Fotokalender „Blitzgeschichten“ vermittelt Ruhrgebietsatmosphäre

Eine typische Szene aus dem Ruhrgebiet von gestern, inszeniert von dem Kollektiv „Frei nach vorn“ für den Kalender „Blitzgeschichten“.

BOCHUM - So sieht Ärger aus: Die beiden jungen Frauen lassen den langhaarigen Macho, der sie von der Seite anquatscht, so richtig cool abblitzen. Nein, sie werden nicht in den silberblitzenden Opel einsteigen, der mit eingeschaltetem Licht an der Eckkneipe parkt. In der lauen Sommernacht schlucken noch einige andere junge Leute ihr Freiluftbierchen.

Eine typische Szene aus dem Ruhrgebiet, wie sie sich an irgendeinem Szenelokal in den 1980er Jahren abgespielt hat. Diese allerdings ist erfunden, eine aufwendige Inszenierung mit Statisten. Drei junge Fotografen und Designer aus Witten und Dortmund haben sie realisiert für den Fotokalender „Blitzgeschichten“.

Es war eine Kneipenidee, erzählt Ansgar Dlugos. Der Dortmunder Fotograf (30) saß mit seiner Studienkollegin Meike Willner (27) und deren Freund Philipp Niggemeier (27) zusammen. Sie sprachen über das Ruhrgebiet, das doch eine authentische Region sei. „Da ist eine Lagerhalle noch eine Lagerhalle“, sagt Dlugos. Und es entstand der Plan für ein Fotoprojekt, das in Bildern diese Atmosphäre einfängt. Man einigte sich auf Bochum, ging an typische Orte wie den Kiosk am Freigrafendamm, eine Schrebergartensiedlung, einen Fußball-Aschenplatz in Wattenscheid, aber auch das Schauspielhaus. Und hier inszenierten sie kleine Szenen mit diesem speziellen nostalgischen Flair. Die Menschen tragen dabei die Mode vergangener Jahrzehnte. Und jedesmal ist ein Opel im Bild, oder mehrere. „Opel gehörte ja auch zu Bochum“, sagt Dlugos, „auch wenn die Marke jetzt verschwunden ist.“

Fotos wie diese haben durchaus Tradition. Der kanadische Fotograf Jeff Wall zum Beispiel inszeniert für seine Leuchtkastenarbeiten Szenerien wie ein Filmregisseur. Das „Frei-nach-vorn“-Team geht ganz ähnlich vor.

13 Aufnahmen entstanden so, was ein Jahr Arbeit verschlang. Das Projekt war eigentlich nicht zu finanzieren. Sie sammelten das Startkapital durch Crowdfunding im Internet. Knapp 200 Helfer wirkten mit, vor und hinter der Kamera. Denn für eine authentische Anmutung gab es jede Menge Dinge aufzustellen und wegzuräumen. Die drei vom Kollektiv „Frei nach vorn“ erzählen mit jedem Bild eine Geschichte – fast wie bei einem Film und auch fast so aufwendig zu produzieren. So nahmen sie Kontakt zu Oldtimer-Clubs auf, um die passenden Automodelle ins Bild zu bekommen.

Was mag der Mann im Anzug machen, der gerade seinen Aktenkoffer im Kofferraum verstaut? Ein Vertreter vor einer langen Dienstfahrt? Seine Frau schaut traurig aus dem Fenster des Miethauses. Wie aus der Werbung der 1960er sieht die Hausfrau aus, die Wäsche aufhängt, während zwei Kinder auf der Stufe des Hauseingangs sitzen. Die Gastarbeiterfamilie in der Zechensiedlung hat ihren Kadett-Kombi auch auf dem Dach vollgepackt, gleich geht’s los nach Anatolien.

In diesen Bildern findet man keine Sehenswürdigkeiten, keine Zechentürme oder Industriekathedralen. Und doch erzählen sie dicht und hochpräsent von dem Ruhrgebiet, wie es einmal war. Grandios die Szene vom Ascheplatz, wo im Hintergrund die Kicker laufen, während vorn die Macker mit ihren aufgemotzten Kadetts posieren.

„Wir haben 50 Kioske abtelefoniert, bis wir einige fanden, die noch ursprünglich aussahen“, erzählt Dlugos. Das Bild am Kiosk Freigrafendamm wirkt wie im spukigen Mondlicht aufgenommen. „Tatsächlich haben wir das alles geblitzt“, erläutert der Fotograf.

Das Kalenderprojekt ist durchaus ein Erfolg, ein Großteil der Auflage von 1300 Stück ist verkauft. Und aus so einem spektakulären Projekt, so hoffen Dlugos und seine Mitstreiter, ergeben sich vielleicht weitere Unternehmungen. Und so machen die drei von den „Blitzgeschichten“ weiter als Werbeagentur.

Kalender „Blitzgeschichten 2016“, 24,95 Euro, im Internet: www.blitzgeschichten.de, offline an Anlaufstellen in Bochum wie dem Kiosk Freigrafendamm 33 und dem Prinz-Regent-Theater

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