Fotografien von Brigitte Kraemer in Oberhausen

Brigittes Fotografie „St. Antonius, Flurprozession, Essen 2008“ aus der Serie „Im guten Glauben“. Kraemer
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Brigittes Fotografie „St. Antonius, Flurprozession, Essen 2008“ aus der Serie „Im guten Glauben“. Kraemer

OBERHAUSEN „Ich hätte das emotional nicht ausgehalten, wenn ich nichts gemacht hätte“, sagt Brigitte Kraemer in der Ludwiggalerie des Schloss Oberhausen. Sie hat wieder Flüchtlinge fotografiert, die im letzten Jahr nach Deutschland kamen. Ausländer, Migranten, Neuankömmlinge – das ist eins ihrer Grundthemen.

1954 in Hamm geboren ist Brigitte Kraemer in einer Zeit aufgewachsen, als der Begriff Gastarbeiter noch ein Ausdruck für eine Art absichtsvolle und staatlich kontrolliere „Flucht“ war. In Oberhausen sind die aktuellen Bilder („Auf ein neues Leben“) in ihrer ersten retrospektiv angelegten Museumsausstellung ab Sonntag zusehen. Sie war in Mülheim, Herne und Wuppertal, um Menschen zu zeigen: der stolze Junge mit seinem Fahrradhelm, eine einsame Frau zwischen Klamotten und Habseligkeiten, ein Mann, der auf dem Boden ein Hemd gewissenhaft bügelt. Es sind die Bilder einer Fotografin, die seit ihrem Studium an der Folkwangschule und GHS Essen (1976–82) ihrem humanen Lebensgefühl und ihrem Gespür für Komposition folgt.

„Brigitte Kraemer. Mann und Auto, Die Bude, Im guten Glauben, Reportagen und Fotografien von 1985 bis heute“ ist der Titel einer Schau, die 121 Bilder zeigt und in Vitrinen Zeitschriften-Reportagen ausstellt. Seit den 80er Jahren werden Foto-Strecken von Kraemer in großen Magazinen publiziert. „Mütter mit Kindern im Knast“ (Stern, 1984), „Kinderprostitution in Thailand“ (Brigitte, 1991) und „Die Hindus von Hamm“ (Stern, 2004). Ihre letzte Arbeit für den „Stern“ liegt allerdings vier Jahre zurück. Die große Zeit der Foto-Reportagen ist lange vorbei.

Im Ruhrgebiet ist sie bekannt, weil sie an zentralen Orten das Leben der Menschen ins Bild setzt und dabei aufmerksam, gewissenhaft und nicht ohne Witz vorgeht. So zeigt die Ausstellung zum Thema „Die Bude“ (ab 2007) eine Serie, die zur Verkaufshalle erzählerische Schnappschüsse bietet: Wer schaut über die Theke, wie fällt die Bauform der Bude aus, wer spricht miteinander, was ist zu kaufen – eingelegte Heringe, harte Eier, Lakritze und Bonbons. Ihre Serien „Am Kanal“ (1992), „Mann und Auto“ (1994), „Camper an der Ruhr“ (1997) und „Im guten Glauben“ (2001) zeigen viel vom Leben im Revier. Aber auf „Kult“ ist sie nicht aus, der passiert so nebenbei.

Bevor Brigitte Kraemer ein Foto macht, muss sie Kontakt zu den Menschen bekommen. Den Autofans ist sie zu Oldtimer-Rallyes und Autotreffen gefolgt, hat Schrottplätze und Raststätten besucht, im Pkw übernachtet. Ihre Erfahrungen durchdringen die Aufnahmen. Sie arbeitet mit einer Leica M6, macht analoge Bilder, meist schwarzweiß. Früher hat sie mit „dem Fuji 400“ gearbeitet, heute nimmt sie Kodak-Filme. Barytpapier gibt es nur noch von Ilford. „Ich mag Dunkelkammerarbeit“, sagt Brigitte Kraemer in Oberhausen und genießt die Aufmerksamkeit, die ihre Bilder erfahren. Nur Auftragsarbeiten fotografiert sie digital. Für das Archiv des Ruhrmuseum Essen hat sie Siedlungen ins Licht gerückt – Chronistenarbeit im Strukturwandel

Kraemer hat Preise erhalten, Fotobücher veröffentlicht und immer wieder die Hoffnung gezeigt, die Menschen in dramatischen Lebensphasen noch haben: kriegsversehrte Kinder mit Verstümmelungen im Friedensdorf Oberhausen („Friedensengel“, 2004), Frauen mit ihren Kindern in den Frauenhäusern („Auf der Schwelle“). Sie liegen Brigitte Kraemer am Herzen. „Diakonissen“, „Swingerclubs“ und „Frauen auf Trebe“ sind noch andere Themen.

Und die Flüchtlinge? Nach den Tamilen um 1985, polnischen Spätaussiedlern und Russen in den 90er Jahren geht es weiter. „So ist es hier im Ruhrgebiet“, sagt Brigitte Kraemer, „es gibt verschiedene Nationalitäten.“

Eröffnung, Sonntag, 6. März,

15 Uhr, die Fotografin ist anwesend; bis 19. Juni; di-so 11 – 18 Uhr; Ostermontag geöffnet;

Katalog 29,80 Euro im Kerber-Verlag erschienen; www.ludwiggalerie.de

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