Das Hagener Osthaus Museum zeigt Friedensreich Hundertwasser

Struktur und Erzählung vereint Friedensreich Hundertwassers Bild „Jacquis Sharing“ (1975), das im Osthaus-Museum Hagen zu sehen ist.
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Struktur und Erzählung vereint Friedensreich Hundertwassers Bild „Jacquis Sharing“ (1975), das im Osthaus-Museum Hagen zu sehen ist.

Von Ralf Stiftel HAGEN - Die Augen fixieren den Betrachter aus dem Spinnennetz der Spiralen. Friedensreich Hundertwasser hat im Bild „Jacquis Sharing“ (1975) Bildebenen überlagert. Da ist das Muster aus blauen und roten Spirallinien, die sich überlagern und kreuzen und an einen Stadtplan erinnern. Da sind drei Gesichter, die mal im Profil, mal frontal in diese Struktur eingebettet wurden. Da sind Fensterchen, ein Schiff links oben und eine Zwiebel im rechten Gesicht, von der man nicht entscheidet, ob es die Gemüseknolle ist oder die Kuppel auf einem Turm. Eine sehr typische Komposition des Künstlers, die zwischen Dekor und Erzählung, zwischen Abstraktion und Abbildung changiert.

Zu sehen ist das Werk in der Ausstellung „Hundertwasser – Lebenslinien“ im Osthaus-Museum Hagen. Seit 17 Jahren erstmals wieder sucht hier ein Museum den Gesamtüberblick über das Schaffen des österreichischen Künstlers und Umweltaktivisten. Direktor Tayfun Belgin hofft auf großen Publikumszuspruch – nicht ohne Grund. Die Eröffnung am Samstag ist seit langem ausgebucht. „60 000 plus“ strebt Belgin als Besucherzahl an. Dann wäre die Schau auch finanziell im grünen Bereich. Denn die empfindlichen Objekte haben bei Transport und Versicherung ihren Preis – im sechsstelligen Bereich. Möglich wurde die Schau für Hagen nur durch die Kooperation mit der „Galerie“ aus Frankfurt, deren Leiter Peter Femfert den Künstler seit 1976 kannte. Femfert fungiert auch als Kurator der Schau.

Friedrich Stowasser wurde 1928 in Wien geboren. Der Vater starb ein Jahr darauf. Die Mutter, eine Jüdin, brachte sich und ihren Sohn mit Vorsicht durch die NS-Zeit. Viele ihrer Verwandten wurden in KZ ermordet. Dass Friedrich Künstler werden wollte, war ihm früh klar. Aber akademische Ausbildungen, sei es nach der Matura in Wien, sei es 1950 in Paris, brach er schnell ab. Er blieb Autodidakt, machte sich selbst wie seinen Namen. „Hundertwasser“ entstand durch die Übersetzung des russischen „Sto“ in Hundert. Später änderte er Friedrich in Friedensreich, nahm außerdem die Vornamen Dunkelbunt und Regentag hinzu. Er feierte früh Erfolge, gewann 1959 den Sambra-Preis der Biennale von Sao Paulo, wurde 1964 zur documenta in Kassel eingeladen, gestaltete das offizielle Plakat der Olympischen Spiele 1972 in München.

Nicht nur seine Bilder machen ihn populär. Er äußert sich gegen die Atomkraft, für einen respektvollen Umgang des Menschen mit der Natur, gegen den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union. Und für seine vielfältigen Aktivitäten sucht er das ganz große Publikum: In der Samstagabend-Show „Wünsch dir was“ im ZDF wirbt er 1972 für die Bewaldung von Hausdächern. Er ist Weltbürger, wohnt in Japan, in Neuseeland. 2000 stirbt er an Bord der „Queen Elizabeth 2“, auf dem Rückweg nach Europa.

Diese schillernde Figur muss man in allen Aspekten darstellen, findet Tayfun Belgin. Die Schau bietet mehr als 130 Objekte: Gemälde, Grafik, Architekturmodelle, die Humus-Toilette, Teppiche, Brillen, Briefmarken und eine Bibel.

Es hilft, dass man die frühen, noch etwas steifen Porträts und Akte sieht, die „Farblinienstrukturen“ und die Collage „Werte der Straße“ (1952), die Hundertwasser aus Zeitungsschnipseln, Zigarettenschachteln, Fahrkarten, Rasierklingenverpackung und Schokoladenpapier schuf. Im Aquarell „Kopf mit Erdenstern“ (1954) erkennt man den Einfluss Paul Klees. Wie Hundertwasser überhaupt aus vielen Quellen schöpft, dem Jugendstil wie der Art brut, dem Orientalismus wie der Anthroposophie. Der Mann hatte sogar Humor, wie sein Aquarell „Bain pour les yeux“ (1966, Augenbad) mit einer monumentalen Zwiebel zeigt.

Freilich zeigt sich auch, dass der kreative Elan bald erlahmte. In der ausgebreiteten Fülle ermüden die immer gleichen Spiralen und zellenartigen Architekturmotive. Erst recht gilt das für die Grafik, die er handwerklich überaus anspruchsvoll betreibt. Ein Blatt wie „Homo Humus como va – 10 002 nights“ (1984) vereint in sich vier Techniken: Lithografie, Serigrafie, Metallfolien- und Prägedruck. Für eine banale Komposition aus Versatzstücken früherer Arbeiten. Aber Hundertwasser gab weder etwas auf Originalität noch fürchtete er Kitsch. Und erfolgreich war er mit seiner Kunst allemal.

Man wird seinen Anhängern die Liebe zu den bunt-dekorativen Blättern nicht ausreden können. Und er hat sich bei aller Verschrobenheit ja für manch guten Zweck eingesetzt. In Hagen sieht man es an Plakaten, die für den öffentlichen Nahverkehr werben und zur Rettung der Wale aufrufen. Die Humus-Toilette sollte die menschlichen Ausscheidungen als wertvollen Rohstoff erfassen. Aber selbst bei überzeugten Grünen hat sich der Thron mit aufgelegter Sitzbrille und Fliegengitterabdeckung nicht durchgesetzt, den Hundertwasser in allen seinen Wohnungen benutzte. Das Leben wollte er auch mit seinen Architekturentwürfen verbessern, Häuser ohne rechte Winkel, mit organischen Schwüngen und Bäumen als „Mietern“. Er selbst hat sich in den Kreislauf des Lebens zurückgegeben, indem er sich in Neuseeland unter einem Baum begraben ließ, nackt, ohne Sarg.

1.2.–10.5., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 3138,

www.osthausmuseum.de

Katalog 24,90 Euro

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