Die französische Sopranistin Patricia Petibon im Konzerthaus Dortmund

Mit Scherz und vielen Tönen: Patricia Petibon.
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Mit Scherz und vielen Tönen: Patricia Petibon.

DORTMUND - Was haben Hühnchen, Plum-Pudding und ein Ochsenschwanz gemeinsam? Viele schnelle Silben. Leonard Bernstein hat nicht nur um eine genuin amerikanische Musik gerungen: Er war ein großer Humorist, der einmal buchstäblich eine Speisekarte herunterkomponierte. Bernsteins Lieder „La bonne cuisine“ verarbeitet die französische Sängerin Patricia Petibon in ihrer persönlichen Hexenküche.

Aus dem Flügel ihrer Klavierbegleiterin Susan Manoff zieht sie Plastikspinnen und Tischtennisbälle, bemalt mit Augen und Äderchen. Ein Stoffhuhn und ein Tau-Ende, der „Ochsenschwanz“, fliegen ins Publikum, die Zuhörer in den ersten Reihen werden ankoloraturt: „Schmäckt lä-ckerrr!“

Patricia Petibon, von Hause aus eine Barockspezialistin, trat zum ersten Mal im Konzerthaus Dortmund auf. Ihr Gastspiel war im Vorfeld vielleicht nicht passend beworben worden. In der Ankündigung war etwas von Chansons aus den 60er Jahren zu lesen, sie sang aber Lieder aus der Wende zum 20. Jahrhundert. Der Saal war halbiert worden, aber auch in dieser verkleinerten Form leider nicht ausverkauft. Um solch ein Konzert ist es schade.

Petibon könnte man, wenn es für die schmale, entweder mädchen- oder koboldhaft lächelnde Französin nicht zu grob klänge, als Rampensau bezeichnen. Sie kann albern sein, sie beherrscht Clownerei und Groteske. Aber sie ist viel mehr: eine Sänger-Schauspielerin mit schillerndem Sinn fürs Absurde. Sie beherrscht einen wilden Spaß wie die „Bonne Cuisine“ mit den Hasenpfeffer- und Hühnchenrezepten. Da bekommen die Schlussverzierungen sogar R-’n’-B-mäßigen Groove.

Einen abgeliebten Tenorschlager wie „Granada“ behandelt sie als spätromantische Liebesaffäre mit einem Sehnsuchts-Ort. Ein ganzer Urwald von Tönen leitet Saties „Trois mélodies de 1916“ ein: Vogelstimmen-Flöten, Geschnarre, Gebell. Die fabelhaft wandelbare Petibon und ihre kongeniale Klavierpartnerin sind sich für keinen Scherz zu schade, legen Mäuseohren und Hasenpuschel an, Petibon wandert mit einem Kochlöffel in der Hand ab, mit einer Pose, wie Toulouse-Lautrec sie nicht schöner hätte zeichnen können.

Reynaldo Hahns Lieder sind hierzulande selten im Repertoire. Er vertonte große Poesie der Renaissance und frühen Moderne mit preziöser, behutsam effektvoller Musik. „A Chloris“ verbindet die Denkfigur vom unbeschwerten Landleben mit einer Musik, die durch Sentiment das Vergängliche feiert. Wir befinden uns im Umfeld der „Fêtes galantes“, in denen der Dichter Paul Verlaine der Moderne im Vergangenheitsmodus entschwärmte. Petibon spürt darin dem Vergänglichen nach. Wenn das Gefühl in der Kunst etwas Vorgestelltes, sogar Phantasiertes ist, ist Hahns emotionaler Symbolismus eine übersteigerte Form davon. Das Schwelgen im Gefühl kann auch der Versuch sein, sich selbst zu spüren. Die Gefühls-Theater wird zum Ich-Erlebnis.

Mit Joseph Canteloubes „La delaïssado“ aus den „Chants d’Auvergne“ verweist Petibon auf die okzitanische Kultur. Das Lied erzählt von verletzter Liebe und Einsamkeit. Die letzte Strophe öffnet es in die Natursymbolik. Petibon lässt den geflüsterten Seufzer, die halb gebrochene Phrase hinter sich und malt eine Naturszene.

Poulencs „Les chemins de l’amour“ ist eine tiefenscharfe Aufnahme von Gefühl und Vergänglichkeit. Die Musik und Petibon als trauernde Ex-Geliebte suchen wieder nach Vergänglichem. Nostalgie durchzieht, bei aller Clownerei, viele Lieder. Ein klug gestalteter, herzerfrischend lustiger Liederabend.

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