Gerhard Henschels „Künstlerroman“ kommentiert die Kohl-Ära

Macht aus dem eigenen Leben eine Romanserie: Gerhard Henschel.
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Macht aus dem eigenen Leben eine Romanserie: Gerhard Henschel.

In seinen Tagträumen setzt sich Martin Schlosser keine Grenzen. Da stellt er sich vor, wie das Literaturarchiv Marbach ihm dafür dankt, dass er all die kleinen Zettel seiner Freundin Andrea archiviert hat. „…diese Papiere sollten der Forschung zugänglich bleiben“, sagt er, „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich erwarte einen Anruf aus Stockholm...“

Für den Literaturnobelpreis mag es noch zu früh sein. Außerdem bekommen den sowieso immer die Falschen, wie schon Arno Schmidt wusste. Aber für den Georg-K.-Glaser-Preis des rheinland-pfälzischen Kulturministeriums hat’s bei Gerhard Henschel schon gereicht. Sein „Künstlerroman“ ist bereits der sechste Band in einer Reihe, in der Henschel das eigene Leben chronologisch schreibend begleitet. Martin Schlosser, das ist der Autor als Bummelstudent 1985, endlich mit einer Freundin, aber erfüllt von einer Unzufriedenheit mit dem Unibetrieb. Wer glaubt, es müsse langweilig sein, dem Treiben eines etwas orientierungslosen Jung-Intellektuellen zu folgen, der erlebt sein helles Wunder. Henschel liefert eine ebenso kunst- wie humorvolle Chronik des piefigen Neo-Biedermeier der Ära Kohl. Das gelingt dem Autor, ohne dass er je die Fiktion eines ganz dem Moment verhafteten Tagebuchs verließe.

Nachrichtensüchtig verfolgt er in den Leitmedien Spiegel und Zeit die Parteispendenaffäre, den Fall Barschel, die Vereidigung von Joschka Fischer als hessischer Umweltminister in Turnschuhen, den Skandal um die NS-Vergangenheit des österreichischen Präsidenten Waldheim, die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Und zu jedem Thema kommentierwütig: „Wie aber hatte eine Null wie Helmut Kohl das Kanzleramt an sich gerissen?“ Mit der selben Erregungslust liest er die fast 100 Jahre alten Satiren von Karl Kraus, und in seinen Anmerkungen zu dem Skandalautor der Kaiserzeit äußert er sich, als wär’s ein lebender: „Maximilian Harden, dieser Schurke!“

Natürlich steht einer wie Martin Schlosser links. Man scheint es ihm anzusehen, was ihm Prügel einträgt von einem Schläger, der ihn als „Du rote Sau! Du Judensau!“ beschimpft. Als er allerdings bei einem Studentenjob echten Proletariern begegnet, enttäuschen sie ihn, weil sie sich nicht nach Sozialismus sehnen, „sondern nach Grillfleisch, Heckspoilern, Kegelabenden und beschissener Schlagermusik“.

Das Studium will er kurz vor dem Abschluss abbrechen und freier Schriftsteller werden – worauf die (unglücklichen, aber zur Trennung unfähigen) Eltern entsetzt reagieren. Die Voraussagen des Vaters scheinen einzutreffen: Martin hat selten genug Geld, eine löchrige Jacke, einen löchrigen Schuh und oft genug Hunger. Und bekommt er von einer spendablen Tante mal einen Hunderter extra, setzt er den gleich um in die antiquarische Werkausgabe von Jules Verne. Noch süchtiger als Nachrichten macht ihn Literatur, und seine Hausgötter wie Arno Schmidt, Rolf Dieter Brinkmann, Walter Kempowski und Eckhard Henscheid werden ebenso oft beschworen wie der Sänger Bob Dylan.

Der Realismus dieses Buchs schlägt sich mehr noch als in den Staatsaffären im Tagtäglichen nieder. Running Gags liefern banale, aber bezeichnende Ärgernisse wie die Mitbewohnerin der WG, die nie abwäscht, das „selbstzementierte Weizenbrot“ seiner Freundin Andrea, Kiffereskapaden mit seinem Kumpel. Vom Studentenleben der 1980er erführe ein Forscher hier sicher mehr als in soziologischen Studien (falls es überhaupt welche gibt). Und Henschels Klasse zeigt sich eben auch darin, dass er die Widersprüche im Leben seines Alter Ego nicht glättet, sondern bis hin zur Peinlichkeit herausarbeitet.

Geradezu irrwitzig sind die Bioenergetikseminare und Tantra-Wochenenden, die Schlosser anfangs mit unverhohlener Skepsis, aber gleichwohl zunehmender Lust besucht, vor allem, um Frauen kennenzulernen. Bei den Sannyasin schwitzt er, und dann sagt Henriette zu ihm, dass sie ihn darum beneide, und er denkt: „Kurios. Um mein Schwitzen hatte mich sonst noch niemand beneidet. (Würde ich mit meinen Hemden auskommen?)“

Und erst die schwierige Beziehung zu Andrea, mit der er zwar viel guten Sex hat, aber die sich trotzdem immer wieder mit anderen einlässt. Doch als sie ihn zur Monogamie bekehren will, gibt es wieder Streit. Dabei blitzt Martin regelmäßig ab, denn er hat „echt ein seltenes Talent für das Aufstöbern unzugänglicher Frauen“.

Leicht übersieht man, wie kunstvoll das geschrieben ist, obwohl es auf den ersten Blick wirkt, wie mal eben dahergesagt. Henschel fängt die gesprochene Sprache mit der Sorgfalt des Lyrikers ein, trifft diesen kleinbürgerlich gehobenen Tonfall, der so gern mal bürokratisch, mal goethisch klingt, Bildungszitate verballhornt. Und man findet geradezu einen Korpus von abgesunkenem Slang, lauter Wörter, die Farbe und Leben bringen, wie „Schietebippel“ und „schmoddrig“, „angewatzt“ und „Gewriggel“, „prüttjertre“ und „Wuracken“.

Gerhard Henschel: Künstlerroman. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg. 573 S., 25 Euro

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