„Hedda Gabler“ am Schauspiel Bochum

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Cooles Outfit: Hedda (Jana Schulz) und Brack (Matthias Redlhammer) im Schauspielhaus Bochum.

Von Achim Lettmann -  BOCHUM „Hedda Gabler“ ist eine klassische Frauenfigur des modernen Theaters. Henrik Ibsen hat ihre Verlorenheit in einer Männer dominierten Bürgerwelt zum Drama 1890 psychologisiert. Am Schauspielhaus Bochum spielte Dörte Lyssewski diese Verführerin im Jahr 2003 mit weiblicher Eleganz, kalkuliert und überlegen, bis in den Tod. Regie Ernst Stötzner.

Nun gibt Jana Schulz die Hedda als kühle Egomanin, die ihren inneren Schmerz mit heftigen Aktionen nach außen ventiliert. Sie greift der braven Frau Elvstedt (Minna Wündrich) schmerzvoll zwischen die Schenkel und erzwingt einen Bericht über Eilert, Heddas Ex-Geliebten. Sie ignoriert ihren langweiligen Forscher-Gatten Tesman, den Felix Rech als modischen Biedermeier nett verblödelt. Sie lüftet ihr T-Shirt für Richter Brack, den Matthias Redlhammer mit Brunftgetöse als geleckten Chauvi anbietet. Dreiecksverhältnis? Ja sicher. Sie lässt Tante Juliane die Attitüden von Kinder, Küche, Karriere antippen, die Katharina Linder mit gedrosselter Empörung beharrlich aus der Mottenkiste zieht. Und vor allem schützt sie uns vor diesen abgehalfterten Bürgerfiguren, die Regisseur Roger Vontobel aufreiht, um ihr gesellschaftliches Stigma zu sezieren: Lebensleere, Stillstand. Vontobel weitet Ibsens psychologisches Drama auf die Krankheit unserer Zeit aus: Visionslosigkeit, oder wie soll es weiter gehen? Sein Gradmesser wird dabei Jana Schulz, die mit Sonnenbrille und teilgeschorener Haarpracht die androgyne Variante dieser Dramengestalt abliefert. In ihrer Nähe ist es explosiv. Ob sie zu den Pistolen greift und rumballert, oder ob sie mit dem schulterfreien Kleid die muskulöse Rückenansicht freigibt, es ist spannend. Eine hochtönige Melodiespur (Musik: Daniel Murena) ziseliert die knisternde Atmosphäre im Schauspielhaus. Hedda reißt die Noppenfolie der Hausimitation ein und legt ein Existenzmodul frei (Bühne: Claudia Rohner), das die skandinavische Wohnkultur auf Kiefer funiert und ohne Möbel reduziert. Ein Hohlraum. Was soll hier noch werden?

Dass die Verunsicherung vor allem von Innen kommt, bebildert Regisseur Vontobel mit Videos von Clemens Walter. In Doku-Film-Ästhetik rauschen Blüten, Insekten, Pflanzen und Tiere als vitale Symbole für Leben und Tod über die verbliebenen Noppenflächen. Das ewige Leben wirkt fies und fiebrig.

Als Eilert Lövborg mit seiner Forscherarbeit erscheint, die Tesman die angestrebte Position kosten könnte, setzt der Kampf ums Dasein ein. Florian Lange gibt den genialen Denker, der feist wie abgeklärt in Heddas Welt tritt und nach alter Liebe fragt. Sie wird ihre Ideale verraten, und Lövberg kompromittiert sich bei einem Saufgelage mit Tesman und Brack: Die Bühne dröhnt, Clip-Geflacker, Techno-Bombast, Koma-Saufen. Hedda verbrennt Lövborgs Manuskript auf einer Bühne, die wie ein Müllberg aussieht; er wird sich erschießen.

„In Schönheit“, wie es bei Ibsen heißt, ist gar nichts mehr in Bochum. Jana Schulz zuckt, verzerrt ihr Gesicht und erhält am Ende eine Insektenmaske, wenn im Schlussbild der alte General Gabler (Gisbert Görke) seine Kinder wie kleine Dämonen um sich scharrt: „Früher oder später fügt man sich.“ Er war immer in Heddas Nähe.

Für einen Selbstmord fehlt Jana „Hedda“ Schulz plötzlich die Kraft. Ein Trauerspiel mit Horror-Momenten.

Das Stück

Eine moderne Frauenfigur als kühle explosive Furie, die am bürgerlichen wie visionslosen Leben zerbricht.

Hedda Gabler von Henrik Ibsen am Schauspielhaus Bochum

19., 25. März, 13., 19., 30. April

Tel. 0234/3333 5555

www.schauspielhausbochum.de

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