Industriemuseum Zeche Zollern zeigt Betriebsgeschichte

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Neogotische Fassade des Verwaltungsgebäudes auf Zeche Zollern II/IV in Dortmund.

DORTMUND Das hat noch gefehlt – die Betriebsgeschichte des „Schlosses der Arbeit“. Die Zeche Zollern II/IV in Dortmund ist seit 1969 Industriemuseum und damit das erste in Deutschland. Aber was das Unternehmen ausmachte, welche Entwicklung es nahm, das fehlte bislang in der Präsentation des Industriedenkmals. Ab Donnerstag – Eröffnung 18 Uhr – wird in 15 Themenräumen die Historie der „Musterzeche“ der Gelsenkirchener Bergwerks-AG konzentriert und anschaulich vorgestellt.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der seit 1979 seine Industriemuseen kontinuierlich auf acht Standorte ausgebaut hat, setzt mit der neuen Dauerausstellung auf Zeche Zollern auch ein neues Schaukonzept um. Markus Löb, Direktor des LWL, will „maßstabsbildend bei der künftigen Überarbeitung von Dauerausstellungen sein“. Löbs Ehrgeiz richtet sich auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Im alten Verwaltungsgebäude können auch Rollstuhlfahrer alle Vitrinen einsehen. Über ein Leitsystem am Boden ist die Raumfolge zu erschließen, Pyramiden- und Brailleschrift geben Hinweise auf die Exponate, eine rote Stele ist gleichzeitig Hörstation für das Kernthema der Schauräume, und außerdem gibt es Tastobjekte, die beispielsweise die Maloche auf Zollern spürbar machen. Der elektrische Abbauhammer, der in den 1920er Jahren im Ruhrgebiet eingesetzt wurde und die Handarbeit mit der Keilhaue ablöste, wog 4,5 bzw. 5,5 Kilogramm. Und das Pickeisen musste noch aufgesetzt werden. Heinrich Flottmann hatte diesen Drucklufthammer mit Kugelsteuerung bereits 1904 zum Patent angemeldet.

Die Ereignisse um den 1. und 2. Weltkrieg sind vielschichtig und spiegeln sich in der Betriebsgeschichte des Bergbaus. Die Alliierten richteten von 1945 bis 1948 in den Zechen eigene Essensküchen ein, um den Bergmann zu versorgen, der mit seinen Essensmarken nicht an genug Kalorien kam. Ein Foto in der Ausstellung zeigt auch, dass Kinder mit Henkelmännern die Rationen ihrer Väter vor den Zechen abholten.

Mit solchen Details wird man tief in die Betriebs- und Zeitgeschichte gezogen. Erster Direktor der Zeche Zollern war der Ire William Thomas Mulvany (1806–85), der nach seiner Arbeit auf Hibernia (Gelsenkirchen) und Shamrock (Herne) die erste Kohle auf Zollern förderte. Ihm war es gelungen, die Schächte zu sümpfen. Eine Büste Mulvanys ist ausgestellt. Außerdem sind einzelne historische Bilder mit den Fingerspitzen zu lesen. Ihre Konturen sind erhaben. Diese plastische visuelle Umsetzung sei einmalig, sagte LWL-Direktor Markus Löb gestern in Dortmund. Beraten wurde der LWL von Gerd Kozyk, Vertreter der Blinden- und Sehbehindertenverbände NRW.

1877 ging Zollern I in Kirchlinde insolvent. Investitionen griffen nicht, und die Zeche wurde ein Opfer der Gründerkrise im Kaiserreich. Zollern blieb in veränderter Form aber Teil der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, die um 1910 der größte Bergwerkbetreiber im Revier war. Insgesamt 30 Zechen und Beteiligungen an Kokereien gehörten zur GBAG. Zollern II/IV wurde 1897 als „Musterzeche“ in Bövinghausen realisiert. Hier war die Ausbildung der Bergleute eingeführt worden, hier wurde neue Technik erprobt und architektonische Bauformen eingesetzt.

So ist denn auch das Verwaltungsgebäude im neogotischen Stil das größte Schauobjekt der Ausstellung selbst. Als zentrales Gebäude der Anlage wird das Büro des Bergwerksdirektors, mit den Räumen der Reviersteiger ums Foyer des Hauses geordnet. Im Zentrum steigt eine repräsentative Treppe ins erste Geschoss, wo sich die Duschräume für die Bergleute befanden. Dirk Zache, Direktor der acht LWL-Industriemuseen, hat die Farbgestaltung der Foyerhalle auf den Architekten Paul Knobbe (1867–1956) zurückgeführt, der Zollern II/IV entworfen hatte. Nun dominieren wieder Ocker und Olivgrün, wo bisher „Bonbonhellblau“ strahlte. Im Sommer soll die Maschinenhalle (1902) wiedereröffnet werden. Ein Fest des Jugendstils.

Die Ausstellung thematisiert den Bergarbeiterstreik 1905 und die Zwangsarbeit auf den Ruhrzechen („Hakenkreuzvitrine“, gekippt). In der ersten Etage ist der Weg zum Museum skizziert. „Alte Zeche soll Museum werden“ hieß es 1969 in der Lokalpresse. Der Künstler Günther Uecker und die Fotografin Hilla Becher setzten sich ein. Ein Brandbrief an die NRW-Landesregierung vom 30. Oktober ist nachzulesen.

Im Themenraum „Grubenbrand auf Zollern“ wird auch die Katastrophe auf der Zeche Radbod vom 12. November 1908 in Hamm-Hövel aufgeblättert. Auf einem Monitor ist das Tagebuch des preußischen Beamten nachzulesen, der berichtete, was die Aufräumarbeiten nach der Schlagwetterexplosion zu Tage förderten. Das Tagebuch Moritz Wilhelms gilt als einzigartige Quelle – eine Geschichte des Ruhrgebiets. 351 Bergleute kamen ums Leben.

Solche Beispiele macht die Ausstellung von Museumsdirektorin Anne Kugler-Mühlhofer aus, die die qualitätvollen Exponate kompakt und eindrucksvoll präsentiert. Industrie- und Sozialgeschichte fesseln. Und wer keine Originalquelle lesen will, der kann die rote Stele aufziehen und dem Museumstext lauschen. Oder der Griff zur Hörstation bringt einem die Zeitumstände näher. Im ersten Raum „Vor der Industrialisierung“ kommt Lina Paßmann in einem fiktiven Monolog zu Wort. Sie wird ihr Land in Bövinghausen 1897 verkaufen. Der Erlös macht es ihr leicht, die Töchter mit einer Mittgift auszustatten. Das Geld reicht auch noch für die Söhne, die vom ältesten Bruder ausgezahlt werden mussten. Denn er wird den Haupthof in Witten erben.

Ab 1850 wandelten sich die Bauernschaften an der Ruhr zu Europas größter Montanregion.

Eröffnung Donnerstag 18 Uhr; di-so 10 bis 18 Uhr; Tel. 0231/6961 111; www.lwl.org

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