufgeführt, mitten in der silbernen Operettenära, in der Komponisten wie Kálmán in der Nachfolge von Strauß und Suppé die Gattung noch populärer machten. Hofmannsthal spielt im Libretto, das sich eigentlich auf das Rokoko und Mozarts „Figaro“ bezieht, genial mit Themen und Figuren. Besonders der erste Akt ist als Typenkomödie tief in der volkstümlichen Tradition verankert.

Die Marschallin sitzt im goldenen Schatzkästlein. Das fürstliche Lever wird zum Lustspiel, mit einer Papagenofigur und dem Sänger (Lucian Krasnec) im Glamrock-Outfit. Im zweiten Akt kippt das Märchen-Kästchen (Bühne: Mathis Neidhart) und wird mit Trockenbauplatten überklebt. Die Bürgerlichen betreten die Szene. Im dritten Akt bohrt sich das Kästchen in den Grund wie eine gestrandete „Titanic“.

Eines gibt es aber, das über die verrutschende Welt hinauszuweisen scheint: Das goldene Traumbett unter Flittersternen, in dem sich die Marschallin und ihr „Bub“ vergnügten, kommt im Finale wieder angefahren, Octavian und Sophie dürfen unter die goldene Decke. Sie beenden die vertrackte Situation mit Sex, anders versteht’s der Octavian ja noch nicht.

Die beste Idee Herzogs ist, den Ochs von Lerchenau nicht als dickbäuchigen Schmierenkomödianten zu besetzen, sondern als Frauentyp. Bei der Premiere sang der dandyhaft zurechtgemachte Karl-Heinz Lehner (Kostüme: Sibylle Gädeke) anstelle des kranken Christian Sist.

Ochs wirft die Sophie gleich auf den Teppich, damit sie weiß, wer der Herr ist. Seine Tracht ist keine Ausstaffierung, sondern erinnert daran, dass er als Gutsherr Anspruch auf Land und Leute erhebt. Deshalb läuft sein Bastardsohn als stummer Beobachter mit, als Zeuge des sich eintrübenden Lustspiels.

Lehner singt mit öliger Leutseligkeit, seine tiefen Töne sind nachtschwarz und samtig. Es ist auch ihm zu verdanken, dass der Ochs in den Mittelpunkt rückt. Das entspricht Strauss‘ Vorstellungen: Seine Oper sollte nach dem Ochs heißen, erst seine Frau Pauline entschied auf „Rosenkavalier“.

Octavian und Sophie sind als engelweiß gekleidetes Paar ein bürgerlicher Kitschtraum, so hübsch wie Puppen auf der Hochzeitstorte. Ileana Mateescu singt die Titelrolle mit dunklem Glockenton. Octavians Naivität fasst sie in atemlose Ausbrüche, als „Mariandl“ bringt sie kecke Ungelenkigkeit mit. Audrey Thouret hält die Sophie in der Balance zwischen Soubrette und jugendlicher Liebhaberin. In der Rosenübergabe dehnt sie die Kantilenen an die Zerreißgrenze, als wolle sie überschnappen im Gefühlsdrang. Sophie ist hier eindeutig eine jüngere Ausgabe der Marschallin.

Für die ebenfalls kranke Christiane Kohl sprang bei der Premiere Emily Newton ein. Sie wirkt eigentlich zu jugendlich, man glaubt nicht, dass zwischen ihr und Octavian eine Generation liegt, auch wenn sie in ein rotes Trachtenkleid gesteckt wird. Ihre Stimme ist nicht überwältigend groß, aber leuchtend, anrührend, als sie versteht, dass es bald vorbei sein wird mit Octavian, sanft resignierend im Schlusstrio. Als sie verzichtet, gibt sie die Illusion von Liebe auf, akzeptiert die Realität und geht am Arm des bürgerlichen Faninal weg.

Gabriel Feltz schärft mit den Dortmunder Philharmonikern den üppigen Strauss-Klang nach, mit Spott und Hohn als Kommentar aus dem Orchestergraben. In dichten Szenen fehlt es mal an Klangtransparenz. Walzerschmelz gibt es im Ausnahmefall, aber an den entscheidenden Stellen liefert Feltz den Buttercremeklang, der die „Rosenkavalier“-Musik zu einem nostalgischen Hit machte.

30.1., 8,. 15., 21., 28.2., 21.3., 12.4., Tel.: 0231/50 27 222, www.theaterdo.de

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